Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 21 (23.5.1919)
- Date
- 1919-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten llllllllll!ll>!llllmilllllllllllllllllll>ll!!lllll!lllllll!ll!lll!IIIIIlll!lll!llllllllllllllll!IIIIMIIIllllll!lllll!lllimimill!ll!llllllllllll!lllllll!lim!llllll!lll!ll!lllllllllllllllllllllllll!llllll!llllllllllllllllin!lll!IUIII!lllllllllllllllllll Nummer 21 München / 6. Jahrgang 25. Mai 1919 Der Versailler Entwuri und die Judenirage. Der Vertragsentwurf, der am 7. Mai den deutschen Vertretern in Versailles übergeben wurde, beansprucht auch vom jüdischen Standpunkt das lebhafteste Interesse. Dieser Vertrag wird nicht verfehlen, in der ganzen jüdischen Welt tiefes Erstaunen, ja Erschrecken hervorzurufen. Überall dort, wo Juden leben und kämpfen, in der alten und in der neuen Welt, wird man sich fassungslos fragen, wie es möglich war. daß der Herrschaft eines Volkes, das Lemberg^ Pinsk und Wilna verschuldet hat, obendrein noch die Juden Posens, Westpreußens und Oberschlesiens ausgeliefert werden. Man wird sich des Gefühls tiefster Empörung nicht erwehren können über den raschen Lohn, der den Mordbuben von Lemberg, Pinsk und Wilna und deren Helfershelfern, Verteidigern und Protektoren zuteil geworden ist. Jeder Tag. jede Stunde bringt neue Kunde von blutigen Judenverfolgungen in Polen, bringt neue Hiobsbotschaften aus allen jenen Gebieten, die vom Fuße polnischer Eroberer betreten werden. Der Zug der polnischen Legionäre durch Litauen ist für die Juden dieses Landes zum Kreuzzug geworden. Billiger ist unter der Polenherrschaft Judenblut geworden als Wasser. Dieses alles ist der Weltöffentlichkeit nicht verborgen geblieben und man durfte glauben, das in diesen Jahren des Unheils in todesähnlichen Schlaf versunkene Wettgewissen wäre durch die Hilferufe der Gemarterten und das Todesröcheln der Blutzeugen wachgerüttelt worden. Man dürfte glauben, daß die englischen, französischen und amerikanischen Kommissionen, die in Lemberg geweilt und ihren Völkern, der ganzen Kulturwelt Kunde jener Taten namenlosen Entsetzens, jenes Ausbruches menschlicher Bestialität gegeben haben, die auf dem Boden Galiziens Ereignis geworden sind, — daß alle diese unbestechlichen Zeusen polnischen Blutdurstes und polnischer Niedertracht der gesamten Kulturwelt die Augen darüber geöffnet haben, daß die Pflicht des Eingreifens einem solchen Volke gegenüber noch gebieterischer und unabweisbarer sei, als etwa gegen die Chinaboxer und einem menschenfresserischen afrikanischen Stamm. Sollte nun diese Kulturwelt, sollten England, Frankreich und Amerika entschlossen sein, den Helden von Wilna und Lida zu neuen Triumphen zu verhelfen? Es ist unfaßbar, daß die Herren Wilson, Lloyd George und Clemenceau. derselbe Clemenceau. der der Judenfrage und dem Judenelend wiederholt tiefgehendes Interesse bewiesen und während des Balkankrieges mutig für die Juden Rumäniens, die „letzten Sklaven Europas“, eingetreten ist, gewillt sein sollten, den polnischen Mördern den Weg in die Städte Westpreußens und Oberschlesiens zu ebnen. Ist noch nicht genug jüdisches Blut geflossen? Ist noch Menschenrecht und Menschenwürde nicht genug mit Füßen getreten? Als Vertreter des jüdischen Volkes bei den Friedensverhandlungen weilen gegenwärtig in Paris die jüdischen Nationalräte des Ostens und die Abordnungen der zionistischen Organisation und des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Man weiß, daß der Einfluß jüdischer Persönlichkeiten auf den Gang der Dinge in Paris auch außerhalb dieser berufenen Vertretungen erheblich ist; jüdische Politiker und Fachberater sitzen in allen Friedensdelegationen, und namentlich in der amerikanischen spielen Männer wie Strauß und Baruch eine bestimmende Rolle. Gewisse polnische Organe lassen sich von ihren Pariser Vertretern ausführlich über den jüdischen Einfluß in den Friedensverhandlungen berichten. Wir wissen nicht, was die Vertreter des jüdischen Volkes in Paris in bezug auf die Sicherung der jüdischen Rechte bisher geleistet und zu leisten Möglichkeit und Gelegenheit gehabt haben. Wir wollen nicht über „Geheimdiplomatie“ klagen, weil wir uns der enormen Schwierigkeiten und Kompliziertheiten dieser Aktion voll bewußt sind. Es sind Fehler gemacht worden. Man kann unseren Vertretern den Vorwurf nicht ersparen, daß sie in der Verfechtung der jüdischen Rechte in den Diasporaländern von Anfang an jede Energie und namentlich auch jedes einheitliche, geschlossene Auftreten vermissen ließen. Wie sehr dieser Vorwurf berechtigt ist, beweisen die für die Situation sehr bezeichnenden Auslassungen des führenden jüdischen Blattes Englands, des „Jewish Chronicle“, vom 18. April: „Eine große Anzahl von Juden aus den verschiedensten Ländern ist zurzeit in Paris versammelt, die alle von dem Wunsch, die jüdischen Interessen beim künftigen Friedensvertrag zu schützen, dorthin geführt wurden. Wir wollen hoffen, daß die jüdische Sache so gut geschützt wird, wie nur irgend möglich. Uns fällt jedoch die zufällige Art und Weise auf. in der diese Delegationen zusammengekommen sind. Sie sind, wenn wir so sagen dürfen, ein Gemisch jüdischer Atome. Sie scheinen ohne Berufung gekommen zu sein und sich gesondert von anderen gehalten zu haben, trotz ihrer in hohem Maße gemeinsamen Ziele — wenn es nicht gerade Herrn Lucien Wolf gelungen ist, sie zusammen zu bringen, wie es seine vor einiger Zeit verkündete Absicht war. Das alles ist natürlich sehr charakteristisch für jüdische Bedingungen und Methoden und spiegelt getreulich die Situation des Judentums der ganzen Welt wieder. Aber ist es zuviel erhofft, daß sich aus diesem Gemisch eine bestimmte und feste Organisation entwickelt, die für die Zukunft in gewissem Maße internationale jüdische Zusammenarbeit gewährleistet? Notwendig ist eine Liga der Juden. Wir hoffen, daß die Delegationen in Paris nicht auseinandergehen werden, ohne eine permanente Körperschaft zu bilden, der bestimmte Aufgaben übertragen werden, besonders das Recht und die Pflicht, repräsentative Juden aus allen Ländern periodisch oder jedenfalls in dringenden Fällen zusammen zu rufen.“ Das ist ja alles schön und gut, nur scheint es uns vor allem darauf anzukommen, daß diese „Methoden“ und dieser Wirrwar nicht erst dann überwunden werden. wenn es zu spät ist, und daß „eine bestimmte