Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 10 (7.3.1919)
- Date
- 1919-03-07
- Page
- Seite 146 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Das Jüdische Echo Nr, 10 ergießt ihr Licht mit süßem Lächeln über Gottes Welt. Über die Welt der Hügel und Täler unter dem tiefen blauseidenen Himmel. Der Seewind weht schon recht frisch ins Gesicht. Und in den Tälern und! auch stellenweise auf den Hügeln liegen schon Schatten, weich und leicht, wie schwarze Seide. Hie und da sind sie von goldenen Sonnenflecken unterbrochen. Es ist, wie wenn eine aus schwarzen und goldenen Stücken gewürfelte Decke auf allen Dingen ruhte. Reb Nachum folgt dem Wagen zu Fuß. Erinnerungen ziehen ihm durch den Kopf: „Zu der Zeit, als die Richter regierten . . . Und ein Mann von Betlehem zog in der Moabiter Land . . . Und Boas kam eben von Betlehem und sprach zu den Schnittern: Der Herr mit euch . . .“ Und er schaut um sich mit erstaunten Blicken, wie ein Bräutigam auf seine schöne geliebte Braut schaut und in ihrem Antlitz das Geheimnis ihrer Schönheit zu ergründen sucht. Und er denkt sich: „Unser Land, unser Land, Erez-Jißroel . . .“ Die Sonne setzt sich auf den Hügel hinter dem Dorfe, wie um auszuruhen. Groß ist sie jetzt und rot. Sie versinkt still hinter dem Hügel, und der Westen glüht. Der Seewind weht nicht mehr, er hält seinen Atem an. Die Farben des Tages erlöschen. Und eine Weile später wird ein neuer kühlerer Wind geboren, und der Horizont kleidet sich in dunkle Schatten. Sie ziehen über die Hügel dahin, durch die Täler, umweben die Zypressen und nehmen sie in sich auf. Sie ruhen auf der Krone der einsamen Palme. Und die Nacht senkt sich herab, eine dunkelblaue Nacht, mit dem Lichte der Sterne und des Mondes durchwebt. Nun sind schon alle vom Felde heimgekommen. Vor einem Stalle haben sich einige arabische Arbeiter versammelt. Einer steht in der Mitte und bläst auf der Flöte eine morgenländisch gewundene und sehnsüchtige Weise. Die andern tanzen mit großem Eifer um ihn herum. Auf der Bank vor einem der Häuser sitzen die Männer des Dorfes in Hemden und Schlafröcken. Auch die Weiber sind dabei. Sie schauen in die helle Nacht hinaus und unterhalten sich. Sie besprechen das Gerücht, daß in der Nähe, zwei Stunden vom Dorfe noch ein Stück Land hinzugekauft werden soll. Dann wird Nachion aufleben. Erstens wird man in der neuen Kolonie seine Waren absetzen können; und zweitens wird es Durchreisende geben, an denen man gleichfalls etwas verdienen kann. Alle werden aufleben. Dann klagt man darüber, daß die Ernte heuer doch nicht so gut ist, wie man es erwartet hat. Der eine sagt, daß man den europäischen Pflug beibehalten soll. Aber nicht alle sind damit einverstanden. Es liegt nicht am Pflug. Es ist hier eben ein anderer Boden. Und die Steuern bringen einen um. Man spricht auch davon, daß man in Nachion Baumpflanzungen anlegen müsse. Vom Getreide allein könne man nicht reich werden. Man hat aber kein Geld. Und die Bank will für Baumpflanzungen kein Geld vorschießen. Menasche gerät in Feuer und sagt, daß, wenn man ihm gefolgt und in Nachion Pflanzungen nach seinem System angelegt hätte, alle längst reich geworden wären. Die Leute lächeln. Dann redet man davon, was man von den arabischen Wächtern auszustehen hat. Man erwischt sie, wie sie den Weizen stehlen. Und nun erzählt man sich Geschichten von Zusammenstößen zwischen .Arabern und jüdischen Kolonisten. Gerschon