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Das jüdische Echo · 1919-04-04 · 14 (4.4.1919) · p. Seite 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
14 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
Seite 181 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14 Das Jüdische Eche \19 zu schmiegen.., Die Jugend beginnt zu singen. Man singt jüdische Lieder und verträumte morgenländische Weisen. Die Älteren hören zu und werden nachdenkliche Im Dorfe gibt es plötzlich Lärm. Einige Leute, die dort geblieben sind, haben einen Araber erwischt, der Weizen stehlen wollte. Sie kommen zu der Tenne und erzählen es. Nun gehen alle in das Dorf. Der Wächter allein bleibt in der Tenne zurück. Er fühlt sich schon heimisch im Dorfe. Man ist mit ihm zufrieden. Er gefällt auch den Mädchen. Sie gehen mit ihm herum und wollen ihm gefallen. Aber sein Herz sehnt sich nur nach der einen. Die schwarze Mirjam mit den schwarzen Auven hat ihn gefangen genommen. Auch sie fühlt sich zu ihm hingezogen. Sie halten sich aber in einiger Entfernung voneinander. Sie dürfen ja nicht immer zusammen sein. Die Dorfweiber haben schon etwas bemerkt und passen auf. Einmal sind sie allein zur Tenne gegangen. Der Weizen und die Gerste, der Himmel und die Sterne waren Zeugen: sie hatten die ganze Zeit geschwiegen. Er ergriff ihre Hand und wollte sie etwas fragen. Sie sah ihn mit einem so heißen, liebevollen, durchdringenden Blick an. Und er ließ ihre Hand los. Am nächsten Morgen tuschelten aber schon die Weiber und machten ihre Mutter darauf aufmerksam. Und die Mutter sah sie böse an. Seitdem halten sie sich in einiger Entfernung voneinander. Die Nacht hat sich tief über die Welt gesenkt, eine stille, tiefe, helle Nacht, von Schatten durchweht, mit Mondschein durchtränkt. Gleich wird der Tau fallen. Und die ganze Welt Gottes singt ihr stummes Lied: „Nacht, Nacht, Nacht.“ Einige Esel erheben hie und da einer nach dem andern ein jämmerliches Geschrei, und dann ist es wieder still. Nacht. Irgendwo fällt ein Schuß. Hat dort hinter dem Hügel ein Mensch einen anderen überfallen? Und es ist wieder still. Nacht. Man hört die Schellen einer Karawane. Über die Hügel bewegt sich ein Zug Kamele, mit Warenballen beladen. Und alles ist stilL Nacht. Im Dorfe hallen einsame Schritte. Reb Nachum geht vor seinem Hause auf und ab. Er bleibt stehen und geht dann wieder auf und ab. Er glaubt, ein Geräusch zu hören. Und er denkt sich: „Unser Land, unser Land, Erez-Jisroel. Alle Wunder sind hier möglich.“ Nacht. Etwas raschelt im Grase. Eine Schlange gleitet vorbei und verschwindet. Und dann ist es wieder still. Nacht, Nacht, Nacht. Es ist eine Erez-Jisroel- Nacht mit allen ihren Geheimnissen und Wundern. Im Dorfe schläft man schon. Miriam allein schläft nicht. Sie hatte sich schon zu Bette gelegt, konnte aber keinen Schlaf finden. Nun ist sie barfuß im bloßen Hemd mit offenem Haar hinausgegangen und hat sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt. Und sie blickt mit ihren charfen Augen zu der Tenne hinüber. Sie sehnt sich nach ihrem Liebsten. Wenn sie mit ihm jetzt sprechen könnte... Sie würde ihm sagen: „Ich habe schon mein Kleid ausgezogen, die Schuhe von den Füßen geworfen, das Haar aufgelöst und bin herausgekommen, um dich zu suchen. Wenn nicht die Nachbarinnen und die Mutter, so wäre ich zu dir nackt wie ich bin gelaufen.