Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 9 (28.2.1919)
- Date
- 1919-02-28
- Page
- Seite 116 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Das J MUcke Echo Nr. 9 Manchmal klingt von einer der Straßen ein wildes Wüstenlied. Ein Araber reitet hinter dem Hügel auf seinem Esel und treibt ein mit Warenbalien beladenes Kamel vor sich her. Seine braunen Beine sind bis zu den Knöcheln nackt. Ein schwarzes Tuch umflattert seinen Kopf, die treue Büchse .bängt am Rücken. Er reitet, wendet sein schwarzes, wildes Gesicht nach rechts und links, blickt mit den feurig schwarzen Augen um sich und singt mit leiser träger Stimme ein Lied, so eintönig wie die Hügel und Täler ringsum. Und das Kamel nickt mit dem stolzen Kopf, blickt vor sich hin und träumt von der heißen Wüste. Ein Vormittag. Die Männer sind draußen auf dem Felde. Es ist Erntezeit. Auf der Straße vom Felde zur Tenne schwebt eine Staubwolke: auf Kamelen und auf mit Ochsen bespannten Wagen bringt man das Getreide ein. Die Weiber sind zu Hause und sorgen für das Mittagessen. Ab und zu werfen sie einen Blick durch das Fenster zu der Tenne, hinter dem Dorfe: „Ist das Korn heuer geraten? Vater im Himmel, wenn es nur geraten ist! Und bei dieser Hitze müssen sie draußen im Felde sein . . .“ Vor einem Hause sitzt auf der Bank ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, ein Arbeiter. Gestern abends ist er hergekommen, um Arbeit zu suchen. Ein großgewachsener, kräftiger Bursche mit sonnengebräuntem Gesicht und verbrannten Händen. Trotz und Jugend leuchten aus seinen braunen, unruhigen, sehnsuchtsvollen Augen. Er sitzt da und hat den scharfen Blick auf den Horizont gerichtet. Sucht er, in die Erinnerungen des ewigen Volkes versunken, die Seele des wüsten Landes zu ergründen? Die schwarze Mirjam tritt vor das Haus. Schlank, mit bloßen Füßen, in einem weißen leichten Rock und weißer Jacke, den Kopf mit einem weißen Tuch umwunden. Sie ist jung, vielleicht siebzehn. Aber sie ist im Morgenlande geboren und aufgewachsen. Ihre Brüste und Hüften sind früh entwickelt, die Augen klein und ebenso schwarz wie die Haare, die lose um die Schultern fließen. Die scharfen Augen leuchten und sengen. Sie ist eine lebendige schwarze Blume des Morgenlandes. Duftig ist schon ihr Herz und wollüstig ihr Bltick. Und sie schaut den fremden Burschen an, der vor dem Hause gegenüber sitzt. Es verdrießt sie, daß ihr Gesicht und Hals so verbrannt sind, und sie freut sich zugleich: ein neuer Bursche im Dorfe! Sie geht wieder in die Stube, um ihir schwarzes Haar zu kämmen und aufzustecken und Schuhe auf die bloßen Füße anzuziehen. Vor seinem Hause sitzt im Schatten eines Maulbeerbaumes Reb Nochum. ein Mann von etwa 50 Jahren. Sein langer breiter Bart und die auf chassidische Art gedrehten Pejes1) sind schon grau, aber Augen und Stirne sind noch jung. Er sitzt und denkt: „Unser Land, unser Land. Erez-Jißroel . . .“ Vor fünf Jahren ist Reb Nochum nach Palästina gekommen. Er hat seine Waldgeschäfte in Rußland liquidiert, hat sich mit tiefem Herzleid von den Gräbern seiner Eltern und von seinen Freunden im Stübel2) verabschiedet, den Talmud und den Sohar*), das Erbe seines Vaters, zusammengepackt und auch die silberne Schnupftabaksdose mitgenommen, ist nach Palästina gezogen und hat hier in Nachion ein Stück Land gekauft. Seine *) Pejes — Schläfenlocken. 