Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1919-05-30 · 22 (30.5.1919) · p. Seite 253

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 253 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9102975-9140007--02820-9075640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22 Das Jüdische Echo 253 volution wirksam sind. Manche scharfen Mißgriffe lassen sich nur so erklären. Vielleicht ist dem jüdischen Revolutionsführer deshalb meist jene höchste Popularität versagt, die ihm nicht nur die Begeisterung der Massen sondern ihr Herz entgegenträgt. Judenschicksal; es fehlt eben der volle Gleichklang der Seelen, den das gleiche Volkstum erzeugt. Der Jude ist deshalb als Führer in den Revolutionen der Völker — so sehr man begreift, daß und wie er es wird — durchaus fehl am Platze; deshalb ist seine Stellung auch ungeheuer exponiert. Er hat als Jude weit mehr Gegner, denn als Revolutionär und so wurde das Judentum in den Mittelpunkt der Geschehnisse der letzten Monate gezerrt, mit denen es an sich nichts zu tun hätte. Der Versuch mancher Juden, den Revolutionen der Völker ihren Stempel aufzudrücken, den zwar nicht sie selbt, wohl aber die Umwelt und die Geschichte als Besonderheit bezeichnen, ist verfehlt. Diese Wurzellosen, die keine große nationale Vergangenheit aufs Spiel setzen — oft auch keine persönliche — gelangen leicht in die schärfsten Extreme und von ihnen hört man am häufigsten die Forderung; „Zuerst das Alt^. einreißen und dann das Neue aufbauen“. Zionisten, die jüdische Art und Aufgabe tiefer erkennen, werden sich nie zu Revolutionsführern der Völker aufwerfen. Die Erfassung der jüdischen Aufgaben erscheint ihnen nicht als Beschränkung gegenüber eingebildeten Weiten. Das jüdische Volk ist im Begriff Palästina zu übernehmen, sein altangestammtes Erbe, wenn auch leider aus Händen, die sich am Scheidewege der Menschheit mit Gewalt beflecken. Dort wird das jüdische Volk seinen allereigensten, reinausgeprägten Beitrag zur Menschheitsentwicklung leisten. Auf der breiten Basis jüdischer Arbeit wird das Volk der Bibel, das der Welt das Ethos gebracht hat, hoffentlich Formen des Gemeinschaftslebens finden, die von bolschewistischer Verirrung und Gewalttätigkeit und von kapitalistisch-egoistischer Erwerbsgier und Ausbeutung gleich weit entfernt sein werden. Eine Massenkundgebung der orthodoxen Juden Wiens für den Zionismus. Wien, 14. Mai. Eine Massenkundgebung der Wiener Orthodoxie für unsere Bewegung fand hier dieser Tage statt. Die dreitausendköpfige Menge, die auf den Ruf des „Jischuw Erez Israel“ am letzten Sonntag in den großen Konzerthaussaal herbeigeströmt war, um für ein jüdisches Palästina zu manifestieren, bot schon äußerlich ein ungewohntes Bild. Die Scheidung, die diesen Kreisen zwischen Männern und Frauen notwendig erscheint und darum die ersteren im Parterre, die letzteren aber in Logen, Balkon und Galierie Platz nehmen ließ, tat der feierlichen Stimmung keinen Eintrag. Die vierzig Rabbiner, mit den würdevollen, nachdenklichen Gesichtern, diese Männer in ihren langen Gewändern und den wallenden Bärten gaben dem äußeren Bilde dieser Versammlung ein eigenartiges Kolorit. Zuerst trat ein junger Rabbiner S. Friedm a n n aus Sadagora auf die Tribüne. Er begann seine Rede mit einer Selbstanklage gegen das orthodoxe Judentum, welches der auf die Erneuerung des Judentums gerichteten Bewegung passiv gegenübersteht. „Wie wagt man es, dreimal täglich im Gebete Gott zur Rückkehr nach' Jeruscholajim anzurufen, wenn man nicht selbst Hand anlegt an das Werk der Rückkehr?“ Der Redner gedachte mit großer Ergriffenheit der großen Opfer der letzten Pogrome, insbesondere derer von Proskurow. Die Versammlung erhebt sich, in vieler Augen glänzen Tränen. Der Redner beschwor zum Schluß die Orthodoxen, sich in die Reihen der Kämpfer für Volk und Land zu stellen; diese Massenkundgebung möge die Inauguierung einer Massenbewegung des jüdischen Volkes für Palästina sein. Oberrabbiner Dr. C h a i e s *. mit brausender Ovation begrüßt, erklärte keinen Vortrag, sondern ein Referat über den Stand der Palästinasache erstatten zu wollen. Er erörterte und beleuchtete das von der zionistischen Leitung der Friedenskonferenz vorgelegte Memorandum Punkt für Punkt, referierte über die Vorgeschichte dieses Memorandums, und setzte die Haltung der Mächte auseinander. Besonders interessant ist der nicht allgemein bekannte Umstand, daß Präsident Wilson sich zuerst für ein jüdisches Palästina eingesetzt hat und ihm die Veröffentlichung der Balfourschen Erklärung vom 2. November 1917 in erster Linie zu verdanken sei. Redner sprach sein Bedauern darüber aus, daß selbst die zionistische Presse alle die sensationellen Nachrichten, die von Zeit zu Zeit über die Palästinafrage auftauchen, wahllos wiedergibt, die aber größtenteils von gegnerischer Seite lanciert werden, um die öffentliche Meinung irrezuleiten. Man schreibt absichtlich von einem „selbständigen Staat“, um den Glauben zu erwecken, daß die Zionisten eine solche Forderung erheben, um einerseits die Gegner aufzupeitschen, andererseits dann, wenn weniger erreicht wird, unter den Juden Depression hervorzurufen. Er warne darum vor zu großem Optimismus, muß aber auch vor jedem Pessimismus besonders warnen, da gar keine Veranlassung hierzu vorhanden ist. Das Protektariat Englands über Palästina sei so gut wie sicher und die Beziehung Englands zu den Zionisten ausgezeichnet. Über die Formen der inneren Verwaltung Palä- 3ttund)ner Jleuefte Jladjndjfen <9rÖfjfe,tägl.2mal erfdjeinenbe 3eitung ©üb* unb TWftelbeutfdj* lanb$. ffauffräftiger£eferfrete unb über£)euffd)lanbtf<5rengen fymautf* geljenbc Verbreitung. <9ro§erfauf* männ.u.gett>erbl.©teflenmarft Slnerfonnt fefjr erfolgreich für SUnjeigen aller Slrf. 21n$eigenpvzii unb Jladjlafj nadj Sarif. iSejugäprei* mono«. 37H. 2.50 bei allen beutföen pojtanftalten (•“UäglicfreSluffage 2ma( I60 000ßjemptare/Üf)er MillionIcfer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.