Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 10 (7.3.1919)
- Date
- 1919-03-07
- Page
- Seite 147 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 133 ihr so seltsam vor. Alle ihre Freundinnen reden mit ihm und fühlen sich so frei und unbefangen in seiner Nähe, und sie allein schweigt. Das verdrießt sie so, daß sie weinen könnte. Sie fühlt, daß ihr Gesicht glüht, es klingt ihr in den Ohren. Und sie fragt ihn: „Wo werdet Ihr wohnen?“ Er war aber gerade in eine lebhafte Unterhaltung mit den Mädchen vertieft, als Mirjam mit ihrer Frage kam. Ihre Freudinnen erröteten. Es war so dumm, mit der Frage herauszuplatzen. Und ihre Stimme hatte so sonderbar gezittert. Genin wandte sich zufrieden nach ihr um und antwortete verschämt und sanft: „Das weiß ich noch nicht.“ Die Mädchen ärgern sich. Der neue Bursche wird ja glauben, daß alle Mädchen im Dorfe ebenso dumm sind wie Mirjam. Sie schauen alle Genin flehend in die Augen. Als ob sie sagen wollten: „Was können wir dafür? Wir sind doch nicht so dumm . . .“ Die Straße leert sich allmählich. Die Männer und Frauen haben sich schon in ihre Häuser zurückgezogen. Morgen muß man ja früh aufstehen und ins Feld gehen. Reb Nachum allein ist vor seinem Hause geblieben. Er geht nachdenklich auf und ab. Genin nimmt Abschied von den Mädchen und verschwindet in einem Hause. Nach einer Weile erscheint er wieder mit einer Büchse auf dter Schulter und geht zur Tenne. Die Mädchen sind schon alle heimgegangen. Miriam allein steht noch vor ihrem Hause. Sie schaut traurig zur Tenne hinüber und denkt: „Gefalle ich ihm ebenso wie er mir? Gefalle ich ihm?“ Der scharfe Blick ihrer schwarzen Augen durchdringt die Nacht. Sie schaut zur Tenne hinüber, und ihr Herz klopft schnell und unruhig. (Schluß folgt.) Gemeindenu. Vereins-Echo München. Im Alter von 66 Jahren verschied in München am 2. März Herr Josef Spanier, ein allgemein geschätzter und besonders in jüdischen Kreisen sehr geachteter Mitbürger. Der Verstorbene bekleidete in einer Anzahl jüdischer Institutionen eine leitende Stellung; allenthalben wo derselbe tätig war, wird sein Hinscheiden schmerzliches Bedauern hervorrufen. Ganz besonders verdient machte er sich als 1. Vorstand der „Chevra Kadischah“, sowie als Vorstandsmitglied der orthodoxen Religions-Geselschaft „Ohel Jakob“. Die zahlreiche Beteiligung beim Begräbnis zeigte die Anerkennung, die dem Dahingeschiedenen allgemein gezollt wurde. Kongreßbewegung. In einer Vollsitzung des Gesamtausschusses der Ostjuden Münchens hielt Herr Nahum Goldmann einen Vortrag über den jüdischen Kongreß in Deutschland, wobei er besonders auf die Beziehungen des Kongresses zu den Ostjuden in Deutschland einging, deren völlige Gleichstellung auf allen Gebieten des jüdischen Lebens eine Grundforderung bei der künftigen Gestaltung desselben ist. Nach einer lebhaften Aussprache, bei der eine Gegnerschaft gegen den Kongreß überhaupt nicht vorhanden war, wurde folgende Entschließung einstimmig angenommen: „Der Gesamtausschluß der Ostjuden Münchens begrüßt die Bestrebung zur Einberufung eines jüdischen Kongresses in Deutschland und erklärt im Namen der von ihm vertretenen sämtlichen ostjüdischen Vereine Münchens seinen Anschluß an die jüdische