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Das jüdische Echo · 1919-05-09 · 18/19 (9.5.1919) · p. Seite 215

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
18/19 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
Seite 215 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18/19 Das Jüdische Echo 215 jüdischen Schule zugleich. Unter den gegebenen Umständen ist dies mehr Vorzug als Nachteil. Solange die Unterrichtssprache in den allgemeinen Fächern nicht das Hebräische sein kann — und das kann sie in einer deutschen Stadt naturgemäß nicht — würde bei der überwiegenden Zahl der nichtjüdischen Fächer das Hebräische notwendigerweise zu einem Lehrgegenstand zweiten Ranges herabsinken. Anders aber verhallt es sich, wenn das Kind von vornherein weiß: hier ist die deutsche Schule, die Schule für Deinen Beruf und die allgemeine Bildung — und hier die hebräische, Deine Schule, die Dein Allerheiligstes ausbildet. Deine jüdische Seele, Deinen Juden in Dir und Dir eine geistige Heimat zugleich mit der Liebe zur kommenden realen verschafft. Wer Beweise für das Obengesagte will, der mag in die Stuttgarter T.-T.-Schule kommen und die Liebe der Kinder zu ihrer, hebräischen, Schule leuchtend aus ihren Augen sich ansehen, oder er frage die Eltern, in welche Schule die Kinder lieber gehen. — — II. Die Stuttgarter T.-T.-Schule wurde eröffnet mit vier Klassen und soll ihren Abschluß etwa mit der achten finden. Die Lehrdauer für eine Klasse ist eine sechsmonatliche, den alten jüdischen „smanim“ entsprechend. Unterricht erfolgt täglich, für jede Klasse DA Stunde, mit Reservestunden für Minderbegabte. Schon das Äußere der Schule spricht eine besondere Sprache. Eingerichtet — dank der materiellen Unterstützung des Herrn Zigarettenfabrikanten J. Pillnik — nach dem letzten Wort schulhygienischer Technik, sticht diese Schule vorteilhaft von den alten Taimud-Toras des Ostens ab! Aber auch wie jüdisch! Eine hebräische Uhr, eine große hebräische Wandkarte Palästinas, Bilder aus dem alten und neuen Leben unseres heiligen Landes, farbige Illustrationen zur Bibel, nationale Inschriften und Embleme. Rabbonim-Porträts, ein großes Bild vom Wilnaer Qaon, vom Rabbi in Tallis und Tfillin und Übersetzer des Euklides ins Hebräische — also sprechen zu den Kindern von den Wänden herab Tradition und Renaissance, jüdischer Glaube und jüdischer Wille. — Nur die Enge des Raumes wirkt etwas bedrückend und zeugt von den Schwierigkeiten des Anfangs. Das Lehrprogramm der Schule ist im allgemeinen folgendes: 1. Gründlicher Unterricht in hebräischer Sprache und Grammatik mit besonderer Berücksichtigung der Konversation unter allmählichem Übergang zum Ibrith-be Ibrith. 2. Bibelübersetzungen mit anknüpfender hebräischer Konversation geschichtlichen und geographischen Erläuterungen. 3. Religionsunterricht, in der ältesten Klasse auf entwicklungsgeschichtlicher Grundlage, und 4. Sabbathvorträge, für die ersten Klassen aus der Agada, für die letzte aus der hebräischen Literatur. Geschichte oder über die moderne jüdische Bewegung. Als eines Hilfsmittels zur Erlernung der hebräischen Konversation bedient sich die Schule u. a. auch der berühmten Hölzelschen Bilder. Diese Bilder sind trotz ihres nichtjüdischen Inhalts oder vielleicht gerade deswegen am meisten geeignet, die Kinder zu hebräisieren. Stellen sie doch gewissermaßen die gesamte unmittelbare Umwelt unserer Kinder dar, für . die sie hebräische Begriffsbildungen lernen. —. Die Erfolge, die die Stuttgarter T.-T.-Schule bis jetzt mit diesen Bildern gemacht hat, waren derart, daß die Leitung beschlossen hat, hebräische Bilderbearbeitung in einzelnen Vorlagen herauszugeben, als dauerndes Lehrhilfsmittel der Schule.*) Noch eine Neuerung der Stuttgarter T.-T.-Schule verdient hier erwähnt zu werden. — die Agada- Sabbathe, die sowohl von den Zöglingen der Schule, als auch von Nichtschülern gerne besucht werden. Sie sollen einen Mangel ersetzen, der nicht nachdrücklich genug betont werden kann — die jüdische Märchenwelt, Unseren Kindern fehlt das nationale Märchen! Die vorigen Generationen hatten es gehabt und verdanken ihm nicht zuletzt ihr inneres Judentum. Es floß aus der schier unerschöpflichen Agadaquelle durch das Zeena-Ur’ena von Mutter zu Kind und nährte mit seinen Dichtungen den Boden unserer heiligsten Volks- und Menschenwahrheiten. — Nirgends hat die Assimilation so vernichtend gewirkt, wie geradezu hier, daher soll auch die Gegenwirkung von hier aus beginnen. Das jüdische Märchen kann und muß nicht nur der Ausgangspunkt der nationalen Erziehung sein, es soll auch eine Brücke zur religiösen bilden. Es ist geradezu eine Freude festzustellen, wie oft die Kinder der T.-T.-Schule bei rein religiösem Unterricht die ihnen an den Sabbathen erzählten Agadas als Illustrationen zum Unterricht von selbst anführen — der beste Beweis dafür, wie nachhaltig die Agada in den Herzen der Kinder wirkt. Als ein Kapitel für sich möchten wir die Methode des Religionsunterrichts in der Stuttgarter T.-T.- Schule behandeln, nicht nur der Stellung gemäß, die die Religion in einer hebräischen Schule einnimmt, oder einnehmen soll, sondern weil sie die brennendste Frage unserer Erziehung überhaupt bildet. Für Lehrer und Eltern, die nicht blind am alten kleben, die Sinn auch für das neue haben, vor allem aber die die Gefahren einer die Tatsachen nicht berücksichtigenden Vogel Strauß-Politik der Ultra- Orthodoxen voll erkennen — gibt es gewiß kein heikleres Problem als gerade der Religionsunterricht. Es gilt hier das Allerheiligste des Menschen, seine Verbindung mit Gott, zu pflegen, ohne dabei die Grundfesten unserer Religion, die zugleich die Grundfesten unseres Volkes sind, anzutasten. In den vergangenen Zeiten war es von selbst gegeben. Anders heute, wo ein dem Buchstaben allzu treuer Unterricht bei den Kindern, besonders den älteren, den Verdacht des Fanatismus oder der Heuchelei zu erregen pflegt, und außerdem diejenigen Eltern, die nicht ganz nach dem Buchstaben leben (d. h. die Mehrzahl der Eltern), in den Augen ihrer Kinder zu Verbrechern stempelt. Aber davon abgesehen, dieser Unterricht versagt ja gänzlich, sobald das Leben zu Wort kommt. Je schroffer der Gegensatz zwischen diesem und der einstigen religiösen Erziehung war, umso schneller bricht letztere zusammen. Unsere Basis ist die geschichtliche Grundlage oder besser die Lehre von der Entwicklungsgeschichte der äußeren Formen unserer Religion als Anpassung an die subjektiven oder objektiven Bedingungen zum Schutz ihres inneren Kerns. *) Diejenigen hebräischen Schulen, die für den hebräischen Unterricht nach Hölzel Interesse hätten, erhalten auf Wunsch nähere Anweisungen, sowie gedruckte Vorlagen (nach jedesmaligem Erscheinen). — Adresse: M. Broser. T.-T.-Schule, Stuttgart, Steinstraße 15.

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