2) Stübel — Betstube der Chassidim« a) „Sohar“ — berühmtes kabbalistisches Werk, ältern Söhne bearbeiten das Feld. Er hilft ihnen mit Ratschlägen. Sonst nimmt er täglich, wie früher in der Heimat, ein Blatt Talmud durch und am Sabbatabend — ein Blatt Sohar. Seit er hergekommen ist, spürt er eine gewisse Unruhe. Es ist ihm, als wäre er noch gar nicht ins Heilige Land gekommen, als sei er unterwegs stecken geblieben. Als hätte er seine Hände ausgestreekt, um das heilige, geliebte Land1 zu umfangen: das Land ist aber für ihn zu groß und zu heilig, oder seine Arme sind zu schwach und zu klein. Heute ist er noch gar nicht draußen im Felde gewesen. Etwas nagt ihm am Herzen. Er sitzt vor dem Hause und denkt: „Unser Land, unser Land, ]Erez-Jißroe|l . . .“ Die arabischen Hirten haben die Herden zum Brunnen vor dem Dorfe zusammengetrieben: die Kühe, die Schafe mit den dicken, fetten Schwänzen und die Ziegen mit den langen Ohren. Und von der Tenne her zieht eine Staubwolke zum Dorf: die Leute fahren schon heim zum Mittagessen und um auszuruhen. Bald! zeigt sich Gerschon mit seinem Wagen. Er lenkt seine Pferde stehend. Gerschon ist fünfundfünfzig, schlank und hager und hat einen schwarzen verwilderten Bart. Er trägt o-erne die Manieren eines echten Ackerbauers zur Schau. Wenn sein Gesicht verschwitzt ist, wischt er es nicht anders als mit dem Ärmel des Hemdes ab. Hat er etwas zu tragen, so trägt er es immer auf der Schulter. Steht er vor dem Hause herum, so nur barfuß, und fährt er in seinem Wagen vom Felde heim, so nur stehend. Er steht im Whgen und fährt ohne große Eile. Er weiß, daß der echte Ackerbauer seine ermüdeten Pferde niemals antreibt. Nach ihm kommt in einem mit zwei Ochsen bespannten Wa^en Reb Chajim, Mirjams Vater. Auch er ist in den Fünfzigern. Breitbeinig ist er, kräftig und selbstbewußt. Er ist schon als Kind nach Palästina gekommen. Er sitzt in seinem Wagen und weiß, daß er der Gemeindevorsteher des Dorfes ist und daß sein Ertrag auch heuer größer sein wird als der der andern. Er freut sich über seine Ochsen, mit denen er jetzt fährt, und über die Pferde und Esel, die mit dem arabischen Knecht draußen auf dem Felde geblieben sind. Er zieht seine Schnupftabaksdose aus der Tasche, nimmt eine ordentliche Prise und schreit die Ochsen an, so ganz ohne Grund, zum bloßen Vergnügen. Nach einer Weile zeigt sich vor dem Dörfchen Reb Menasche, ein immer nachdenklicher Mann von fünfundfünfzig Jahren. Er hat ein neues Pflanzsystem erfunden und ist überzeugt, daß. wenn alle ihm folgen und ihn verstehen wollten, er d'as ganze jüdische Volk und alle Kolonien von Palästina retten würde. Seit fünf Jahren pflanzt er auf seinem Boden ölbäume; er macht immer neue Versuche und schreibt ein Werk darüber; dem Werke gibt er auch seine Biographie bei. Aber niemand folgt ihm und niemand hört auf ihn. Er ist von allen verkannt Und da ihm niemand hilft, erreicht er auch nichts. Kann man denn mit leeren Händen etwas machen? Jetzt denkt er daran, daß seine Pflanzungen bei dieser großen Hitze täglich bewässert werden müssen. Das wird er auch in seinem Buche erwähnen. Ruwen, der Spötter des Dorfes, holt ihn ein. Ruwen ist ein schwarzer, lebhafter, lustiger junger Mann, der gerne Witze macht, besonders, wenn die Feldarbeit in vollem Gange ist. Er wendet sich zu Menasche: „Guten Morgen, Reb Menasche! Was sagt Ihr zu der Hitze? Man kann kaum atmen. Das Haar