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Das jüdische Echo · 1919-05-23 · 21 (23.5.1919) · p. Seite 243

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
21 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
Seite 243 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 243 Möglichkeit verwehrt werden, unser inneres Leben unserem eigenen Willen gemäß zu gestalten? Man räumt uns gleiche Rechte ein. Damit aber diese Rechtsgleichheit vollkommen und wirksam ist, ist es erforderlich, daß man uns das elementare Recht zuerkennt, zu sein, was wir sind, daß man uns ermöglicht, unser nationales Leben zu erhalten und zu entfalten. In folgender Weise denken wir uns die künftige Organisation des polnischen Judentums: Jede jüdische Gemeinde wählt auf demokratischer Grundlage ihren eigenen Rat. dem die Aufgabe obliegt: 1. Die Regelung der religiösen Angelegenheiten. 2. Organisation des öffentlichen Erziehungs- und Unterrichtswesens (Schule, Vorlesungen, Bibliotheken usw.). Wir wollen, daß unsere Kinder in unseren Schulen eine jüdische Erziehung erhalten, die dadurch möglich wird, daß man dort unsere Literatur und unsere Geschichte lehrt. Selbstverständlich wird das alles gelehrt werden, was ein Bürger Polens wissen muß. Ferner sieht unser Organisationsentwurf die Schaffung eines an der Spitze des polnischen Judentums stehenden Oberrates vor, eines ausführenden und kontrollberechtigten Organs, gewählt vom jüdisch-nationalen Parlament, dem die gleichen Aufgaben obliegen, wie der Gemeinde, mit natürlich weit ausgedehnteren Grenzen; seine Aufgabe wird die Wahrnehmung und Verfechtung der Interessen des polnischen Gesamtjudentums. Wir werden auch an die Regierung die Forderung stellen, in Übereinstimmung mit dem jüdischen Oberrat einen Staatssekretär für jüdische Angelegenheiten einzusetzen. Das ist annähernd das Ausmaß unserer Forderungen. Ich wiederhole: es handelt sich lediglich um eine ausschließliche Organisation der inneren Angelegenheiten. Man glaube ja nicht, es handle sich hier bloß um das Programm einer jüdischen Partei. In bezug auf diese Frage ist bereits der Wille des polnischen Gesamtjudentums in unzweifelhaftester Weise zum Ausdruck gekommen, namentlich in den Landtagswahlen. Es gibt keine Repräsentanten der Assimilation. Sie wagten es nicht, die Kandidaten aufzustellen mit Ausnahme von Krakau. wo mein Gegner, Dr. Groß, der Abgeordnete des Wiener Reichsrates, bloß 2000 Stimmen auf sich vereinigte, gegen die für mich, den Kandidaten der Zionisten, abgegebenen 12 000 Stimmen. Sämtliche neun jüdischen Abgeordneten stehen in bezug auf unsere Bestrebungen auf national-jüdischem Boden. Ich glaube, meinte Dr. Thon zum Schluß, das sich ein modus vivendi finden würde. Das Leben selbst, stärker als alle Theorien, wird uns dazu zwingen. Die Auflebung Polens ist ein schlagendes Zeugnis des Sieges des Rechtes über die brutale Gewalt, und es ist unmöglich, daß die Polen uns gegenüber den Grundsatz verleugnen, für den sie gelebt, für den sie gekämpft und gelitten haben. Das auferstandene Polen wird der Kräfte aller seiner Söhne benötigen. Es ist notwendig, daß wir miteinander so rasch wie möglich einig werden.“ Die Liga der Menschenrechte für das jüdische Volk. Aus Paris wird gedrahtet: Am 5. Mai fand ein von der „Liga für Menschenrechte“ veranstaltetes, von über 2000 Personen besuchtes Massenmeeting statt, bei dem unter dem Vorsitz des Präsidenten der Liga. Abgeordneten du Buisson, das Thema der Minderheitsrechte der Juden behandelt wurde. Dr. Leon Reich legte die jüdischen Forderungen dar. indem er die Grundfragen theoretisch und praktisch vom osteuropäischen Standpunkte aus beleuchtete. Nach ihm sprachen Leo Motzkin und der Vizepräsident der Liga für Menschenrechte Herold. Eine Resolution verlangte, daß die Friedenskonferenz die Minoritätsrechte der Juden anerkenne. Neue Pogrome. Ausschreitungen gegen die Juden in Lublin. Aus Lublin eintreffende Reisende berichten über schwere Ausschreitungen, die dort anläßlich der militärischen Aushebung polnische Rekruten gegen die jüdische Bevölkerung begangen haben. Die Exzesse begannen am Donnerstag, den 24. April, an welchem Tage, bereits in früher Stunde, die polnischen Rekruten die jüdischen Geschäfte in der von Juden bewohnten Gegend von Ljubartowska und in der Krakauer Vorstadt plünderten, die jüdischen Passanten mißhandelten. Der immer anwachsende Haufe begab sich darauf nach der Zamojska und Faksalna, wo die Plünderungen der jüdischen Geschäfte von neuem begannen. Vorbeigehende Juden wurden mit Stöcken und Eisenbarren schwer mißhandelt. Am folgenden Tage, Freitag, wiederholten sich die Exzesse in noch schärferen Formen. Jüdische Geschäfte wurden geplündert. Am Bahnhof nahmen polnische Jugendgruppen Aufstellung, wo sie die jüdischen Reisenden überfielen und blutig zurichteten. Zahlreichen Juden wurden die Bärte ausgerissen. Erst um Mittag griff Miliz und Gendarmerie ein, die die Ordnung wiederherstellte. Die Erregung der jüdischen Bevölkerung ist unbeschreiblich; man befürchtet regelrechte Pogrome. Die „Dwa-Grosze“ stellt die Ereignisse in Lublin so hin, als hätten die Juden die Polen überfallen und spricht von jüdischen Exzessen und jüdischer Provokation. Dagegen berichtet die in Lublin erscheinende polnische „Ziemsa Lubelska“ wahrheitsgemäß, wenn auch unvollständig und zurückhaltend, über den antisemitischen Charakter der Exzesse. Die Ausschreitungen dauern fort. Pogrome in Wilna. Königsberg, 6. Mai. Von zuverlässiger Seite wird berichtet: Seit Einzug der Polen herrschen in Wilna furchtbare Pogrome. In den ersten Tagen wurden 54 Juden gemordet, viele verwundet, über dreitausend Juden gefangen fortgeschleppt. Die Metzeleien dauern noch an. Alle Juden werden von polnischen Truppen und der einheimischen polnischen Bevölkerung ausgeplündert. Die bisherigen Schäden werden auf mindestens sechzig Millionen geschätzt. Die jüdische Bevölkerung ist andauernd in größter Lebensgefahr und kann Wilna nicht verlassen. Der Lebensmittelverkauf an Juden wird verhindert, auch die Synagoge ist ausgeraubt. Die Bedrohten erflehen die Hilfe der Kulturwelt. Sie bitten, eine amerikanische Kommission solle sofort nach Wilna reisen, um die Lage zu untersuchen, unterstützt von zwei jüdischen und auch christlichen Mitgliedern des Warschauer Landesrats. Auch aus Westgalizien werden Pogrome gemeldet. In Rzeszow fand am 3. und 4. Mai ein großer Judenpogrom statt. Große Menschenmengen sammelten sich und beklagten sich beim Magistrat und

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