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Das jüdische Echo · 1919-05-30 · 22 (30.5.1919) · p. Seite 252

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 252 (sequence 4)
Language
German
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252 Das Jüdische Echo Nt. 22 sehe Juden der bolschewistischen Verirrung: erlagen, die zerstörend wirkt, wo die aufbauenden Kräfte am allernötigsten sind. Die aber in ihrer Brutalität eine Antwort auf die fürchterlichen Brutalitäten des zaristischen Regimes zu sein scheint. In diesem Zusammenhang mag an einen Fehler der alten deutschen Regierungsmethoden erinnert werden, der sich am armen deutschen Volke rächt, wie so vieles. Wofür es nicht kann: Viele hundert jüdische Studenten suchten jahrein, jahraus die ihnen in Rußland vorenthaltenen Ausbildungsmöglichkeiten an deutschen Hochschulen. Deutschland hatte da Gelegenheit billig wertvolle Kulturpropaganda zu treiben, für die andere Völker viele Millionen aufwenden, und sich in den künftigen Ärzten, Ingenieuren usw. in allen Teilen Rußlands eine Schar verlässiger und bei ihrer Berufsstellung einflußreicher Freunde zu sichern. Dazu brauchte man sie nur halbwegs entgegenkommend zu behandeln. Statt dessen ließ man sich von antisemitischen Instinkten leiten und begegnete den „Schnorrern und Verschwörern“, wie sie Bülow in einer Reichstagsrede bezeichnete, mit ausgesuchter Feindseligkeit. Man behandelte sie äußerst verächtlich und schikanös, leistete zudem Polizeidienste für die russische Regierung und verstärkte so deren revolutionsfördernde Arbeit. Man schuf sich neue Feinde, die nachher bittere eigene Erfahrungen aus dem „reaktionären“ Deutschland zu erzählen hatten Wenn heute die russische Sowjet-Regierung bei ihrem neuartigen Feldzug gegen Deutschland1 als Unruhestifterin eine ungeheure Tätigkeit entfaltet und dabei auch jüdische Emissäre verwendet, so ist dies eine tief bedauerliche Erscheinung, aber man fühlt sich versucht, darin ein vergeltendes Geschick zu erblicken. So finden wir im jüdischen Revolutionär ein Produkt der soziologischen Verhältnisse, denen er entstammt und seiner völkisch1 ganz abnormen Situation. IL Ist die soziologische Stellung der Juden auch eine wesentliche und sehr wirksame Ursache für den Anschluß vieler Juden an die revolutionären Parteien, so ist sie doch etwas verhältnismäßig Äußerliches und reicht allein — wie die materialistische Erklärungsweise überhaupt — nicht aus. Die Beziehungen des Judentums zum Sozialismus sind so alt wie die Geschichte der Juden als selbständiges Volk. Seit Moses — dem ersten jüdischen Revolutionär — durchzieht die jüdische Geschichte ein tiefer Drang nach sozialer Gerechtigkeit und er findet im Gesetz des jüdischen Staats eine Ausprägung, die heute noch in vielen Dingen vorbildlich ist. Ohne das Eigentum als ungemein wichtigen Wirtschaftsfaktor zu beseitigen, sucht es Bereicherung auf Kosten anderer zu verhindern — beispielsweise ist das Zinsnehmen verboten — und vor allem eine gerechte Verteilung des Bodens zu bewirken und durch das Jubeljahr zu erhalten. Den freiheitlichen Geist des jüdischen Staatsgesetzes zeigt die Bestimmung. daß in jedem siebenten Jahre die Sklaven freigelassen werden. „Und wer da sagt, ich liebe meinen Herrn und will die Freiheit nicht, dem durchbohre sein rechtes Ohr am Türpfosten mit einem Nagel und er bleibe sein Lebenlang Knecht.