“ Und sie würde ihm sagen: „Mein Gesicht ist braun. Es ist von der Sonne verbrannt. Aber mein Leib ist frisch und hell. Und mein Herz ist so heiß. Es sehnt sich nach dir.“ Und sie denkt: „Liebt er mich, wie ich ihn liebe? Liebt er mich?“ Vor der Tene geht der Wächter, das Gewehr auf der Schulter, auf und ab. Er bewacht den Besitz von Nachion. Sein Herz sehnt sich aber nach Mirjam, nach dem wilden, braunen Mädel. Er schaut in die Nacht hinaus und vergeht vor Sehnsucht. Er nimmt die Büchse von der Schulter und schießt in die Nacht hinaus. Was gibt’s? Hat er ein Geräusch gehört? Oder hat nur sein Herz vor Sehnsucht und Liebe gezittert? Er schießt einmal nach dem andern. Mirjam erhebt sich. In dieser wilden Nacht ist sie wie ein wiedererstandener Traum von einsL Eine Tochter Jerusalems zieht nachts durch die Gassen und sucht ihren Geliebten. Ihre Haare sind feucht vom Tau. Ihr Leib zittert vor Sehnsucht. Ihre bloße Brust hebt und senkt sich. Das Feuer der Liebe glüht in allen ihren Gliedern, und ihre Liebe ist stark wie der Tod. Und ihre Seele sehnt sich nach der Tenne, und sie starrt mit ihren scharfen Augen in die wilde Nacht hinaus. Einige Männer stecken ihre Köpfe aus den Fenstern. Sie haben die Schüsse gehört und lauschen hinaus. Schon fällt wieder ein Schuß. Und dann ist alles wieder still. Nun wissen sie es: der Wächter schießt. Und sie ziehen ihre Köpfe wieder ein. Es ist still. Es ist Nacht, Eine Nacht voll Wunder und wilder Träume. Sehnt sich der Himmel nach den alten Propheten, nach dem Messias? Werden neue Religionen geboren? Stille. Nacht Es ist die Erez-Jisroelnacht mit allen ihren Wundern und wilden Träumen. * * * Ein Nachmittag. Im Dorfe herrscht heute reges Leben. Mosche soll heute abends abreisen. Und Reb Nachums Weib, die oft Fieberanfälle hat, ist wieder krank. Alle Weiber gehen zu Mosche, um ihm beim Packen zu helfen und mit ihm vor dem Abschied dies und jenes zu besprechen. Und dann gehen sie zu Reb Nachum. um nach der Kranken zu schauen. Reb Nachum ist den ganzen Tag neben seiner kranken Frau gesessen. Sie liegt zu Bett und schaut ihn mit traurigen Augen an. Es ist ihm, als ob sie ihn fragte: „Nachum, die Kinder haben so oft Fieber. Auch ich bin immer krank. Aber ich weiß nicht . . . Wie meinst du?“ Reb Nachum schweigt und denkt sich: „Unser Land, unser Land, Erez-Jisroel.“ Die Weiber geben der Kranken Ratschläge. Und zwischendurch klagen sie über ihr Leben: „Schwer ist es hier. Mosche geht nun wirklich fort. Es ist auch kein Wunder. Ist es denn ein Leben? Bekommt man hier was zu essen? Und dann die Schulden. Ach, Vater im Himmel!“ Reb Nachum ist es schwer ums Herz. Er geht aus dem Hause. Nicht weit von seinem Hause, auf dem Wege zum Felde hat er einen kleinen Mandelgarten. Er nimmt den Spaten, geht in seinen Mandelgarten und beginnt die Erde um die Bäumchen herum zu lockern. Er hat die Bäumchen mit seinen eigenen Händen gepflanzt. Er sieht sich um. Er steht vor einem Bäumchen und gräbt. Der Wind weht durch seinen breiten grauen Bart. Und es ziehen ihm die Worte durch den Sinn: „Und wenn

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