Kongreß-Bewegung. Ahlem. Nach #/2jährigem, Bestehen ist jetzt das Reserve-Lazarett im Mädchenheim der „Isr. Erziehungs-Anstalt Ahlem“, das Tausenden von Soldaten als Genesungsheim gedient hat, aufgehoben worden. Damit ist dem Institut die Möglichkeit gegeben, seine Arbeit im alten Umfange wieder aufzunehmen. Dem außerordentlichen Interese folgend, das der jüdischen Berufsumschichtung zugunsten der Bodenkultur und des Handwerks entgegengebracht wird, soll Ahlem von Grund auf neu organisiert und ausgebaut werden. So werden in Zukunft auch junge Mädchen, die neben guter Schulbildung körperliche Eignung und Liebe zum Beruf besitzen, als Gärtnerinnen ausgebildet. Nachdem ein ehemaliger Schüler der Anstalt, der die Gartenbau- Hochschule absolviert hat, die Leitung des gärtnerischen Betriebes übernommen hat, ruht die gesamte Ausbildung in jüdischen Händen. Durch Vergrößerung des Bodenareals wird die Möglichkeit geboten, neben dem gärtnerischen auch den landwirtschaftlichen Betrieb kennen zu lernen. Die Anstalt umfaßt nach vollendeter Neuorganisation folgende Abteilungen: 1. Landheimschule für Schulpflichtige mit Ausbildung in Handfertigkeit und Schulgartenbau. 2. Gartenbauschule für männliche und weibliche Lehrlinge, einschließlich des Unterrichts in Bienenzucht, Kleintierzucht, Milchwirtschaft. Obstverwertung. 3. Handwerkliche Lehrwerkstätten. 4. Allgemeine und fachliche Fortbildungsschule. 5. Haushaltungsschule mit Ausbildung im Hausgarten, mit Geflügel1- und Kleintierzucht, Kinderpflege. — Die geplanten großen Neubauten werden es gestatten, dem Gemeinschaftsleben der Lernenden alles „Anstaltsmäßige“ zu nehmen und die modernen pädagogischen Forderungen (Gruppenbildung usw.) zu erfüllen. — Anfragen sind ausschließlich zu richten an Direktor A. Silberberg, Ahlem, Post Hannover-Linden 2. Augsburg. Am 9. Februar fand hier — fünf Jahre nach der ersten fast vergessenen Veranstaltung dieser Art— eine zionistische Versammlung statt. Herr Kareski aus Berlin hielt einen außerordentlich interessanten Vortrag: „Das jüdische Volk vor dem Friedenskongreß“. Er gab eine Darstellung der Hauptforderungen des jüdischen Volkes: Gleichberechtigung in allen Ländern, nationale Autonomie in den Ländern jüdischer Massensiedlung, Palästina in seinen historischen Grenzen für das jüdische Volk. Von besonderem Interesse war ein Exkurs über die nach innen und außen unhaltbare Stellung der deutschen Juden, die bei den Gegnern so heftigen Widerspruch erfuhr, daß sie ihn nicht einmal bis zum Schluß der Referats zurückstellen konnten, wie überhaupt die Gegner in der Versammlung teilweise einen Mangel an Diszipliniertheit zeigten, der an dieser Stelle eigentlich nicht vermutet wurde. Nach dem Referat forderte der Versammlungsleiter die Augsburger Judenheit auf, endlich auch den Anschluß an die gewaltige, im Zionismus organisierte Bewegung des jüdischen Volkes zu suchen und am Aufbau des jüdischen Palästina mitzuwirken. Nun traten der Gemeindevorsteher, Herr Justizrat Bauer und Herr Rabbiner Dr. Grünfeld mit dem ganzen Gewicht ihrer Stellung gegen den Zionismus auf. Ihre Ausführungen waren insofern von Interesse, als sie zeigten, wie sehr die Augsburger Gemeinde von der jüdischen Entwicklung