Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Das Jüdische Echo Nr 2t und feste Organisation, die internationale jüdische Zusammenarbeit gewährleistet“, nicht erst für die Zukunft, sondern für die unmittelbare Schicksalsschwere Gegenwart, für diesen entscheidungsreichen Augenblick in Aktion tritt. Wir wissen nicht, ob dies augenblicklich tatsächlich der Fall ist, ab es gelungen ist, früh genu^ der Schwierigkeiten Herr zu werden und eine gemeinsame einheitliche und zielbewußte Aktion für die jüdischen Rechte durchzuführen. Bereits Mitte vorigen Monats hat bekanntlich im Hause des jüdischen Konsistoriums in Paris eine Aussprache zwischen dem Komitee für Nationale Rechte der Juden, der Alliance Israelite Universelle und dem Joint Kommitte in London stattgefunden, die der Möglichkeit der Zusammenarbeit galt. In dieser Beratung, die unter dem Vorsitz von Louis Marshall stattfand, vertraten Sokolow, Thon und Ussischkin die zionistischen Grundsätze, und außer ihnen kamen noch von gegnerischer Seite der Präsident der „Alliance“ Say. deren Sekretär Bigart, der Präsident der Joint Kommitte Wölf, ferner Reinach und der frühere englisch-jüdische Minister Samuel zum Wort. Auf Vorschlag des galizischen Vertreters Dr. Leon Reich wurde ein Ausschuß zur Prüfung der Entwürfe für eine der Friedenskonferenz zu unterbreitenden Denkschrift eingesetzt. Es wurde dabei das Bestreben an den Tag gelegt, eine gemeinsame Durchführung der Aktion zu ermöglichen. Über die Ergebnisse dieser Beratung ist indessen nichts bekannt geworden, und der durchschlagende Erfolg der Politik der Herren Paderewski und Dmowski spricht ja dafür, daß dieser Aktion, falls sie überhaupt stattfand, eine bleibende Wirkung kaum beschieden war. Es steht jedoch zu hoffen, daß es sich bei der gegenwärtigen Sachlage nicht um Endgültiges und Abgeschlossenes handelt, sondern um eine vorübergehende, zeitweilige Konstellation. Wie der Vertrag von Versailles nur einen Entwurf darstellt, so dürfte auch der in ihm ausgesprochenen vorbehaltlosen Auslieferung des posenschen. westpreußischen und oberschlesischen Judentums an Polen nur die Bedeutung eines Vorschlags zukommen, der einer endgültigen Prüfung und Regelung der Dinge nicht standhalten wird. Wir vermögen nicht zu glauben, daß die bei der Auslieferung von Bessarabien und Siebenbürgen an Rumänien gemachten Fehler in Posen, Oberschlesien und Westpreußen wiederholt werden. Das jüdische Blut, das in diesen Tagen aus der Erde Polens und Galiziens schreit, ist ein furchtbarer Warnungsruf. der nicht überhört werden wird. Die Lebensfrage der Juden Posens, Westpreußens und Oberschlesiens ist ein Punkt, über den es keine Meinungsverschiedenheit innerhalb der jüdischen Richtungen selbst geben kann, der dazu angetan ist. die Möglichkeit und Notwendigkeit des geschlossenen Auftretens allen Gruppen, auch denen, die aus Eigenbrödelei oder auch aus Grundsatz der Einheitlichkeit im Wege stehen, vor Augen zu führen. Der Vertrag von Versailles ist nicht nur für das deutsche Volk, sondern auch für das jüdische Volk unannehmbar. Wir lehnen ihn ab im Namen der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit und der Kultur. Leo Rosenberg. Oberschiesten. Neben anderen weiten Gebieten, deren Bevölkerung nur zum Teil oder gar nicht polnisch, sondern dort ukrainisch, da litauisch, hier deutsch ist. die aber alle