Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 242 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Das Jüdische Echo Nr, 20 Die fttdiscbe Industrie in Palästina. In einer der letzten Nummern der Zeitschrift „Palestine“ veröffentlicht der palästinensische Ingenieur J. Wilbuschewitz eine Aufsatz über die Zukunft der jüdischen Industrie in Palästina. Der Verfasser geht von der Voraussetzung aus, daß die Mehrzahl der industriell Tätigen aus Polen, Westrußland und Qalizien kommen werde, und beschäftigt sich daher zuerst mit der Lage der jüdischen Industriearbeit in jenen Ländern, um daraus Schlüsse auf die künftigen industriellen Verhältnisse in Palästina zu ziehen. Aus dem starken Überwiegen von Meistern gegenüber der Anzahl richtig vorbereiteter Arbeiter und Lehrlinge schließt Wilbuschewitz. daß es in Palästina vor allem notwendig sein wird, für die Ausbildung spezialisierter Arbeiter unter Anwendung moderner Arbeitsmethoden zu sorgen. „Ohne solche Vorbereitung wird von einer jüdischen industriellen Entwicklung in Palästina überhaupt nicht die Rede sein können, und der jüdische Arbeiter wird es nicht mit der Konkurrenz aufnehmen können.“ Außerdem müssen wir uns von Anfang an klar machen, daß Palästina mit den hoch entwickelten Staaten in Europa in freier Konkurrenz stehen muß. In der Industrie ist Praxis mehr wert als Theorie, und das muß für die Einrichtung jüdischer Industrien in Palästina unter Verwendung jüdischer Arbeiter das leitende Prinzip werden. Die Arbeiter müssen Interesse für den Erfolg jedes Unternehmens gewinnen, indem sie am Verdienst teiLhaben, indem ferner Gartenstädte für Arbeiter errichtet werden, sowie durch andere Privilegien. Die kleinen Industrien, die kein großes Kapital erfordern, sollten in das Eigentum von Arbeitern und vollständig unabhängigen Arbeitergruppen übergeleitet werden. Dadurch wird sich der freie und individualistische Geist des jüdischen Arbeiters entwickeln können, und sein Fleiß und seine Beobachtungsgabe werden zum Nutzen des Einzelnen und für den Erfolg der Industrie im Lande nutzbar gemacht werden können. Bei manchen Industrien wird es notwendig sein. Modellbetriebe zu errichten. Wenn die Einführung einer neuen Industrie nützlich und profitabel erscheint, werden wir genötigt sein, geschickte und erfahrene Arbeiter dafür zu suchen. Wenn nötig, werden wir Leute mit technischen Kenntnissen ins Ausland schicken müssen, um Spezialbranchen zu studieren. Aber das wird nicht genug sein. Man wird Werkstätten entweder durch private oder durch nationale Initiative zu errichten haben, mit der Aufgabe, kompetente Arbeiter auszubilden, die industrielle Produktion im Lande und in den Nachbarländern zu heben, die Produkte des Landes bekannt zu machen und neue Märkte für sie zu firnden. Nachdem es sich erwiesen hat. daß die Arbeit in einer neuen Industrie lohnend ist. sollte man diese einer. Arbeitergruppe oder einer Genossenschaft übergeben. Leichte Zahlungsbedingungen (etwa durch Ratenzahlungen) sollten solchen Gruppen für ihre modernen maschinellen Einrichtungen gewährt werden, und man sollte Zentralkörperschaften zum Ankauf neuer Materialien und zum Verkauf neuer Produkte schaffen. In vielen Fällen wird man Zentralwerkstätteri einzurichten haben, wo es sich um die Fertigstellung halbfertiger Artikel für den Markt handelt. Eine Industrie^ bank und ein nationales technisches Bureau für die technische Kontrolle aller Industrie-Werkstätten sind von hervorragender Bedeutung. Wir stehen am Eingang einer sozialen Revolution. Die Zeit ist reif, dafür Sorge zu tragen, daß wir bei der Errichtung unseres künftigen Staates nicht die alten Fehler noch einmal begehen. Durch eine Vereinigung der Industrie mit der Landwirtschaft werden wir im Stande sein, den Arbeiter unabhängig zu machen, seinen physischen und moralischen Stand zu heben, seinen. Fleiß und seine Arbeitsfähigkeit zu erhöhen und die schädigenden Einflüsse des Fabrikbetriebes auf seine Gesundheit zu neutralisieren. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir Gartenstädte für Arbeiter anlegen, wo sie durch Zahlung in kleineren Raten Land erwerben können, das sich zum Anbau von Obst und Gemüse eignet, ferner Häuser und kleine Werkstätten mit elektrischem Betrieb. Jeder Arbeiter wird die Möglichkeit erhalten, zu Hause oder in den GemeindeweTkstätten zu arbeiten und sich nach dieser Arbeit mit der Gartenarbeit in frischer und reiner Luft zu beschäftigen. Es wird von technischen Erwägungen a'bhängen. ob in diesem oder jenem Falle eine Gemeindewerkstatt notwendig ist, oder ob jeder Arbeiter sein eigenes Handwerkszeug besitzen und dadurch innerhalb seiner Gruppe durchaus frei sein wird. Mit Hilfe seiner Familie wird der Arbeiter einen großen Teil seiner Nahrung aus seinem Garten beziehen können, was sowohl vom gesundheitlichen wie vom wirtschaftlichen Standpunkt aus ein Vorzug ist. Die innere Dezentralisation und äußere Zentralisation der Industrie, wie sie hier angedeutet ist. zusammen mit der Verbindung von Industrie und Landwirtschaft und der Unabhängigkeit des Arbeiters wird es dem jüdischen Arbeiter möglich machen, seinem Intellekt entsprechend den eigenen Neigungen zu leben, seinen besonderen Charakter zu entwickeln und langsam aber sicher die Industrie in Palästina auf eine höhere Stufe zu bringen. 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