Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 22 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten imiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiNiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiMmiiiiiiiiiiiiiimiiimiiiiiMiiiiiiiimiiiiiimiMiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiimiimiiMiimiiiimiiiiDiiiiiniiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiimiiiiMimiiiiiiiiiiiii Nummer 22 München / 6. Jahrgang 30. Mai 1919 Die Juden in der Revolution.*) Von Jakob Koppel. Wir stehen mitten im Wirbel revolutionären Geschehens, das Europa von Grund aus umzuändern scheint, und können nicht sagen, was bleibend ist von all den Kräften, die um Gestaltung ringen. In dieser Situation, in der es unendlich schwer ist, zu einem unbefangenen, geschweige denn unparteiischen Urteil über die Menschen und Kräfte zu gelangen, die am Werke sind, tritt uns eine Erscheinung so stark entgegen, daß es unvermeidbar ist, sich mit ihr auseinanderzu- .setzen: Überall stehen Juden mit in den ersten Reihen des revolutionären Kampfes und es geht nicht an, von Zufällen zu sprechen, wo offenbar tiefe, allgemein wirkende Ursachen vorliegen. Der oberflächliche Beobachter der Vorgänge im mittleren und östlichen Europa muß zu dem Ergebnis gelangen, daß Juden treibende Kräfte der Revolution seien. In den Augen des Spießers, der nicht weiß oder nicht bedenkt, daß er Nutznießer fxüherer Revolutionen ist, und schon aus dem Grunde alles revolutionäre Tun haßt, weil es ihn in seinem Behagen stört, ist damit ein vernichtendes Urteil gesprochen, auf das die antisemitische Uetze spekuliert, wenn sie die Erscheinung des jüdischen Revolutionärs (lügenhaft übertrieben bis zur Darstellung Revolutionär-Jude) für ihre Zwecke benützt. (Noch schlimmer ist, daß urteils- Üose deutsche Juden oft die ganze antisemitische Argumentation gegen — Ostjuden übernehmen.) Wir haben diese Erscheinung, die so unendlich viel und nach jeder Richtung besprochen wird, die aber kaum Jemand, außer den skrupellosen antisemitischen Hetzern, mutig anfaßt und wirklich gründlich behandelt, auf ihre Ursachen und Wirkungen zu prüfen. I. Der alte Staat und die alte Gesellschaft, deren ‘Struktur und Denkweise merkwürdig wenig beeinflußt wurden, haben die Juden immer als Fremde, als ungern gesehene Fremde behandelt, die nur in die Peripherie des politischen und gesellschaftlichen Lebens Einlaß erhielten und sich mit der wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit begnügen mußten. Die Klagen darüber sind alt und vermochten nie etwas zu bewirken. Die heftigsten Beteuerungen, daß die Juden sich durch nichts als die „Konfession“ von den anderen unterscheiden, vermochten keine Eingliederung in Staat und Gesellschaft zu erlangen. Nicht einmal die Entfernung des Konfessionsunterschiedes durch die Taufe erzielte nennenswerten Erfolg in dieser Richtung. Die Juden fanden, trotzdem ihre Fähigkeiten auf mannigfachen Gebieten erwiesen waren, keine Gelegenheit, dem Staate ihre Kräfte irgendwie dienstbar zu machen. Ähnlich wie der Staat *) Dieser Aufsatz wurde vor mehreren Wochen unter anderen politischen Verhältnissen geschrieben, dürfte aber auch jetzt als prinzipielle Auseinandersetzung unvermindertes Interesse finden. verhielten sich alle bürgerlichen Parteien. Selbst nach der Revolution hat keine von ihnen (nicht einmal die „verjudete“ demokratische) Juden an aussichtsreichen Stellen als Kandidaten zur Nationalversammlung nominiert. So fand der intellektuelle Jude, der nicht im Gelderwerb und Beruf aufgehen konnte, nie einen entsprechenden Wirkungskreis — außer im Sozialismus, dem er nach Lage der Dinge ohnedies zuneigen mußte. Außerhalb der herrschenden Gesellschaft stehend — diese hier bis weit hinunter verstanden — tritt er ihr viel freier und voraussetzungsloser, das heißt kritischer, gegenüber als der Nichtjude und ohne dessen innere Bindungen, die es diesem meist so schwer machen, zu einer anderen politischen Orientierung zu gelangen, als seiner Klasse entspricht. Der Jude sah die Schwäche des Staates und der herrschenden Politik naturgemäß schärfer als Angehörige der Schichten, die sie trugen. Andrerseits ist das jüdische Gemeinschaftsleben in Deutschland viel zu schwach entwickelt, um die nichtreligiösen, intellektuellen Juden zu fesseln und sie auf ihre eigensten besonderen jüdischen Aufgaben zu verweisen, denen sich nur ein relativ kleiner Teil, die Zionisten, intensiv widmet. So erhält deT Sozialismus einen ständigen starken Zufluß meist gebildeter Juden — dies ist besonders bezeichnend und wichtig — als einzige nennenswerte Schicht aus dem Bürgertum. Bei dem Bildungsgrad und der Aktivität dieser Juden ist es geradezu unvermeidlich, daß sie in einer proletarischen Bewegung rasch und in großer Zahl in führende Stellen gelangen, in denen wir sie heute in den sozialistischen Parteien aller Richtungen sehen. Die Bedeutung dieses reichen Gewinns geistiger führender Kräfte aus dem jüdischen Bürgertum kann allerdings für den Sozialismus gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Namen Karl Marx, Lassalle bis Paul Singer, Bloch, der Herausgeber der sozialistischen Monatshefte, Victor und Friedrich Adler, Kurt Eisner, Gustav Landauer — bis Trotzki bezeichnen den Weg der ganzen sozialistischen Entwicklung. Andrerseits ist zu beachten, daß nur die Juden politisch in Erscheinung treten können, die sich zur Auflehnung gegen de_n Druck des Bestehenden den revolutionären Parteien anschließen, wenngleich sie nur ein kleiner Bruchteil der Juden überhaupt sind. Viel schärfer noch als die Verhältnisse in Deutschland trieb das zaristische Regime mit seiner bestialischen Judenpolitik die nicht in strenger Religiosität abgeschlossenen Juden der revolutionären Bewegung in die Arme. Die jüdischen Führer der allgemeinen Arbeiterbewegung in Rußland (außer den vier jüdisch-sozialistischen Parteien), die Trotzki. Axelrod, Deutsch. Gotz, Gerschumi usw., sind schließlich, so fern sie auch dem Judentum stehen, nichts anderes als die Antwort der jüdischen Gasse auf die zaristischen Gewalttaten. Druck erzeugt Gegendruck und wenn die Schärfe einer revolutionären Erhebung dem Druck entspricht, gegen den sie sich zur Wehr setzt, so ist es begreiflich, daß viele russi-