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Das jüdische Echo · 1919-05-16 · 20 (16.5.1919) · p. Seite 239

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
20 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 239 (sequence 5)
Language
German
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229 Nr. 20 Pas Jüdische Echo die Familie einem Gotte zu. der allein seinen Gläubigen Ämter und Würden im vormärzlichen Preußen verschaffen konnte. Hirschei-Heinrich wird evangelischer Justizrat, und der sechsjährige Karl gleitet sänftiglich in die fremde, feindliche Welt hinüber. Schon als Gymnasiast gerät er in den Bann der christlich-germanischen Romantik; sein Herzensfreund wird ein hegelianisch angehauchter altpreußischer Aristokrat und Beamter, der Geheime Regierungsrat Ludwig von Westfalen, in dessen gerader und echter, von Gesinnung und Würde getragener Persönlichkeit er das findet, was er in seinem angestammten Kreise, in der Person seines Vaters immer schmerzlicher vermissen mußte: „einen lebendigen Beweis, daß der Idealismus keine Einbildung, sondern Wahrheit ist“. (Marx in einer seiner Dissertation vorangestellten Widmung.) Dessen kluge und mutige Tochter wird ihm Lebens- und Kampf gef ährtin. Die bildsame Seele des Knaben sog hier, im Dunstkreise christlich-germanisch-romantischer Schwärmerei. das Gift der Judenächtung ein. das er sein Lebenlang nicht mehr auszuschwitzen vermochte. Durch die Erfahrungen eines schon früh zur Klarheit und Schärfe heranreifenden Verstandes verdichten sich allmählich die vagen Empfindungen zu Überzeugungen, die unbewußten Regungen arten bald in tieferwurzelnde Wertgefühle aus. In den Sturm- und Drangjahren seines Berliner Studentenlebens (1836/40) dürfte sich dem nach Welterkenntnis strebenden Geist in ganz anderem Maße als in der kleinen Provinzstadt die Gelegenheit geboten haben, dem zeitgenössischen Judentum ins Auge zu blicken. Es war das deutsche Judentum zwischen 1812 und 1848. Die erste Emanzipationsgeneration, ein Geschlecht von Freigelassenen, deren Seelenfesseln sich desto enger und drückender zusammenschnürten, je mehr die äußeren Bande sich lockerten, dessen innerer Knechtsinn in äußerer Halbfreiheit herrlicher zu gedeihen schien als je. Allen jüdischen Eigenlebens längst bar. hatte dieses Geschlecht auch an den großen Lebensidealen des Volkes, in dessen Mitte es lebte und leben wollte, keinen Anteil. Die Ideale der Freiheit und der nationalen Einheit, deren helle Strahlen auch in die trübe ödi^keit des deutschen vormärzlichen Pfahlbügertums drangen und das Alltagsein vergoldeten, blieben dem im Rausch der neuen Freiheit taumelnden Freigelassenengeschlecht im innersten fremd. Was sollte dem auf seine Halbfreiheit Stolzen der Freiheit höchstes Ziel, was dem Empfänger des Freiheitsgeschenkes der Freiheitskampf sein? Der jüdischen Seelenart entfremdet, waren die Beziehungen zum fremden Volksleben äußerlicher, mehr sachlicher als persönlicher Natur. Dem auf das Zweckmäßige gerichteten Geist konnte auch das Verhältnis zur deutschen Umwelt nur als Zweckhaftes bewußt werden, und das, was als die Erfüllung und Verwirklichung dieses Verhältnisses erscheinen mußte, die Emanzipation, wurde vollends als vorteilhaftes Geschäft gebucht. Es galt, dieses Geschäft voll zu realisieren, den neuen, noch unsicheren Freiheitserwerb in Besitz zu nehmen und fruchtbringend zu verwerten. Und diese Ver- und Auswertung war eine materielle, geldliche. Freizügigkeit und Handelsfreiheit, Gleichberechtigung in der Berufsausübung und alles was das Jahr 1812 an Verbesserung der Rechts- und Wirtschaftsstellung brachte, bildete den den