erzählt, was er einmal auf dem Wege von Jaffa nach Nachion erlebt hat. Einmal fährt er am Abend von Jaffa weg. Es ist gefährlich, nachts allein zu fahren. Er muß aber noch an diesem Abend zu Hause sein. Sein Weib liegt fieberkrank danieder. Und morgen muß er das Feld bestellen. Und wenn man Ackerbauer ist, darf man sich nicht schonen. Wenn man noch am gleichen Abend zu Hause sein will, muß man eben fahren. Er lädt seinen Revolver und fährt. Es ist schon recht spät geworden. Alles ist still, er trifft keinen Menschen und ist ganz allein auf der Straße. Aber unten im Tale erblickt er zwei Araber, daß man vor ihnen Angst hat, ist noch viel schlimmer. Also fährt er weiter. Wie sie ihm begegnen, sagen sie ihm: „Marchaba, chawadsche.“ Antwortet er: „Marchabaten.“ Fragen sie ihn: „Hast du Feuer?“ Und einer ergreift sein Pferd am Zaume. Es ist nicht gut. Sie wolen ihm das Pferd nehmen. Zeigt er ihnen den Revoltver und sagt: „Wenn ihr Feuer wollt, so kann ich’s euch nur damit geben.“ Zeigen sie auf ihre Büchsen und sagen: „Auch wir haben Feuer.“ Richtet er sich im Wagen auf und sagt ihnen: „Geht doch lieber weiter. Mit Gutem werde ich euch das Pferd nicht geben. Einer von uns bleibt hier tot liegen. Ich schieße. Wollen wir sehen, wer hier liegen bleibt.“ Er schoß in die Luft. Sein Pferd war scheu. Es erschrak, riß sich aus den Händen des Arabers los und begann zu rennen. Das Pferd rennnt und er schießt. Er sieht nichts, er hört nur, wie sie ihm nachjagen und schießen. Eine ganze Stunde rannte das Pferd. Erst kurz vor Nachion hatte es sich etwas beruhigt. Ein anderer erzählt, wie ihn Araber am helllichten Tage überfallen hatten. Ruwen berichtet, wie ihm die Kolonisten einmal einen Streich gespielt hatten. Es war kurz nachdem man sich in Nachion niedergelassen hatte. Die jetzigen Häuser standen noch nicht da. Man wohpte in arabischen Hütten. Die Tenne mußte man selbst bewachen. Einmal kam die Reihe an ihn, bei der Tenne zu wachen; an ihn und zwei andere junge Leute. Die beiden anderen waren aber nicht rechtzeitig zur Stelle. So sitzt er bei der Tenne und hat das Gewehr neben sich liegen. Er ist totmüde und schlummert etwas ein. Plötzlich erwacht er und sieht zwei Männer in der Tennne stehen und Weizen in Säcke stopfen. Er will nach der Büchse greifen, aber die Büchse ist verschwunden. Was soll er tun? Ein Geschrei erheben, schämt er sich. Die Diebe werden auch davonlaufen. Da erinnert er sich, daß sein Waven dicht neben ihm steht. Er reißt ein Brett vom Wagen los und stürzt sich auf die Diebe. Die Diebe ergreifen die Flucht, und er ihnen nach. Sie Haufen zum Dorfe. Im Dorfe fing er zu schreien an, daß man die Diebe aufhalte. Es entstand große Aufregung. Die Schlafenden erwachten und stürzten schreiend auf die Straße. Und was stellte sich heraus? Es waren eigene Leute. Man spielte ihm diesen Streich zur Strafe dafür, daß er eingeschlafen war. Alle lachen. Man scherzt. Man frischt alte Erinnerungen auf. Durch die Gasse gehen die Mädchen des Dorfes mit dem neuen Burschen. Auch Mirjam ist dabei. Sie wissen schon, daß er Genin heißt, daß er Arbeiter ist und hergekommen ist, um Arbeit zu suchen, und daß er in Nachion bleibt, um die Tenne des Nachts zu bewachen. Die Mädchen sprechen mit ihm, erzählen ihm Geschichten und fragen ihn aus. Alle geben sich Mühe, dem neuen Burschen zu gefallen. Mirjam schweigt die ganze Zeit. Die Bekanntschaft mit dem neuen Burschen kommt