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Das jüdische Echo · 1919-05-16 · 20 (16.5.1919) · p. Seite 241

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
20 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 241 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 Das Jüdisch« Ecbo 231 als es ihn früh einem Boden entwurzelte, in dem sein Bestes nicht gedeihen konnte. Sein Letztes und Tiefstes. Als ein „wertvolles Erbe“ preist Franz Mehring die Fügung, daß er das Niederzerrende und Herabdrückende seines angestammten Milieus schon früh los wurde. Mit Recht sagen w i r. Wie gut ist es, daß er nicht deutscher Jude der Emanzipationsära geworden ist. Wäre er Jude, so wäre er höchstens ein Lassalle, aber kein Marx geworden. So aber wurde er der bessere Jude. Denn — der Welt war er Jude geworden. Denkt man an sein Letztes und Tiefstes, an seines Wesens Kern und Wurzel, so findet man zur umfassenden Kennzeichnung der Einzigartigkeit und Einmaligkeit von Persönlichkeit und Leistung keinen anderen Ausdruck als jenes Wort von tieftönendem Klang: Prophetie. Prophetisch ist an ihm nicht nur Rhythmus und Temperament, sondern noch mehr die ganze Lebenstat: seine Idee. Er hat seine ureigene Tatidee als „wissenschaftlichen Sozialismus“ bezeichnet. Von der platonischen Ideenlehre sagt der nüchterne Stageirite. sie wäre dem Bedürfnis entsprungen, dem in der ewigen Flut des heraklitischen Werdens rastlos umhertreibenden Begriff der Wissenschaft den festen Punkt zu schaffen. Der Spätgeborene stutzt und glaubt sich mit Recht wissender als der Jünger. Karl Marx’ Idee mag ihre höchsten Gipfel der Sonne der Erkenntnis entgegengestreckt haben, ihre tiefsten Wurzeln liegen doch im Erdreich eines prophetischen Weltgefühls. Was ist das Höchste und Tiefste dieser Idee? Höchstes und Tiefstes aller prophetischen Erfahrung: Identität von Weltgesetz und Moralgesetz. Gleichstellung von sittlicher Ordnung und Weltordnung. Unabhängig vom menschlichen Wollen und Sollen, von Menschenwitz nur im Laufe gehemmt oder gefördert, vollzieht sich die sittliche Forderung als Naturgesetz, die Immanenz der Weltgerechtigkeit. Dem Guten ist das Böse dienstbar. Gutes schafft die Macht, die das Böse will. Der Teufelshunger nach Mehrwert treibt durch Entfaltung des konstanten auf Kosten des variablen Kapitals zur Verelendung des Elends selbst und räumt gleichzeitig durch die zunehmende Konzentration unter den Trägern der ungerechten Ordnung selbst gründlich auf. Das Böse ist so zum Selbstmord verdammt, und die Mehrwert raffende Hand wird zum Werkzeug und Vollstrecker der Weitgerechtigkeit! Da stritten Idealisten und Materialisten über Naturgesetz und Menschenfreiheit, rangen Optimisten und Pessimisten um den Glauben an das Gute oder an das Böse — da kam e r und erhob das Ideal zum Naturgesetz und machte das Böse zum Werkzeug des Guten. Indem er Wirklichkeit über Idee, Sein über Bewußtsein stellte, überwand er den Idealismus; indem er Idee Wirklichkeit, sittliches Bewußtsein Sein werden ließ, überwand er zugleich den Materialismus. Was dem kühnsten Geist unmögliches Wagnis dünkte, was dem gewaltigsten Streben nicht gelang, in der Glutesse des prophetischen Ethos ist es Ereignis geworden: Zu einem Gesetz sind die feindlichen Mächte Ideal und Wirklichkeit zusammengeschweißt. Nur so wird es erklärlich, daß der Prophet des neunzehnten Jahrhunderts im Sein und Bewußtsein der leidenden Menschheit nicht als Sozialreformer und Freiheitskämpfer, sondern darüber hinaus als Heilsyerkünder fortlebt, daß seine welthistorische Bedeutung und Wirkung zur Würde und Macht der des Religionsstifters auswächst. Der jüdische Kongreß ln Kanada. Für nationale Minoritätsrechte. — Nationalisierung des Bodens und der Bodenschätze in Palästina. — Das Rathaus in Montreal hißt die jüdische Flagge. Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet: Der Kanadisch-jüdische Kongreß, der am 16. März in Montreal eröffnet wurde, dauerte 8 Tage lang und umfaßte 206 Delegierte. Die folgenden Beschlüsse wurden unter anderem angenommen. Jeder kanadische Jude soll einen jährlichen Beitrag von 5 Dollar für den Hilfs- und Wiederaufbaufonds leisten. England soll aufgefordert werden, von der Friedenskonferenz Kriegsentschädigung für die Juden in den vom Kriege heimgesuchten Ländern zu verlangen. Der Kanadisch-jüdische Kongreß protestiert gegen die Pogrome in Polen, Rumänien und der Ukraine. Es wird verlangt, daß Palästina seine historischen Grenzen behält, und daß die Juden in den Ländern, in denen sie nationale Minoritäten bilden, nationale Rechte erhalten. Der Kongreß beauftragt seine europäische Delegation. mit der zionistischen Weltorganisation zusammenzuarbeiten, damit die Friedenskonferenz die nationalen Bestrebungen und die historischen Ansprüche des jüdischen Volkes auf Palästina anerkennt. In Palästina müssen derartige politische, administrative und ökonomische Bedingungen geschaffen werden, welche die Entwicklung des Landes zu einer jüdischen Gemeinschaft sicherstellen, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen, nationalen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Gemeinden in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden anderer Länder benachteiligen könnte. Palästina soll die nationale Heimstätte des iüdischen Volkes werden. Im Einklang mit der Erklärung des Ministers Balfour. Alles Land und die natürlichen Quellen Palästinas sollen nationalisiert und die Verwaltung des Landes auf den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und politischen Freiheit aufgebaut werden. (Unter großem Beifall einstimmig angenommen.) Der Kanadisch-jüdische Kongreß wird zu einer dauernden Einrichtung gemacht. Eine aus 36 Personen bestehende Delegation wird nach Paris entsandt. Dieser Delegation wurde die Pflicht auferlegt, an der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses energisch mitzuarbeiten. Der Kongreß beschloß die Organisierung der Juden Kanadas für ihre nationalen Interessen und setzte eine Kommission zur Erforschung der rechtlichen Möglichkeit der Errichtung jüdischer Schulen in Kanada ein. Der Gedanke einer fünftägigen Arbeitswoche (Ersetzung der Vormittagsarbeit an Samstagen durch eine entsprechende Verlängerung der Arbeitszeit an den Wochentagen wurde vom Kongreß gutgeheißen. Der kanadische Jurist Gutherie hielt eine Ansprache, in der er sagte, England würde die Sachwalterschaft über Palästina ausüben, bis die Juden selbst in der Lage sind, es zu verwalten. Die Delegierten wurden vom Bürgermeister offiziell im Rathause empfangen, über dem die jüdische Flagge wehte. Der Bürgermeister drückte die Hoffnung aus, daß die Juden bald Palästina erhalten würden.

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