“ Dieser soziale und freiheitliche Geist bleibt wach im Jüdischen Staat und wenn er verletzt wird, so findet er seine Vertreter und Schützer in den Propheten, die mit unerhörter Wucht und Furchtlosigkeit gegen Mißbräuche donnern. Bis in unsere Zeit zeugen viele Gebote vom unverminderten Fortleben dieses sozialen Geistes. Dieses soziale Ethos wirkt fort von Moses bis zu den Propheten und Jesus, von Karl Marx und Lassalle bis zu den jüdischen Sozialisten — und bürgerlichen Sozialreformern unserer Zeit, die man bei Beurteilung der Frage immer vergißt. Das jüdische Ethos wirkt revolutionär, wo die herrschenden Gewalten den Juden zur Revolution drängen, wo er nicht die Möglichkeit findet, in friedlichem Wirken seine Kräfte zum besten des ganzen Volkes gestaltend zu entfalten. Es ist bekannt, daß in den freiheitlich regierten Ländern die Juden ein wesentlich konservatives Element sind und diese Länder haben aus der Beteiligung der Juden an den Staatsgeschäften reichen Gewinn gezogen. Benjamin Disraeli war Führer der konservativen Partei in England und einer der größten Staatsmänner aller Zeiten. Samuel Gompers, der Führer der Arbeiterverbände in Amerika wirkt weit mehr erhaltend und aufbauend als revolutionär. England. Frankreich, Amerika. Italien bieten mannigfache weitere Beispiele. Man sieht, der Jude ist an sich kein Revolutionär — wobei es dahingestellt bleibt, ob man diesen Begriff als Ehre oder Schande bezeichnet — und gesellt sich zu den besten aufbauenden Kräften im Staate, wo er die Möglichkeit dazu findet. Aufgabe der „bürgerlichen“ Juden wäre es, sich energischer als bisher um dieselbe zu bemühen, sie nötigenfalls zu erkämpfen suchen. III. Nach der Untersuchung über die Ursachen, aus denen der jüdische Revolutionär unserer Tage entstand, erscheint es von Belang, sich mit ihm selbst zu beschäftigen, mit seiner Psyche und seiner Beziehung zum Judentum. Dabei handelt es sich im Augenblick nur um die Juden, die in den allgemeinen revolutionären Parteien stehen. Haben diese überhaupt Beziehungen zum Judentum? Als Winawer, der jüdische Führer der Kadetten (russischen Liberalen) Trotzki auf die Gefahren hinwies, die sein Verhalten für die Juden heraufbeschwöre, antwortete ihm dieser: „Gehen Sie zu Ihren Juden und sagen Sie ihnen, daß ich kein Jude bin und mit den Juden nichts zu tun habe.“ Kurt Eisner zeigte nicht, daß ihn irgend etwas mit dem Judentum verbinde, trotzdem ihm die scharfe Debatte, die über sein Judentum nie zur Ruhe kam, Anlaß genug gegeben hätte, und ein Führer der augenblicklichen revolutionären Bewegung in München gab, als man ihn dieser Tage interpellierte, eine Antwort, die sich dem Sinne nach mit der Trotzkischen deckte. Diese Revolutionsführer sind wirklich keine Juden. die meisten nicht mal mehr dem Namen nach. Und doch wissen wir, daß Art und Wirken Karl Marx’, der, als Kind getauft, dem Judentum mit Haß und Verachtung entgegentrat, aus seiner jüdischen Herkunft zu verstehen ist und wir erkennen im völlig entjudeten jüdischen Revolutionär die Wirksamkeit des jüdischen Wesens. Die jüdischen Revolutionäre sind national entwurzelt, ohne Verbindung mit der Vergangenheit und meist heftige Gegner des nationalen Gedankens, ganz besonders des jüdisch-nationalen. Vielleicht fühlen sie instinktiv, daß er ihre ganze Stellung zur Umwelt erschüttert. Die jüdischen Forderungen bezüglich. Palästinas und der nationalen Autonomie in der Diaspora wurden von der Internationale gegen jüdische Stimmen angenommen. Die nationale Entwurzelung zeigt der jüdische Revolutionär in einer völligen Mißachtung der nationalen Triebkräfte und Imponderabilien; er verkennt die starken Gemütskräfte des Volkes, die auch in der Re-

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