Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Das Jüdische Echo Nr. 23 Grundbesitz zu vermeiden und um die Grundrente der Gesamtheit zuzuführen, daß aller jüdische Grund und Boden in Palästina, wie es schon das Statut des Nationalfonds fordert, unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes bleibe, das den Boden in Erbpacht- oder Erbbaurecht abzugeben hat. Dem einzelnen Siedler ist grundsätzlich nur soviel Boden zuzuteilen, wie er bearbeiten kann. Herr Rechtsanwalt Strauß forderte, daß das neue jüdische Palästina auf der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit erbaut werde und schlug eine Reihe von Maßnahmen vor, die die ersten Schritte zu einer sozialistischen Entwicklung bedeuten. Strauß zeigte, daß nur auf diesem Wege Klassenkämpfe vermieden werden könnten, die umso schrecklicher werden müßten, weil die jüdische Arbeiterschaft mit Entschiedenheit einen sozialistischen Standpunkt vertrete und gegen jede Art von Ausbeutung mit allen Mitteln kämpfen werde. Die Debatte zeigte das interessante Bild, daß die vom Referenten aufgestellten Forderungen nicht nur von der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft vertreten wurden, sondern daß fast alle Delegierten in den praktischen Forderungen einig waren und eine Meinungsverschiedenheit mehr über das Tempo der Sozialisierung als über das Prinzip bestand. An der Debatte beteiligten sich unter anderem die Herren Auerbach, Brünn. Blumenfeld. Arlosoroff. Reichert. Ludwig und Max Strauß. Schließlich wurden die Anträge der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft mit drei von Blumenfeld vorgeschlagenen Änderungen und unter Hinzufügung eines Antrages des Misrachi in folgender Fassung angenommen: „Der Delegiertentag fördert von der zionistischen Weltorganisation, daß sie sich bei ihrer Arbeit für den Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina im Geiste altjüdischer sozialer Gesetzgebung von folgenden Richtlinien leiten läßt: 1. Nationalisierung des jüdischen Bodens in Stadt und Land und seine Weitergabe in Erbpacht und Erbbaurecht. 2. Festsetzung von Höchstausmaßen für die Zuteilung von Boden. 3. Weitergabe des Landes an Einwanderer, die das Land selbst bearbeiten sollen oder an landwirtschaftliche Genossenschaften. 4. Unterstützung der Konsumvereine unter Förderung ihrer Eigenproduktion. 5. Vergesellschaftung des Verkehrswesens, der Häfen, der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwirtschaft. der Wälder und Naturschätze. ‘ 6. Gewährung öffentlichen Kredits zum Aufbau der nationalen Produktion der Landwirtschaft und der Industrie mit Hilfe freier Arbeitergenossenschaften. 7. Aufsicht und Kontrolle der Privatindustrie durch die jüdische Gemeinschaft. 8. Kollektive Arbeitsverträge. Ausgedehnte Arbeiterschutz - Gesetzgebung (Sozialversicherung. Maximal - Arbeitszeit. Minimallöhne, Schutz der Frauen- und Kinderarbeit). 9. Anteilnahme der Arbeiter an der Regelung der Arbeitsbedingungen und am Gewinn. 10. Unentgeltliche Benutzung der Bildungsanstalten und Lehrmittel: die Möglichkeit der Teilnahme auch Unbemittelter durch Gewährung der Unterhaltskosten aus öffentlichen Mitteln. 11. Unentgeltliche Gewährung von ärztlicher Hilfe und Heilmitteln. 12. Kontrolle des Bau- und! Wohnungswesens, sowie möglichst ausgedehnte städtische und kommunale Bautätigkeit. 12. Sabbath und Feiertage sind die nationalen Ruhetage des jüdischen Volkes.“ Dieser Antrag wurde mit allen gegen 3 Stimmen angenommen. Von einem Anträge Dr. Elias Auerbachs, der keine Details geben sondern nur Grundsätze aufstellen wollte, wurde unter Übergang zur Tagesordnung bei allen übrigen Punkten der folgende Passus beschlossen: „Ein Gegensatz von Kapital und Arbeit und aus ihm sich ergebende Klassenkämpfe soll durch die Betätigung eines wahrhaft jüdischsozialen Geistes im Gemeinwesen verhindert werden.“ Ferner wurde ein Antrag des Hapo^l Hazair angenommen, wonach der Hechaluz. seinem Charakter als Pionierbewegung entsprechend, in jeder Hinsicht gefördert werden soll und die Zionistische Vereinigung für Deutschland beauftragt wird, allen Chaluzim in Deutschland durch Schaffung von Lehrgütern, Beschaffung von Lehrstellen und Unterstützung Unbemittelter die Berufsvorbereitung für Palästina zu ermöglichen. Der Nachmittag des zweiten Tages der Verhandlungen war den hygienischen Fragen gewidmet. Hierzu referierten die Herren Dr. Brünn und Dr. Auerbach, beide durch ihren jahrelangen Wohnsitz in Palästina besonders legitimiert. Während ersterer die allgemein hygienischen Gesichtspunkte besprach, ging der letztere auf die einzelnen häufiger vorkommenden Krankheiten ein, insbesondere die Malaria, das Trachom und den während des Krieges eingeschleppten Flecktyphus. Die beiden interessanten Referate wurden ergänzt durch die Ausführungen Dr. Theodor Zlocistis über Wanderungshygiene und Dr. Sandlers über die Tuberkulosen-Behandlung in Palästina. Es folgte das Referat des Architekten Baerwald. des Erbauers des Jüdischen Technikums in Haifa, der die technischen und künstlerischen Fragen behandelte, die das Bauwesen in Palästina betreffen. Seine Ausführungen wurden von Dipl.-Ing. Richard Michel ergänzt. Mit großem Interesse nahm die Tagung auch das Referat von Frau Sonja Gronemann auf, die von den Aufgaben der jüdischen Frau in Palästina sprach, von den Arbeiten berichtete, die der Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina geleistet hat und von den größeren Aufgaben, die ihnen jetzt bevorständen. In der anschließenden Aussprache betonte Fräulein Dr. Grete Pinner die wichtigen Aufgaben sozialer Natur, die die Frau in Wanderungshäfen und auf Wanderungsschiffen zu leisten hat und forderte Kurse, um Kindergärtnerinnen und Krankenpflegerinnen auszubilden und ihnen zu gleicher Zeit die notwendigen Kenntnisse in der hebräischen und. wenn möglich, auch in der jüdischen Sprache zu gewähren. Nur kurz kann auf das Referat von Redakteur Hans Goslar hingewiesen werden, der die Probleme der Finanzierung der jüdischen Kolonisation behandelte. Die kulturellen Fragen des Aufbaus konnten nicht in der ursprünglich beabsichtigten Form besprochen werden, da der Referent, Herr Prof. Loewe. nicht imstande war, sein Referat zu halten. Es wurde nach kurzer Aussprache ein Antrag von Dr. Arnold Barth angenommen, in welchem als Mittel zum Aufbau Palästinas im Sinne der altjüdischen Kultur folgendes in Aussicht genommen wird: