Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 18/19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Das Jüdische Echo Nr. 18/19 frohe Trosteshoffnung und gewisse Verheißung für alle die. die sich wahrhafte Bildung. Umbildung. Entwicklung. Erweckung des geheimnisreich Seienden zur Aufgabe gesetzt haben. Nichts liegt an den paar Jahrhunderten oder Jahrtausenden der Entwürdigung und Verkommenheit oder des Bildungsscheins und polierten oder polizierten Schliffs; das ist alles obendrauf geblasene allerdünnste Haut aus Schmutz oder Schmelz und muß für jede Generation neu als Milieu wiederholt werden, um als Schein eines Erbtums zu wirken. Wahr ist zwar, daß die allermeisten Menschen, wenn sie nur ihr erstes Lebensjahr in dieser überlieferten Umgebung verbringen, ihr fast rettungslos verfallen sind; wahrer aber ist, daß das echte Erbe tiefer sitzt und noch gar nicht angefressen ist, und daß es noch für nichts zu spät ist. Eine ungeheure Aufgabe also wartet unser an unserm Volke! Ich hoffe doch, meine Leser haben, während ich aufforderte, Zigeuner und Zuchthausbrüder vor Augen zu sehen, zwischendurch immer schon die von Würde und Ehrwürde umflossenen Gestalten östlicher Juden und die Seelenanmut ihrer Kinder auftauchen sehen. Ich wiederhole gern: Würde, Ehrwürde und Anmut; so scharf ich weiß, womit sie sich abgeben, wie sie sich benehmen, womit sie sich genügen lassen, so klar schaue ich in der leiblichen Erscheinung ihrer Seele die Möglichkeiten, zu deren Erweckung und Erziehung wir berufen sind. Wir empfinden sie in all ihrer Verkleidung von Natur wegen als unsre besonderen Brüder, wenn wir nicht allerschlimmst Verkleidete selbst geworden sind. Wir empfinden ln ihnen wie in uns, trotz aller Hüllen und Masken der Zivil'isationsverderbnis verschiedener Stufen, die Verwandtschaft mit dem Geiste des Pathos und der Prophetie, und wissen, daß die Schlauheit der östlichen wie die witzige Intellektualität der Westlichen nur herabgekommene Geistigkeit ist. Was Martin Luther 1523 von den Juden, nicht von den alten Hebräern, sondern von den getretenen Juden seiner Zeit und Umgebung mahnend gesagt hat: „Wir (Christen) sind nur Schwäger und Fremdlinge, sie (die Juden) sind Blutsfreunde und Brüder unseres Herrn“, — das wollen wir für unser eigenes Tun und Planen an uns und unsern Brüdern im Sinne tragen, während wir den Beratungen deutscher Politiker zuhören, was für Maßnahmen gegen jene, in Wahrheit gegen uns alle getroffen werden sollen. Denn das sei zum Schlüsse noch gesagt: bilden wir uns ja nicht ein, daß, wenn wir im rechten Geiste unsre Einheit mit dem gesamten Judentum zur Tat werden lassen, wir Westlichen es seien, die da hülfen, und jene östlichen, denen geholfen würde. In aller hoffnungsvollen Demut vielmehr wollen wir erkennen, daß Rettung, Aufschwung und Erneuerung der gesamten Judenschaft grimmig not tut. und daß wir dem Schicksal innig zu Dank verpflichtet sind, wenn es uns die Gnade gewährt, daß die Not der Ostjuden in all ihrer Gräßlichkeit unsre eigene wird. Nichts Besseres könnte uns zuteil werden, als daß wir uns in dieser europäischen Menschheit, wie sie jetzt ist. als ganz Fremde, Verlassene und Verstoßene fühlten. Und am Ende wäre es auch gut für diese europäische Menschheit, deren ererbte Hoffnungsfülle und deren Gesunkenheit eine andere, aber nicht minder große ist wie unsre, wenn wir es in ihr, wie sie jetzt ist, nicht mehr aushielten. Es wäre nicht das erstemal in der Geschichte der Menschheit, daß Ausgesetzte und Flüchtlinge zu Pionieren, daß Davonläufer zu Vorläufern geworden sind. Die Talmud-Tora-Schule Stuttgart Gedanken und Aufzeichnungen. I. Die vor einigen Monaten in Stuttgart eröffnete Talmud-Tora-Schule mit ihren 60 Zöglingen und den vielen Angemeldeten, die der Aufnahme entgegensehen, ist in ihrer nationalen Auswirkung, die sich jetzt schon bei Kindern u. Eltern bemerkbar macht, der schlagendste Beweis dafür, wieviel wirklich Positives und National-Fundamentales im engen Rahmen des jüdischen Gemeindelebens geleistet werden kann. Zugleich zeigt sie uns aber, wie schwer wir uns an unserer eigenen Zukunft versündigen, indem wir die heranwachsende Jugend zwischen der unvermeidlich assimilatorisch wirkenden allgemeinen Schule und Umgebung und dem unzulänglichen „israelitischen Religionsunterricht“ vergebens den wirklichen Sinn ihres nationalen Daseins als Juden suchen lassen. Die Schule ist eine rein hebräische und befaßt sich nur mit hebräischen Lehrgegenständen, ist also kein Zwittergebilde einer allgemeinen und T?auThallmcner o- München ThßaänevÜrAÖ. p3in&<5Ias©r' ^yr^Ilcuw. t&