Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 241 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Da9 Jüdische Echo 241 Kohlenbergbau. Die bedeutende Kohlengrube Heinitz ist von Otto Friedländer aufgeschlossen worden und die meisten Kohlengruben des Rybniker Reviers befinden sich in den Händen von Fritz Friedländer, Qebr. G u 11 - mann, Baron v. Rothschild und Sternberg. Auch die oberschlesischen Lederfabriken, Mühlenwerke. Textilfabriken und Zigarrenfabriken befinden sich in größerem Umfange in jüdischem Besitz. Jüdische Unternehmer waren auch bei der Begründung der bedeutenden oberschlesischen Portland-Zement- und Kalkindustrie stark beteiligt. Von nicht geringerer Bedeutung ist der Anteil der Juden am Ausbau des Verkehrswesens. Die für den Verkehr zwischen den Erzgruben und den Hüttenwerken wichtige, den ganzen oberschlesischen Industriebezirk umspannende Kleinbahn. die vor ungefähr einem Jahrzehnt in den Staatsbetrieb übergegangen ist, hat den jüdischen Eisenbahnunternehmer Rudolf Pringsheim zu ihrem Gründer. Eine andere Kleinbahn ist vom Unternehmer Eugen Siegheim erbaut. Von beherrschender Bedeutung ist der jüdische Handel des Landes. Es seien die von Juden begründete und auch weiterhin von ihnen geleiteten weltbekannten Kohlenfirmen Cäsar Wollh e i m und Emanuel Friedländer & Co., die Erzfirma Nowak & Grünfeld, die grossen oberschlesischen Holzhandelsfirmen S. Goldstein, S. Grünfeld, W. Sternberg, S. Fuchs. Max Köhler, die seit Jahrzehnten die Erz- und Kohlengruben mit erforderlichem Grubenholz versorgen, erwähnt. Auch der stark entwickelte Kolonialwarenhandel des dichtbevölkerten Bezirkes wird fast ausschließlich von Juden bewirkt. Im Hinblick auf diese beherrschende Wirtschaftsstellung der Juden in Oberschlesien kann es nicht mehr verwundern, daß sie auch zum vornehmsten Träger der gesamten bürgerlichen, politischen und geistigen Kultur dieses Landes geworden sind. Das städtische Leben erhält nicht nur in Wirtschaft, sondern auch im Bereiche geistiger und kultureller Entwicklung von ihnen das Gepräge. Kommen die Polen nach Oberschlesien, dann zieht mit ihnen neben dem politischen und Mordantisemitismus auch der Wirtschaftsantisemitismus ins Land. Der polnische Wirtschaftsantisemitismus, dessen oberster Grundsatz die „Nationalisierung“ des polnischen Wirtschaftslebens und die Verdrängung der „fremden Elemente“ ist, wird in Oberschlesien auf eine in einem Halbjahrhundert gewaltiger Arbeit aufgebaute beherrschende jüdische Wirtschaftsstellung stoßen. Das polnische Oberschlesien wird, darüber kann es keinen Zweifel geben, zum Exponenten des polnischen Judenhasses. zum bevorzugten Schauplatz des unerbittlichen Vernichtungskampfes gegen die Juden werden. als welcher es bald Galizien und das Kongreßland in den Schatten stellen wird. Die Juden Oberschlesiens werden ihre endgültige Auslieferung an den Todfeind nicht erst abwarten, sondern sich bald nach neuen, gesicherten Lebensmöglichkeiten umschauen. Sie werden den Staub der verlorenen Heimat von den Füßen abschütteln und abwandern. Mit ihnen wandert jedoch der wirtschaftliche Wohlstand und die schöpferische Kraft des Landes, das nunmehr dem unaufhaltsamen Verfall geweiht ist. Alsdann mögen die Polen nicht die oberschlesische Industrie und den Handel, sondern den Bankerott und den Ruin und die Anarchie „nationalisieren“. Leo Rosenberg. Eine Unterredung mit Hermann Struck. Die amtliche „Deutsche Allgemeine Zeitung“ veröffentlicht eine Unterredung ihres Mitarbeiters mit Hermann Struck, der bekanntlich der deutschen Friedensdelegation als Sachverständiger für jüdische Fragen zugeteilt wurde, die wir nachstehend wiedergeben. Herr Struck führte im wesentlichen folgendes aus: Wenn mir von der deutschen Regierung der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden ist. als Sachverständiger bei Besprechung der jüdischen Angelegenheiten auf der Friedenskonferenz für die deutsche Delegation zu dienen, so glaube ich, das auf zwei Gründe zurückführen zu dürfen. Einmal habe ich in den ein und einhalb Jahren meiner Tätigkeit als Referent für die jüdischen Angelegenheiten in der politischen Abteilung des Oberbefehlshabers Ost Gelegenheit gehabt, mich eingehend mit der Lage und den Wünschen der ostjüdischen Massen und den sozialen, kulturellen und nationalen Gründen der ostjüdischen Frage vertraut zu machen. Sodann darf ich mich gewissermaßen als Exponent einer vor etwa drei Monaten gewählten Kommission betrachten, die in ihren Mitgliedern die hauptsächlichsten Richtungen des deutschen Judentums in sich vereint: Herrn Geh. Justizrat Fuchs als Vertreter der im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ zusammengefaßten nationaldeutschen Juden, Herrn Rabbiner Dr. Pinchas Kohn als Repräsentanten der strengen Orthodoxie und Herrn Richard Lichtheim, den langjährigen Vertreter der zionistischen Organisation in Konstantinopel. Ich möchte im übrigen von vornherein betonen, daß die deutsche Regierung sich zur Berufung eines jüdischen Sachverständigen und zur aktiven Teilnahme an den Besprechungen des internationalen jüdischen Problems, trotzdem für die 600 000 deutschen Juden eine eigentliche nationale Frage nicht wie in den Ländern jüdischer Massensiedlung existiert, nicht nur deshalb entschlossen hat, weil die maßgebenden englisch-amerikanischen Kreise großen Wert auf die Lösung der jüdischen Frage in einem Sinne legen, der den in der jüdischen Kongreßbewegung der verschiedenen Länder in den letzten Kriegsjahren einheitlich zum Ausdruck gekommenen Programmpunkten der jüdischen Massen entspricht. Vielmehr herrscht in der Reichsregierung die Überzeugung vor, daß das neue Deutschland dort nicht fehlen darf, wo durch Zusammenwirken der Mächte zum ersten Male der Versuch gemacht wird, das tragische Geschick eines alten, von unendlichen Leiden heimgesuchten Kulturvolkes so zu wenden, wie es der historischen Gerechtigkeit, den elementarsten Lebensbedürfnissen dieses Volkes und nicht zuletzt auch den Interessen der Länder entspricht, in denen Juden in grösseren Mengen wohnen. Was zunächst die Stellung zu einem jüdischen Palästina betrifft, sa hat, nachdem schon im vorigen Frühjahr Freiherr von dem Bussche-Haddenhausen im Namen des Auswärtigen Amtes, allerdings mit der damals gebotenen Rücksichtnahme auf die türkischen Interessen, das palästinensische Kolonisationswerk der Sympathien der deutschen Regierung versichert hatte, auch die neue Regierung keinen Zweifel darüber entstehen lassen, daß sie in der Besiedelung des menschenarmen Landes durch Juden, die es einer neuen wirtschaftlichen Blüte entgegenführen können und dabei in der