Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 18/19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 18/19 Das Jüdische Echo 213 herangetreten ist. Wir glauben seinem Andenken nicht besser dienen zu können, als durch Wiedergabe der nachstehenden Ausführungen, die einer größeren Arbeit Landauers aus dem ersten Jahrgang des „Juden“ entnommen sind. Ostjuden und Westjuden. Von Gustav Landauer. .... Von den Möglichkeiten fürs Künftige lasset uns zusammen noch ein Wort reden! Sie dünken mich wichtiger als die arge, arme Gegenwart dieser Unglücksmenschen; wichtiger als die wichtigen Pläne zu Kolonisation und Autonomie, weil das Verborgene wichtiger ist als das Oberflächliche und die Erneuerung wichtiger als alle Reformen, die vorausgehend oder folgend in ihrem Dienste stehen. Wichtiger ist diese Möglichkeit als das, was gemeinhin Wirklichkeit heißt, weil wirklicher; was noch nicht da, noch nicht nach außen herausgekommen ist, aber nach Anlage und Bereitschaft innen wartet und sich dem Wachstum entgegenspannt, ist eine leibhaftere Wirklichkeit, als das gespensterhaft unsinnige Treiben und Getriebensein dieser armen Menschlein, die so in Lage und Verhältnisse hineingebannt sind, daß sie all in ihrer Groteske mehr Marionetten der Umstände als Schmiede ihres Schicksals heißen dürfen. Mehr oder auch weniger Wohlmeinende, deutsche Juden, die im Krieg allererst mit Juden aus östlichen Gemeinden in umständlichere Berührung gekommen sind, sprechen mit Entsetzen und Grauen von der Gesunkenheit und dem Schmutz, den sie antrafen. Und nicht wenige gibt es, die laut oder leise sagen, nichts Schlimmeres könne den zivilisierten Juden Westeuropas geschehen, als die Überflutung der Gebiete, in denen sie selbst eine so ansehnliche Stellung einnehmen, mit diesen Stammesgenossen, deren sie sich schämen. Und selbt wenn diese jüdisch-feldgrauen Besucher Galiziens, Polens, Litauens keinen Zweifel an der Hebungsmöglichkeit dieser Tiefstehenden hegen, wenn sie sich vorstellen, daß Myriaden neuer Anwärter für die Laufbahnen auf den Gebieten des Handels, des Bankfachs und der Börse, der Rechtsanwalt-, Arzt- und Zahnarztpraxis in den nächsten Jahrzehnten etwa in Österreich' und Deutschland sich einnisten könnten, wird ihnen recht bange vor diesem embarras de richesse in mehrerlei Hinsicht: ihre eigene Assimilation ist noch keineswegs so befestigt, daß ein neues Anschließen willkommen sein könnte, und sie fürchten, gerade wenn sie in ihrer Art weitblickend und staatsmännisch sind, nicht eigentlich die Konkurrenz, sondern den verstärkten Ausbruch von Feindseligkeiten gegen neue und alte jüdische Bourgeoisie. Nicht aber von diesen Möglichkeiten sei hier gesprochen. Eine Entwicklung in dieser Richtung, die freilich, nicht zu leugnen ist’s, auch durchaus möglich ist, würde ich, gerade heraus sei’s gesagt, als ein noch weiter gehendes Herunterkommen betrachten. Der Jude, der im Ghetto einen kleinen und schmierigen Handel treibt, ist genau derselbe Typus wie der, der auf breiterer Stufe und mit dem erforderlichen Bildungsstoff versorgt von nichts als dem Händlergeist besessen ist. Der Jude aber, der seinen gemeinen Alltag immer wieder abbricht, um sich, wenn auch in mechanisch gewordenen und verderbten Formen, alle paar Stunden dem Höchsten zuzuwenden, der in sein Geschäftsjahr die Bräuche des Ritus und an den hohen Festtagen die tiefe