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Das jüdische Echo · 1919-04-11 · 15 (11.4.1919) · p. Seite 188

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
15 (11.4.1919)
Date
1919-04-11
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
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188 Das Jüdische Echo Nr. 15 die in den Außenwirkungen entfalteten Kräfte auch nach innen fruchtbar werden. Der Wille zur Einheit, einmal geboren, wird bald alle Lebensäußerungen und Lebensbetätigungen der jüdischen Gemeinschaft durchströmen. Durch die Willenskundgebung des deutschen Judentums vor dem Forum der Weltmächte hat sich dieses Judentum, das bisher als Hauptträger des Assimilationsgedankens galt, von der Assimilationsidee endgültig losgesagt. Volksverleugnung nach innen läßt sich auf die Dauer mit der Forderung national^ kultureller Rechte für eine jüdische Gemeinschaft und dem Anspruch auf ein „von der gesamten Judenheit getragenes autonomes Gemeinwesen“ in Palästina nun einmal nicht vereinbaren, und die Internationalisierung bedeutet schließlich zugleich Nationalisierung der Judenfrage. Auch das deutsche Teiljudentum kann der dem Väterboden entströmenden belebenden Kraft nicht entraten. wie auch seine Lebensfrage, seine Schul- und Organisationsfrage nur im Rahmen einer Kulturautonomie eine dauerhafte Lösung finden kann. Hat sich das deutsche Judentum einmal auf den Boden des nationalen Programms gestellt, so kann seiner Einfügung ins Gesamtiudentum nichts mehr im Wege stehen. Es wird teilhaben an der Idee der jüdischen Welteinheit, die in der Idee des jüdischen Weltkongresses ihren höchsten Ausdruck findet. Das jüdische Palästina und der Orient. Von Arnold' Zweig. Die Zionisten, welche die Besiedlung Palästinas durch jüdische Massen schon propagierten, als auf solchen Absichten noch die Strafe jüdischen und nichtjüdischen Gelächters stand, erwarten eine tiefgehende Umwandlung der jüdischen Volksteile durch die Gewalt des Orients; solche Wirkung aber ist notwendig Wechselwirkung, und die Frage berechtigt, welcher Umwandlung der Orient gewärtig sein muß, wenn eine jüdische Einwanderung ihm eine Menschenmenge von durchaus ungewöhnlicher Struktur zu seiner vielfältigen Bevölkerung hinzufügt — zu einer im wesentlichen beharrenden, in sich langsamen, mit dem Willen zur Abschließung gesättigten Bevölkerung. Der neue Zuzug aber wird, allgemein gesehen, drei Elemente in sich tragen, und so dreierlei Einfluß spielen lassen: europäische, ostjüdische, urjüdidische. Der Jude kommt, erster Aspekt und größter Gegensatz, als Europäer ins Land. Sein Intellekt ist überwach und von einer geschmeidigen Schärfe, die sich jeden Problemes und jeder Schwierigkeit zu freuen scheint; zugleich kommt er als Großstädter, der in den Formen des zerlegtesten Großbetriebes erwachsen ist und sie überall anzuwenden bereit scheint, mit dem ganzen Tempo des Großstädters und Zeitsparers. Dieser Jude trägt die moderne Wissenschaft an den Rand des Orients: er wird zuerst die Medizin entfalten und den Kampf gegen Malaria und Augenkrankheit, gegen Kindersterblichkeit und Seuchen erfolgreich aufnehmen. Daß damit eine Veränderung der Bodenverhältnisse verbunden ist. sowohl Trockenlegung von Sümpfen als Bewässerung von Trockenland, ist bekannt und führt zu der Rolle der Technik, die ja das vornehmste Mittel zur Bewohnbarmachung Palästinas durch eine große Zahl von Siedlern darstellt. Elektrizität aus dem Jordangefälle muß die Kraftquelle für die Bearbeitung und Bewässerung des Bodens werden; moderne Maschinen müssen die körperliche Arbeit dem Klima entsprechend erleichtern und eine Industrie ermöglichen, die Rohstoffe des Landes (Totes Meer) oder naher Zentren (ägyptische Baumwolle) für die Bedürfnisse der Bevölkerung verarbeitet. Damit öffnen sich dem Orient Schulen der modernen Technik; die Ausbildung von Ingenieuren und Technikern vieler Industrien wird in absehbarer Zeit innerhalb Palästinas möglich sein. Größere Städte und intensiverer Verkehr erscheinen fast unumgänglich, und die kulturellen Bedürfnisse der Juden, bisher sehr hoch und europäisch gerichtet, werden das Eingangstor für Literaturen und Künste der führenden Westvölker werden. Daraus ergibt sich die für Deutsche heute doppelt bemerkenswerte Tatsache, daß die freundschaftlichen Beziehungen, die auch die Ostjuden in ihrer Masse bis zur Okkupation Litauens und Polens zur deutschen Dichtung, Musik, Philosophie und Wissenschaft pflegten, trotz der deutschen Isolierung jetzt positive Früchte tragen können, vorausgesetzt, daß kein deutscher Antisemitismus mit Lärm und Toben die Feindschaft frisch erhält, die diese Okkupation gegen alles Deutsche den Juden des Ostens eingeprügelt hat. Der Jude ist dankbar, aber er gedenkt auch der Mißhandlungen. die er erlitt. Kurz, die Distanz zwischen Europa und dem Orient muß sich verringern, zumal da der Verkehr europäischer Schiffslinien nach palästinensischen Häfen sich intensiv beschleunigen muß, um der Verbindung der palästinensischen mit der europäischen Judenheit zu dienen; und ebenso wie die jüdische Universität eine modern-europäische Hälfte haben wird, die den Geist des Okzidents in Methode und Lehrgegenstand ausbreiten muß, werden Ausstellungen. Theater und vor allem Konzerte die besten und neuen Schöpfungen Europas für jeden empfänglichen Geist darstellen, der kommt, sie aufzunehmen. Geschieht das aber, so ist nicht einzusehen, warum die Bewohner des palästinensischen Hinterlandes nicht an den Gelegenheiten des Studiums teilnehmen sollten, die ihnen plötzlich so nahe gerückt sind; ein Teil der nachorientalischen Erforscher der modernen europäischen Methoden und Wissenschaften wird sich schon in Palästina eine zusammengepreßte Übersicht darüber verschaffen können. Vor allem aber wird er in vielem schon den Geist des Westens kennen lernen können, diesen aggressiven, zerlegenden u. logischsystematischen Geist — wie wir hoffen, ohne allzuviel von den Verzerrungen und Ausartungen zu verspüren, die das Leben in Europa zu diesem unbarmherzigen und nahezu gehässigen Kampfe von Mensch mit Mensch gebracht haben, der den wildesten Ausdruck im Kriege gefunden hat. Dies zu vermeiden, wird vielleicht die Aufgabe des ostjüdischen Elementes der neuen Besiedlerschaft sein. Nirgendwo gibt es so überzeugte. so tatbereite, so nach neuer Ordnung des Lebens dürstende Massen wie in der Jugend des ostjüdischen Proletariats. Sie ist sozialistisch diese Jugend, und ihr Einfluß ist um so größer, als die jetzt schon im Lande befindlichen Arbeiterjuden ihre Brüder und Gesinnungsgenossen sind. Sie und die westjüdische intellektuelle Jugend haben auf dem letzten zionistischen Delegiertentage für Deutschland die ersten Siege errungen; die Natio-, nalisierung des Bodens ist dort von einer einstimmigen Versammlung vorwiegend bürgerlicher Delegierter beschlossen worden, nachdem man in

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