Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1919-05-16 · 20 (16.5.1919) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
20 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 243 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102975-9139999--02798-9075618
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 20 Das Jüdische Jfefaö 233 Judenfeindliche Strömungen in Spanien. Die Juden in Spanien, meistens Kriegsflüchtlinge aus Rußland, standen vor kurzem vor der ■Gefahr einer restlosen Ausweisung aus dem Lande, die innerhalb 24 Stunden vollzogen werden sollte. Die Ursache dieses drakonischen Erlasses war eine generelle Verleumdung der Juden seitens des ehemaligen russischen Generalkonsuls in Spanien, der alle Juden des Bolschewismus beschuldigte. Die spanische Regierung hatte ohne weitere Untersuchung zum alten Mittel der Judenaustreibung gegriffen und ließ bereits ein Schiff bestellen. das die russischen Juden, besonders jene, die sich während des Krieges in Barcelona niederließen, nach Odessa bringen sollte. Im letzten Augenblick gelang es jedoch, diesen Ausweisungsbefehl rückgängig zu machen. Dank den Bemühungen des englischen Botschafters Harding und des bekannten jüdischen Professors an der Madrider Universität. Dr. Jahuda, wurde eine Untersuchung eingeleitet, die die gänzliche Grundlosigkeit der gegen die Juden erhobenen Beschuldigung ergab. Infolge dieses Ergebnisses sowie der besonderen persönlichen Garantie des Prof. Jahuda, der sich für eine loyale Haltung der russischen Juden in Spanien verbürgte, erhielten die letzteren die Erlaubnis, weiter im Lande zu verbleiben. Aus der jüdischen Welt Unterstützung der Talmud-Thoras in Jerusalem. Vom Zentralbüro des Misrachi, Berlin wird gemeldet: Auf die von Jerusalem aus eingetroffene Nachricht, daß die Zionistische Kommission in Palästina die Unterstützung der dortigen Talmud- Thoras und Jeschiwoth suspendiert habe, wurde einwandfrei festgestellt, daß die von der Zionistischen Kommission verteilten Gelder solche des „Joint Distribution Comite“ in Amerika waren, welches ein philantropisches Institut ist, und daß die Sendungen aus Amerika infolge von Ursachen, an denen die Zionistische Kommission schuldlos ist, nicht eingetroffen sind. Dieses Ausbleiben der Gelder setzte die Kommission außerstande, die Unterstützungen weiter auszuzahlen. Aus der Misrachl-Bewegung. Die Leitung des in London begründeten interalliierten Misrachibüros liegt in den Händen von Rabbiner Dr. Schönfeld, des Vizepräsidenten des englischen Misrachi. Die anderen Mitglieder des Bureaus sind: Chacham Baschi von Jaffa, Rabbi Meisel, Rabbi Hurwicz für Palästina, Rabbi Meier Berlin, New York (Sekretär des internationalen Misrachi), Rabbi Cohen Fishman und Rabbi Lewenthal für Amerika, Oberrabbiner Dr. Hertz und Redakteur Gedalja Bublick (E.A.C.) für England. In Erez Jisroel finden in Kürze die Parlamentswahlen statt, bei denen der Misrachi hofft, recht viele Sitze zu erlangen. Das. Londoner Büro der Zionistischen Organisation hat beschlossen, eine Summe von 100 000.— zu Organisationszwecken zu sammeln und sie für die Palästina-Kommission zu verwenden. Der Misrachi hat als Delegierte in ein zu diesem Zweck besonders geschaffenes Komitee die folgenden Herren gewählt: Sir Stuart Samuel Rabbi Yoffey, Manchester, Oberrabbiner Dr. Hertz und Rabbiner Dr. Schönfeld. Wahrscheinlich wird Sir Samuel — Mitglied des Misrachi —, früheres Parlamentsmitglied für Whitechapel und jetzt Präsident des British Board of Deputies, das Präsidum übernehmen. Feuilleton Unser Land. Von S. J. AnochL (Schluß.) Von den Feldern her klingt das Geschrei immer lauter und lauter. Die Schießerei wird heftiger. Die Weiber jammern: „Der Meinige wird gewiß umkommen...“ „Und der Meinige geht doch immer selbst ins Feuer. Er weiß gar nicht, was Vorsicht ist. Immer muß er der Erste sein.“ „Alle wollen die Ersten sein, alle gehen ins Feuer.“ „Wehe uns, wehe uns!“ Reb Nachum tröstete: „Betet zu Gott, betet zu Gott. Er wird helfen. Es ist doch unser Land. Gott will es so. Es ist ein gottgefälliges Werk, für Erez-Jißroel Krieg zu führen.“ Auf der Straße erscheint der Lehrer des Dorfes mit dem Revolver in der Hand. Er hat bis jetzt geschlafen und erst eben däs Schießen gehört. Also kommt er gelaufen. Man erzählt ihm, was lös ist. Er will sofort ins Feld. Eine Frau sagt: „Wir sind allein im Dorfe. Bleibt bei uns.“ Er überlegt sich, bleibt schließlich bei den Weibern und tröstet sie: „Habt doch keine Angst, Sie werden die Araber schon verjagen. Die Araber haben schlechte Büchsen. Man muß eben Krieg führen. Habt nur keine Angst, sie werden sie ganz gewiß verjagen.“ Die Schlacht draußen tobt immer wilder. Der Lärm entfernt sich immer weiter vom Dorfe, weit in die Tiefen der Nacht hinein. Man hört wilde Schreie, Schuß auf Schuß fällt. Es überläuft alle kalt, alle Haare stehen zu Berge. Alle sind vor Schreck erstarrt. Und plötzlich wird es still. Draußen im Felde ist schon etwas geschehen. Hat man die Räuber verjagt, oder sind alle Männer des Dorfes gefallen? Die Weiber können nicht mehr ruhig stehen. Sie weinen bitter: „Wehe uns! Wehe uns!“ Eine Weile später erklingen die Hufschläge der heimkehrenden Reiter. Und sie kommen immer näher und näher. Man hört sie sprechen. Lachen sie nicht? Ja, sie sind lustig. Die Weiber stürzen den Reitern entgegen. Die Männer kommen zufrieden, müde und erhitzt ins Dorf. Die Weiber rufen ihnen zu: „Seid ihr alle da? Alle?“ „Ja, ja. Nur ein Pferd ist leicht verwundet. Wir haben sie verjagt.“ Und sie erzählen zufrieden und siegesbewußt: „Die Kugeln flogen wie der Hagel über unsern Köpfen. Wir wichen aber nicht von der Stelle. Wir haben sie verjagt.“ „Und der Wächter Genin“, erzählen sie, „ist ein wahrer Held. Er ritt uns allen voran. Eine Kugel hat ihm die Mütze durchbohrt, und er ritt immer voran. Eine Weile war er ganz allein unter den Arabern. Sie schreien: ,Kehr um, du bist doch allein!4 Er schießt aber auf sie und schreit: ,Nein, ich werde nicht weichen. Ihr werdet hier nichts holen. Keine einzige Ähre. Nein!4 Wir holten ihn bald ein. Er ging immer ins Feuer. Ein Held, ein wahrer Held!“ Man steigt von den Pferden und bindet sie an die Bäume an. Und alle setzen sich mit den Gewehren in den Händen auf eine Bank vor einem der Häu^ ser. Die Männer lassen ihre Blicke längs der Dorfstraße und der beiden Häuserreihen schwei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.