starke jüdische Volksteile aufweisen. sollen nach der Weisheit der Vier in Versailles aus dem Körper Deutschlands Oberschlesien, Posen und große Teile Westpreußens den Polen ausgeliefert werden, denselben Polen, deren verbrecherische Gewaltherrschaft täglich aufs Neue zeigt, wie wenig sie die moralische Qualifikation haben irgendwo zu herrschen, geschweige denn in nichtpolnischen Gebieten. Was die Völker von polnischer Herrschaft zu erwarten haben, zeigen die ruchlosen Verbrechen, die von den Polen täglich an den Juden verübt werden. Die Juden sind sich deshalb auch allzugenau über die Grausamkeit des Urteils klar, das sie. gleichviel wo, den Polen ausliefert. Der blindwütige Haß der Polen gegen die Juden — in gleicher Weise gegen die Deutschen — gefährdet sie ungeheuer, wo sie in die Hände der Polen kommen, gefährdet eben auch durch die grausame Unterdrückung der Juden (die der anderen Völker wird zweifellös in gleicher Weise folgen, sobald sie in polnischer Macht sind) die wirtschaftliche Entwicklung der fraglichen Gebiete. Die Juden sind in denselben ein Wirtschaftsfaktor von überragender Bedeutung und es wird sich, wie in der Geschichte wiederholt, bitter rächen, wenn man sie verdrängt Wir wollen die Wirtschaftsstellung der Juden am Beispiel Oberschlesiens zeigen. (Nebenbei sei auch hier an die Tatsache erinnert, daß ohne den törichten, zweckwidrigen Antisemitismus in der deutschen Ostmai kenpolitik die Juden als deutschsprachliches Element in den strittigen Gebieten heute noch erheblich größer und damit der polnische Bevölkerungsanteil kleiner wäre.) Die oberschlesische Industrie hat Juden zu ihren hervorragendsten Schöpfern und Trägern. Schon zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lag der Erzbergbau Oberschlesiens vorwiegend in jüdischen Händen. Seine Pioniere, Moritz Friedländer, Sinai Lewv und David Löwenfeld, errichteten damals zur Verhüttung ihrer eigenen Erze das Hochofenwerk Friedenshütte, das später in die Oberschlesische Eisenbedarfs - Aktien - Gesellschaft umgewandelt wurde und heute das größte Hochofen- und Stahlwerk Oberschlesiens dar stellt. (An der Spitze dessen Aufsichtsrates steht heute der jüdische Bankier Generalkonsul Eugen Landau in Berlin.) Die weltbekannte Bismarckhütte hat die jüdischen Kaufleute Elias Sachs und Sa 1 omon Hammer zu ihren Gründern. (Vorsitzender ihres Aufsichtsrates: Bankier Sigismund Born.) Die großen Röhrenwerke Huldschinsky- Werke Akt.-Ges. wurden von Moritz Hahn und Simon Huldschinskv gegründet. Die Oberschlesische Eisen-Indüstrie-Akt.-Ges. mit ihrem großen Hochofenwerk Julienhütte und den Stahlwerken Beildon-Hütte und Herminenhütte ist von der Eisenhandelsfirma M. J. Caro & Sohn begründet. (Vorsitzender des Aufsichtsrates: Geh. Kommerzienrat Oscar Caro.) Die Gründung der „Silesia“ (Paruschowitz). eines der größten Emaillierwerke Deutschlands, geht auf die Firma Gebrüder Lachmann zurück. Die Aktiengesellschaft „Ferrum“ wurde von dem Eisenbahnunternehmer Rudolf Pringsheim in Beuthen begründet. Die oberschlesische Zinkhütten-Akt.-Ges. stammt in der Hauptsache aus dem Besitze des jüdischen Kaufmanns Heimann Roth in Breslau. Die Oberschlesischen Kokswerke und Chemischen Fabriken wurden durch die Firma E m a - nuel Friedländer in Gleiwitz gegründet, denen später die große Koksanstalt „Glückauf4 angegliedert wurde. Das gleiche gilt auch vom