Juden dieser Zeitläufte einzig dünkenden Gewinn des Emanzipationsgeschäftes. Es begann jener sinnberauschende Tanz der Freigelassenen um das goldene Kalb, jene zügellose Erwerbsbrunst und Hegemonie des Erwerbstriebes über alle besseren Herzensregungeri, die von der Menschenseele bald uneingeschränkten Besitz ergriffen und sie zur Räuberhöhle, bestenfalls zum Trödlerkram machte. Was dem wirtschaftlich aufstrebenden deutschen Bürger Mittel zum Lebensglück war, war dem Juden zum höchsten Lebensglück selbst geworden, was jenem ein Weg. war diesem alles Strebens Ziel. Wir wissen, wie diese Gestaltung des jüdischen Lebensideals im Westen nur in ihrer organischen Einreihung in der objektiven Naturnotwendigkeit jenes elementaren Entwicklungsprozesses begriffen werden kann, der den Übergang von der merkantilen zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bezeichnet. Der Jude, als Händler und Geldleiher seit jeher auf exponiertem Posten stehend, muß sich früher und unbedingter als andere der neuen „Erwerbsidee“ und ..Wirtschaftsgesinnung“ hingeben und bald, wenn auch nicht als deren Urheber, so doch als deren bevorzugter Träger erscheinen. Marx, dessen eingleisiger, dogmatisch gerichteter Geist bei allem Historisieren doch geschichtsblind war, hat die Stellung und die Aufgabe der Juden in diesem Entwicklungsprozeß verkannt und wäre wohl auch bei besserem Wissen zu deren gerechten Würdigung außerstande gewesen. Seine ganz auf die Produktionsphase als einziger Quelle de£ Wertes gerichtete, die z i r k u - latorische Funktion ausschaltende, ja als wertnegativ hinstellende Betrachtung hätte den Juden, die ja vom Handel her die durch Bevölkerungsvermehrung und t e c h - nische Errungenschaften gesteigerten Produktionskräfte befruchteten und dem neuen Wirtschaftsgeist Bahn brachen, nicht einmal jenes Maß von Anerkennung und Gerechtigkeit ange^ deihen lassen, den er in jenen gegen diesen Geist Anklage erhebenden, nie verhallenden Worten seines „Kommunistischen Manifestes“ dem Überwinder und Erben des Feudalsystems und Zeuger der proletarischen Zukunftsgesellschaft nicht ohne Begeisterung entgegenbringt. (Daß er der Bourgeoisie neben anderen, wesentlich technisch-politischen Verdiensten auch das der Schaffung des Nationalstaates zuerkennt, sei hier besonders hervorgehoben.) Genug: sein Urteil über das Judentum stand fest; von gegebenen, zeitlich und räumlich bedingten Zuständen abstrahiert, wurde seine Auffassung vom Begriff des „Wesens“ der jüdischen Art schlechthin verallgemeinert. Zum ersten (und einzigen) Male gibt der Fünfundzwanzigjährige dieser seiner Auffassung in einer Besprechung der gleichzeitig erschienenen Bruno Bauerschen Schrift „Zur Judenfrage“ in den in Paris herausgegebenen „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ (1844) Ausdruck. Es ist dies das Jahr, in dem Marx den Weg zum Sozialismus findet, und man muß ihm seine völlige Unkenntnis jüdischer Geschichte, seinen von jäh auflodernder Impulsivität eingegebenen Verallgemeinerungstrieb und seinen sozialen Fanatismus zugute halten, um die darin ausgesprochene Überzeugung objektiv würdigen zu können. Er tadelt die religiöse Befangenheit Bauers, der in die Behandlung des rein gesellschaftlich zu stellenden und zu? lösenden Judenproblems ein religiös-ideales Moment hineintrage; er sehe den „Sabbat-“ und nicht den „Alltagsjuden“. Das Wesen des „wirklichen Juden“ Will er nicht in der Religion, sondern vielmehr den Kern der religiösen Eigenart in der primären jüdischen Wesenheit erblicken. „Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen

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