Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- Seite 189 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 189 Amerika das gleiche und noch mehr bereits gutgeheißen hat, und obwohl! dieser Schritt ausdrücklich ein erster und einleitender genannt worden ist, dem weitere folgen werden. Denn darüber darf kein Zweifel herrschen: zwar werden die Juden die Formen ausgebildeter Wirtschaft aus Europa mitbringen; den Geist aber, der diese Formen für Europa so verhängnisvoll machte, den Geist des Kapitalismus, der rücksichtslosen Einzelbereicherung, ihn werden sie nicht in das neue Land verpflanzen. Vielmehr wird die jüdische Gemeinschaft — kein auf Gewalt und Unduldsamkeit gegründeter Staat—von der Freiheit guten Gebrauch machen, die der englische Länderverband den ihm angegliederten Gemeinwesen innerpolitisch wie außenpolitisch in weitem Maße zu lassen pflegt, und sie wird eine Form des sozialen Zusammenlebens zu schaffen suchen, die schon darin von anderen sich unterscheiden dürfte, als der Arbeit am Lande, der groben schweren Arbeit, eine Würde und Weihe gegeben ist, durch die Erneuerung des Körpers, die sie dem städtischen und übergeistigten Juden zuteil werden läßt. Wir können heute schon sagen, daß vielleicht gar keine von Obrigkeits wegen festgesetzte Gemeindeform den individuellen und Gruppeninstinkten der Juden. die ja das im edlen Sinne demokratische Volk kat exochen sind, Schranken bieten wird, daß vielmehr die Freiheit auch der Gemeindeverfassungen zu einer reichen Mannigfaltigkeit der sozialen Typen führen dürfte. Denn da ein großer Teil der ostjüdischen Sozialistenjugend kommunistisch denkt und empfindet, und nach Palästina geht, um dort den Idealen zu leben, auf die die europäische Gesellschaft mit nein antwortet, werden wir ganz gewiß eine Vielfältigkeit von Wirtschaftstypen finden, die sowohl den individualistischen (Erbpacht) wie den sozialistischen und kommunistischen Gedankenwelten (Produktivgenossenschaft) irdisch-lebendige Formen geben werden. Damit wird zweierlei erreicht werden: das jüdische Volk in Palästina wird sich, was die Beziehung zu Europa anlangt, vor allem denjenigen Staatsorganisationen nahe fühlen, die sich ebenfalls auf dea Grundrechten sozialer Gerechtigkeit aufbauen, und es wird zweitens in die imperialistische Herrenstellung des Europäers auch den Fellachen gegenüber eine bald sehr fühlbare Bresche legen. Damit wird er zur Brücke zwischen dem sozial erwachenden Orient und dem entkapitalisierten Europa. Denn, und das ist das Ur jüdische in der Grundlage des neuen Gemeinwesens: Die Juden werden keinen bornierten Nationalismus mit in den Orient bringen. Sie werden, wenn es sich irgend ermöglichen läßt, d. h. wenn sie nicht auf die ausdrückliche Gegnerschaft und Feindseligkeit der Araber stoßen, mit den Fellachen ein kameradschaftliches Auskommen und Miteinanderleben zu finden suchen. Zwar werden sie die Formen des öffentlichen Lebens zwanglos judaisieren, und die Hälfte der Universität Jerusalem wird den jüdischen Wissenschaften Vorbehalten bleiben. Auch wird die hebräische Sprache, deren kräftige Neubelebung bereits ein Faktum ist, das öffentliche Leben zu erobern wissen. Aber es hieße die Grundlagen des Judentums negieren, wenn in diesem friedlichen und kulturellen Wettkampf irgendwelche antiarabische Gesinnungen unterlaufen sollten; im Gegenteil wird das Arabische recht bald in den jüdischen Schulen seinen Platz finden müssen. Dann könnte, eine Parallele zur spannisch-maurischen Zeit, in der der Araber und der Jude das hellenistische Griechenland von Byzanz nach Europa trugen, der Jude der ehrliche Makler werden, der in durchaus selbständiger Form den europäischen Gehalt nach dem Orient, den arabischen aber an Europa weitergibt. Und somit kann er, den so enge, zähe und zahlreiche Fäden mit den Ländern des zentralen und des östlichen Europas und mit Amerika verbinden, und der zu gleicher Zeit nach England loyale und politische Beziehungen hat, daran arbeiten, den großen Riß zu schließen, den die Urheber auf die Dauer des Krieges in die so eng verflochtene Welt gebracht haben, und den der Pariser Friede kaum heilen zu können imstande sein dürfte. Dies aber ist eine religiöse Aufgabe, ein Amt der reinen Gesinnung und reiner Hände. Die Menschheit, aufgebaut aus Völkern, wird solange ein dissonierendes Getöse sein, als Haß und Verachtung blind von Volk zu Volk Stacheln und Widerhaken kehren. Der Orient, ein Teil der Menschheit, ist keinesfalls ein Objekt der Politik, keinesfalls eine Nutzpflanzung für weiße „Herrenvölker“. Der Jude, fast zwei Jahrtausende das Objekt des Hasses, wird der Menschheit dienen, indem er darlegt: daß geachtet werden soll, wer arbeitet; daß die Hautfarbe keine Vorrechte bedingt; daß niemand das Recht hat. Menschen, seine Brüder, zu versklaven; daß die Erde geräumig ist, und daß die Lehre, die dereinst von Zion und Jerusalem an alle Völker ausgehen soll, der Geist brüderlicher, hilfsbereiter, herzensmilder Gesinnung und Lebensgestaltung ist; daß aber alles Böse mit der Trägheit des Herzens anfängt, mit verachtendem Gedanken weitergeht und mit Gewalttat endet. Das jüdische Leben in Palästina. Aus Palästina wird uns berichtet: Das öffentliche jüdische Leben in unserem Lande ist jetzt größtenteils mit den Vorbereitungen zu der bevorstehenden konstituierenden Versammlung in Anspruch genommen. Wir hatten bereits zwei konstituierende Sessionen, die sich aber, da Galiläa noch nicht vom türkischen Joch befreit war, nur über Judäa erstreckten. Nun soll die Gründungsversammlung des ganzen befreiten Palästina die vollständige Reorganisation des jüdischen Lebens vornehmen und es in neue zukunftsreiche Bahnen leiten. Im Zeichen dieser Vorbereitungen steht die Neubildung mehrerer Parteien. Außer dem „Haesrach“ hat sich eine neue Partei gebildet, die sich in weiten Kreisen großer Sympathie erfreut. Es ist die Radikal-nationale Partei, an deren Spitze der bekannte Pädagoge Dr. T u r o w sowie die Herren Berlin und A. Ludwipol stehen. Die Radikal-nationale Partei soll gewissermaßen die Mitte bilden zwischen dem rechts stehenden Haesrach und den radikalen links stehenden Elementen. Bezeichnend ist die Devise dieser neuen Partei: Stets nach links und nicht nach rechts! Wahrscheinlich werden sich zahlreiche intellektuelle Elemente dieser neuen politischen Partei anschließen. sodaß sie einer guten Zukunft entgegensehen darf. Aber auch die Rechten ruhen nicht. Der bekannte Vertreter des extremen alten Jischubs, Reb Leibele, Dajan in Jerusalem, gründete eine Partei mit dem Namen „Jerusalem“, die sich das Programm gestellt hat, gegen alles Neue, gegen den Zionismus und Modernismus Sturm zu laufen. Diese Partei ist gar nicht entstanden, um gegen den neuen Jischub zu kämpfen, sondern nur aus