Beugung vor dem Ewigen hineinbringt, steht gerade dadurch auf höherer Stufe als sein mit Bildungsfirniß überstrichener Bruder in der westlichen Großstadt, der statt Religiosität in irgend einer Form nur noch — mehr für die weiblichen Familienmitglieder als für sich — Romanlektüre, Theatermode und Kunstgeschwätz hat. Ihnen tut gerade so Erneuerung not als ihren östlichen Brüdern; ihre aber ist schwerer! Der Ostjude dieses Schlages ist wie er ist, und ist schlimm genug; um den entsprechenden Westjuden aber steht’s schlimmer, weil er Ehrfurcht nicht einmal in der niedrigsten Gestalt, dafür aber Schein, Getue und Bildungsheuchelei hat. Zu verzweifeln ist jedoch nicht, sondern Großes, Schönes und Reines zu hoffen. Mit den emanzipierten Juden ist gemacht worden, was jener Romanheld mit dem schönen Zigeunermädchen tat. das er auf der Straße auflas: er schaffte es in ein Pensionat, ließ dem Kind schnell den Bildungsstoff höherer Töchterschulen einpumpen und war späterhin sehr betrübt, als sie sich seiner Wohltaten unwürdig zeigte und sich recht gemein benahm. Er hätte es anders anfangen müssen. Habt ihr schon einmal einen Zigeuner gesehen? Ich rede gar nicht von dem edleren Teil dieses Volks in den ungarischen Steppen; ich meine unsre unausrottbaren Wanderzigeuner, die von einer Dorfbehörde der andern, von einem Kreis dem andern zugeschoben werden. Ich sehe sie gern an und kann mich von dem Anblick schwer losreißen. Bin ich wie Eulenspiegel, der im Aufwärts das Abwärts, im Abwärts das Aufwärts empfindet, wenn da immer wieder das Gefühl, das sichere, in mir wach wird und ruft: Welch eine Hoffnung, welch ein Trost für die ganze Menschheit! Mag doch, was an Beziehungen der Gemeinheit zwischen ihnen, zwischen ihnen und uns hin und hergeht, sein, wie es will und muß; aber dieses Physiognomische, dieses Unaustilgbare, was an Schönheit der Leiber, der Haltung, der Augen, des Ausdrucks hinter dem Zufallsausdruck, den das Einzelschicksal1 gemacht hat, in fester Prägung uralt lebendigen Erbtums leibhaft da ist: die Möglichkeit! Oder man gehe weiter und stelle sich einmal einen Gewohnheitsverbrecher des ganz und gar abstoßenden Typus vor, und nun denke man an diesen selben Menschen, wie er als kleines Kind rosig da lag und mit seinen Zehen spielte und zum ersten Male lächelte. Vergegenwärtige man sich alles Scheußliche und Entmenschte, was es unter zivilisierten Völkern gibt und denke daran: kein Mensch unter all diesen Ausgestoßenen und Enterbten, der nicht einmal in der Wiege oder auf Stroh oder auf Lumpen zum ersten Male gelächelt hätte! Noch weiter: man gewahre nach elend und niederträchtig vollbrachtem Tagewerk diese selben Menschen, die einst mit reinem, holden Lächeln zum Leben erwachen wollten, auf ihrem letzten Lager: wie jedes Kind ohne irgend eine Ausnahme von der sanften Innigkeit der menschlichen Seele einmal erstrahlt, so ruht auf dem Antlitz eines jeglichen Toten die Erhabenheit und der Stolz des im langen Leben der Menschheit herangezüchteten Geistes, der starr und streng von seinen Begegnungen mit dem Schicksal berichtet. Sehr alt ist die Menschheit; sehr viel hinter sich gebracht und in sich gebracht haben all ihre Völker; und wahre Wirklichkeit in der Anlage der Menschen insgesamt ist die Seele und Geisteshoheit, die in ihren Zügen und ihrer Haltung Erbe geworden ist. Das ist die unsäglich tiefe, reiche.