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Das jüdische Echo · 1919-03-28 · 13 (28.3.1919) · p. Seite 164

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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164 Das Jüdische Echo Nr. 13 Regierung hatte bisher nicht den Mut, durch ein Manifest die Pogrome offiziell zu verdammen. Diese werden trotz der 60 in Lemberg verbrannten Häuser und der mehr als 100 verstümmelten, massakrierten, zum Teil verkohlten Leichen und des von Dr. Tobias Aschkenaze, dem früheren Präsidenten der Advokatenkammer in Lemberg protokolarisch gesammelten Tatsachenmaterials, das die Beteiligung nicht nur von polnischen Legionären und Offizieren, sond'ern auch von Gymnasiallehrern, Richtern, Geistlichen, Rote Kreuz-Schwestern usw. an den grausamen Ausschreitung gegen die Juden nachweist — den Ententevertretern gegenüber mit frecher Stirn in Abrede gestellt. Schmerzerfüllt schaut der unglückliche galizische Jude nach Hilfe aus dem Westen, aber keine Stimme läßt sich von dort hören. Man denkt allgemein an einen Massenexodus. Sollte das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein Recht der Völkerverstümmelung sein? In Polen dauert der Krieg fort. Der Militarismus feiert trotz allem wie in der guten alten Zeit Orgien. Der General hat das große Wort, der Offizier ist der Herrgott. Von Soldatenräten keine Spur. Marschkompagnien gehen ständig an die verschiedensten Fronten ab. Am heftigsten wogt der Kampf an der Linie Lemberg—Chyrow. Eine Unzahl Dörfer ging dort in Flammen auf. Lemberg ist teilweise ein Schutthaufen. Zahlreiche Schäden weist auch die Stadt Przemysl auf, die jetzt allerdings etwas Ruhe genießt. Opfer gibt es unter den Kombattanten recht viele. Bisher hatten in Galizien die Ukrainer numerisch wie auch artilleristisch die Oberhand'. Bedeutende Massen polnischer Truppen aus Posen gingen in den letzten Tagen gegen Lemberg ab. Am 15. und 16. März 1. J. durften auf der Linie Krakau—Przemysl nur Militärtransporte verkehren. Posen, das jetzt von den Polen okkupiert ist und das sich vollständig autonom regiert, hilft nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich den anderen Teilen des polnischen Reiches. Galizien wird seit mehr als einem Monat mit Zucker aus Posen versorgt. Der Eisenbahnpark in Galizien ist gegenwärtig teilweise reichsdeutsch. Die Abstempelung der Noten hat in Polen noch nicht angefangen. Jedenfalls wird die dreifache Währung, die jetzt in Polen üblich ist (Kronen, Mark, Rubel) einer einheitlichen Währung, dem Lech, weichen. Dieser dürfte dem Schweizer Frank entsprechen. Bei Umtausch wird die Relation zwischen Krone und Mark höchstwahrscheinlich die vorkriegerische sein. W. M. Israel Cohens Bericht über die Pogrome in Polen. Das „Kopenhagener Zionistische Büro“ veröffentlicht den folgenden Bericht der „Times“ vom 8. Februar von ihrem nach Polen entsandten Spezialberichterstatter Israel Cohen: „Als ich London am 6. Februar verließ, um über die Pogrome in Polen Untersuchungen anzustellen, erwartete ich, daß zur Zeit meiner Ankunft in den betreffenden Gebieten die Unruhen zu Ende sein würden. Leider fand ich aber, daß die Angriffe auf Juden in verschiedenen Formen an gewissen Orten andauerten und die Juden in einem chronischen Zustand der Panik lebten. So wurde meine Pflicht, mich über die Novemberpogrome zu unterrichten, noch vermehrt durch die Pflicht, die Gewalttaten vom Dezember und die Ausschreitungen vom Januar zu untersuchen, während die Sammlung und Aufzeichnung von Informationen dadurch verzögert wurde, daß ich mich häufig veranlaßt sab, bei den polnischen Behörden in Krakau und Warschau wegen neuer Fälle des Rechtsbruches vorstellig zu werden. Die Unterdrückungen, Gewalttaten und Brutalitäten, unter denen die Juden in Polen während der letzten zweieinhalb Monate gelitten haben und grollen Teils noch immer leiden, sind schon zahlreich; genug, um einen beträchtlichen Band zu füllen. Um aber den Westen aufzuklären, ist es notwendig, einen zusammenfassenden Bericht über die wütende judenfeindliche Bewegung, die jetzt in dem neuen polnischen Staat herrscht, zu geben. Die Feindseligkeiten gegen die Juden in Galizien begannen unmittelbar nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie, und diejenigen gegen die Juden in Kongreßpolen folgten sehr bald danach. Der Rückzug oder die Desertion der österreichischen Truppen, die in ihre Heimat zurückkehren wollten, ließ zahlreiche Städte ohne eigentlichen Schutz zurück. Den allgemeinen Zustand der Verwirrung, der nun entstand, machten sich sowohl Bauern wie Stadtleute, die von antisemitischen Agitatoren aufgehetzt waren, zunutze und griffen jüdische Wohnungen und Geschäfte an. Anstatt die Juden und ihr Eigentum zu verteidigen, verhielten sich die polnischen Truppen hierbei passiv oder nahmen an den Angriffen teil. Die Bemühungen der Juden, sich zu verteidigen, wurden, durch die polnischen Militär- und Zivilbehörden unmöglich gemacht. Sobald die Nachricht drohender Unruhen in benachbarten Städten zu den Juden von Krakau gelangte, organisierten sie eine Miliz von etwa tausend Menschen, um ihre Brüder zu verteidigen. Die polnische Liquidationskommission, welche die Herrschaft in Galizien ausübte, gab ihre Einwilligung zur Bildung dieses Korps. Die jüdische Miliz wurde mit Waffen ausgestattet, und Abteilungen wurden nach verschiedenen Städten geschickt, aber nur in sehr wenigen Fällen und auch da nur eine kurze zeitlang waren sie imstande, irgendwelchen Schutz zu gewähren, denn der Militärkommandeur in Krakau, Generali Roja, erhob Einspruch gegen die Bildung der jüdischen Miliz und ordnete an, daß sie sowohl in Krakau wie in den Provinzstädten, nach denen bereits Abteilungen geschickt worden waren, entwaffnet und aufgelöst wurde. Außerdem wurde den lokalen jüdischen Gemeinden nicht gestattet Selbstschutzabteilungen zu bilden, noch auch wurden Juden zur Stadtmiliz zugelassen, sodaß sie jeder bewaffneten Bande, die sie angreifen wollte, ausgeliefert waren. Die völlige Hilflosigkeit der Juden dauert auch heute noch fort, was sich bei dem Pogrom zeigte, der vom 5. bis 8 Januar in Wloclawek stattfand, sowie bei den Ausschreitungen in Janow am 8. und bei den häufigen Angriffen auf Juden, die fast täglich in den verschiedenen Teilen des Landes Vorkommen. Während des Monats November allein gab es in 110 verschiedenen Städten und Flecken Pogrome verschiedener Ausdehnung und Schwere. In allen diesen Fällen wurden Geschäfte geplündert, in sehr vielen auch Häuser. Und in einigen wurden Synagogen geschändet. Bei allen Exzessen wurden Juden in brutaler Weise angegriffen, oft schwer verwundet und in einzelnen Städten sogar getötet. Die Exzedenten waren gewöhnlich Bauern aus den benachbarten Dörfern, denen sich die schlechten Elemente der Stadt anschlossen, während nur in wenigen Fällen Deser-

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