Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 12 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- Seite 165 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 155 reichend. Erfahrungsgemäß interessieren sie nur einen kleinen Teil! der Mitglieder und meist nur einen Bruchteil der Zuhörer. Es darf erwartet werden, daß der verehrliche Vorstand nunmehr, da mit Beendigung des Krieges wieder mehr Möglichkeiten als in den letzten Jahren zur Verfügung stehen, an die Vereinsaufgabe mit dem Ernst und Eifer herangehen wird, der der Größe und Stellung des Vereins und damit seiner Verantwortung entspricht. Hierzu sei mir gestattet, einige Vorschläge zu machen. 1. Bibliothek. Wie ich höre, verfügt der Verein über eine umfangreiche Bibliothek, die aber weder von den Mitgliedern, noch von der jüdischen Allgemeinheit in nennenswertem Maße benützt wird, obwohl ein starkes Bedürfnis nach einer jüdischen Bibliothek unbestreitbar vorhanden ist. Wäre es nicht vorhanden, so müßte man es sogar durch entsprechende Darbietung der Bibliothek wecken. Dies ist eine Aufgabe, die den Litaraturverein besonders angeht. Sollte die Bibliothek einer Ergänzung bedürfen, so würde es vermutlich möglich sein, andere vorhandene Vereinsbibliotheken für eine solche öffentlich zugängliche allgemeine jüdische Bibliothek zur Benützung zu erhalten. Es gibt eine Anzahl solcher Bibliotheken in München. So die des Vereins für Statistik, dies jüdischen Turnvereins, des Vereins Bne Jehuda, der jüdischen Gefangenen vom. Lager Puchheim, vor allem aber der jüdischen Gemeinde, die zufolge eines Vermächtnisses die Bibliothek des verewigten Herrn Rabbiner Professor Werner übernommen hat — sicherlich zum Zwecke möglichst allgemeiner Benützung. Es ist einer jüdischen Gemeinde von der Größe Münchens nicht würdig, daß keine allgemeine jüdische Bibliothek vorhanden ist und diesem Mangel abzuhelfen, ist neben der Gemeindeverwaltung in erster Linie Aufgabe des Literaturvereins. 2. Vorträge, schlage ich vor, auf ganz wenige, große allgemeine zu beschränken, dann aber nur solche zu veranstalten, die des stärksten Interesses sicher sind. In der Hauptsache schlage ich aber vor, statt der Vorträge 3. seminaristische Kurse aus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart einzurichten, die ihren Teilnehmern einen bleibenden Gewinn an Kenntnissen bringen könnten. Diese Kurse müßten möglichst wirksam bekannt gemacht, die Teilnahme an den einzelnen Abenden aber auf die Zuhörer beschränkt werden, die sich für ganze Kurse eingeschrieben haben. Neben den Vorträgen und Kursen würde die Veranstaltung von verhältnismäßig häufigen 4. Rezitationsabenden guter jüdischer Künstler empfehlenswert sein, durch die man die Zuhörer mit der jüdischen Literatur, vor allem der modernen, in lebendiger Weise bekannt machen würde. Statt oder außer dem „Jahrbuch“, das allgemein sehr geringem Interesse begegnet, schlage ich vor, den Mitgliedern die in Vorbereitung befindliche „Jüdische Volksliteratur“ zugehen zu lassen, die monatlich erscheinen und1 ungefähr in der Art der bekannten Hirtschen „Weltliteratur“ gute, jüdische Unterhaltungsliteratur bringen und so das gute Alte und Neue der jüdischen Literatur in viel weitere Kreise tragen wird, als dies bisher der Fall ist. Es ist anzunehmen, daß die Mitglieder des Literaturvereins eine solche Vereinsgabe sehr willkommen heißen würden, während andererseits die Vereinsleitung sich auf das Unternehmen entsprechenden Einfluß sichern könnte. Ich darf wohl bitten, meine Vorschläge als Material bei der Beratung über die Neugestaltung der Vereinstätigkeit zu benützen. Auf Wunsch bin ich gerne bereit, meine Vorschläge durch detaillierte Angaben, besonders auch nach der finanziellen. Seite zu ergänzen. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Jakob Reich. * * * * München, den 11. März 1919. Sehr geehrter Herr Reich! Auf die in Ihrem Schreiben an den Vorstand unseres Vereins vom 27. Februar enthaltenen dankenswerten Anregungen beehre ich mich als derzeitiger Vorsitzender zu erwidern: 1. Die Angelegenheit der Bibliothek beschäftigt bereits seit geraumer Zeit die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde. Es besteht die Absicht, nach Erledigung der dringendsten Fragen, insbesondere der Lokalfrage, den Gemeindemitgliedern die Literatur-Vereins- und die Gemeindebibliothek zugänglich zu machen. Wenn andere Vereine ihre Bibliotheken in gleicher Weise zur Verfügung stellen wollen und1 so die Einzelsammlungen in einem Lokal vereinigt werden können, so können wir dies nur begrüßen. 2. Bezüglich der Vorträge waren wir bisher in dieser Saison infolge der politischen Unruhen lahmgelegt, auch ist die Berufung auswärtiger Redner infolge der Verkehrsverhältnisse unmöglich gewesen; es besteht aber doch noch die Absicht, in diesem Frühjahr einige Vorträge abhalten zu lassen. 3. Auch die Frage der Einrichtung von seminaristischen Kursen war wie schon früher wiederholt Gegenstand der Beratung. Der Literaturverein würde sich1' freuen, wenn er auf diesem Gebiete die Führung übernehmen könnte und beabsichtigt für die kommende Saison die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Das Nähere wird mit den anderen Vereinigungen, die sich dafür interessieren, beraten werden. 4. Rezitationsabende haben wir früher wiederholt abgehalten und beabsichtigen dieselben auch späterhin zu veranstalten. Dieselben stehen aber doch mit den eigentlichen Vereinszwecken nur in losem Zusammenhang und können daher nur im Wechsel mit eigentlichen wissenschaftlichen Darbietungen eine Berechtigung beanspruchen. 5. Ihrer weiteren Anregung wegen- Beteiligung an einer herauszugebenden jüdischen Volksliteratur können wir nur alsdann nähertreten, wenn entweder unser Verein mit zur Leitung des Unternehmens berufen wird, oder wir nach längerem Erscheinen der Zeitschrift uns ein Urteil darüber bilden können, ob die Unterstützung im Rahmen unserer Vereinszwecke liegt und unsern Mitgliedern erwünschte Belehrung oder Unterhaltung bietet. Hochachtungsvotlst Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Dr. Frankel, Vorstand.