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Das jüdische Echo · 1919-02-28 · 9 (28.2.1919) · p. Seite 115

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 115 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 Das Jüdische Echo 115 neuen Kunst- und auch Lebensstil zu schaffen, den das Verlassen der alten religiongebundenen Ideale nötig machte. Für ein deutsches Publikum kommt in Betracht wie weit dies schon gelungen ist; also ist ein die anderen Literaturen als Maß- ,-stab nehmender nicht ein die lokale jüdischgeistige Entwicklung berücksichtigender Standpunkt angebracht. Der junge hebräische Dichter S. J. Agnon scheint in seiner Erzählung „Und das Krumme wird gerade“ (Jüdischer Verlag, Berlin 1918, Übersetzung von Max Strauß) heute Gefühltes in wenn auch nicht neu-eigenem, so doch die alten Formen neu durchdringendem Stil zu geben. Das Gefühl aber, das der Dichtung zu Grunde liegt, ist das innerlichste, gleichsam „frömmste“ des Judentums, das „chassidische“, wie man diejenige religiöse Richtung im Osten nennt, die mehr auf das Tun und Leben als auf das Dogma Wert legt. Diese Geistesart, die, in anderer Färbung, der deutschen Mystik nahekommt, ist in Deutschland durch Persönlichkeiten wie Perez und Martin Buber bekannt geworden. Mit Agnon wird ein kleiner angelegter, mehr intimer, Details gebender Gestalter dieser Gefühlsrichtung bekannt. Diese Erzählung behandelt das Schicksal des Menascheh Chajim, eines kleinen Händlers aus Buczacz, der verarmt, und, um sein Weib zu ernähren, mit einem Empfehlungsbrief des berühmten Buczaczer Rabbi versehen, auf die Bettelwanderfahrt geht. Da diese von wenig Erfolg begleitet ist, verkauft dier gutgeartete1, aber schwächliche und naive Mann seinen wertvollen Brief an einen anderen Bettler, der bald darauf stirbt. Der Brief wird an den Rabbi Buczacz zurückgesandt, wo man infolgedessen annimmt, daß der fremde Bettler Chajim gewesen sei, von dem man seit langem nichts mehr gehört hat. Seine „Witwe“, Kreindel Tscharne, welche die Jahre über in großem Elend lebte, heiratet von neuem. Chajim war immer noch nicht zurückgekehrt, weil er auf einem Jahrmarkt sich betrunken hatte und ohne Geld in der Gosse wieder aufgewacht war; von neuem mußte er betteln gehen. Als er endlich, zu seinem Weibe in seine Stadt zurückkehren will, hört er von ihrer Heirat. Und nun kommt das Wesentliche des Buches: Chajim beschließt, als Sühne für seinen Betrug mit dem Brief und seine Schwächlichkeit, sich auch weiterhin im Verborgenen zu halten und zu sterben, um sein Weib nicht in Sünde zu bringen. Denn da sie ja in Wahrheit nicht Witwe war, durfte sie nicht einen anderen heiraten. Diese Sünde kann Chajim von ihr nehmen, wenn er sie wirklich zur Witwe macht, und er tut danach. So wird das Krumme seines Lebens wieder gerade. „Sie sühnen ihren Frevel durch ihre Leiden“ sagt der jüdische Weise. In dieser Tat des einfachen Mannes liegt eine tiefe Frommheit, die durch die Schilderung des Charakters und des Milieus etwas Musikalisches erhält, einen Rythmus, wie man ihn in der westeuropäischen Literatur nicht findet. Überhaupt wird den deutschen Leser, auch den deutsch-jüdischen, die ganz europafremde, orientalisch bestimmte Eigenart dieser neuhebräischen Dichtung fesseln. Die gesamte Vorstellungswelt ihrer Menschen ist ebenso weit entfernt von unserer, wie die Art zu sprechen und der Satzbau. Die Erzählung spielt um 1840, wo noch nicht die Aufklärung Glauben und Aberglauben bei den Juden des Ostens — zum mindesten bei den ungebildeten Schichten — gelichtet hatte, und der Erzähler paßt sich ganz im Tonfall jener Geisteslage an (wodurch allerdings ein mehr archaisierender als „heutiger“ Stil entstand). Unverkennbar ist auch die typisch orientalische Bildhaftigkeit, die im Gegensatz zu der europäischen eine mehr klangals sinnbedirigte ist. Das Wort wird nicht zuinnerst „erlebt“. Ausdrücken wie: das Herz „rauscht“, Eingeweide „rauschen“ merkt, man die flächenhafte (nicht tiefeUhafte) Behandlung des Wortes, wie wir sie aus der Bibelsprache kennen, und den Hang, das Bild zu schematisieren, erstarren zu lassen. Viele Anektoden, unzählige Zitate aus den Schriften sind, die starke jüdische Assoziationsfähigkeit illustrierend, in die Erzählung eingestreut, die daher eher einer zuständlichen Schilderung des jüdischchassidischen Geisteslebens afs einem Epos gleicht. Der Verfasser hat ein besonderes Glück mit seinem Übersetzer gehabt. Die Übertragung gibt in ausgezeichneter Weise Stimmung und Sprachgeist des Hebräischen wieder. Sie macht nicht den üblichen Fehler der Übersetzungen, möglichst reines Deutsch im deutschen Sprachgeist zu geben, wodurch niemals der Gehalt einer fremden Dichtung übermittelt werden kann, sondern gibt im Satzbau und Tonfall, wie mir scheint, vorbildlich, den Gehalt der Ursprache innerhalb der deutschen Grammatik. Feuilleton Unser Land. Von S. J. Anochi.*) Bei Nacht in wilde morgenländische Träume gehüllt, am Tage von blendend heller Wüstenglut übergossen, ruht wie am Ufer eines Traumes, im Lande Judäa, zwischen Hügeln und Tälern das kleine jüdische Dorf Nachion. Zwei Reihen kleiner weißer Häuser billden die Straße; hinter ihnen liegen die Ställe und Schuppen. Wie zwei Schafherden, die in der Wüste weiden und sich in der Sonnenglut hingelegt haben, um auszuruhen, sehen sie aus. Vor den Häusern sind Bäume gepflanzt; vor einigen stehen ruhig und stolz die stillen, in sich verschlossenen und immer geheimnisvollen Zypressen. Wie in Gebet versunken stehen sie da, in ein ruhiges, stilles Gebet, das gerade in den Himmel steigt. Links vom Dorfe ragen die Berge Judäas. Sie ziehen sich durch das heiße wüste Land, sich übereinander türmend und miteinander verwachsen. Sonnenglfut und Feuer umschweben sie, die alten, ewigen Gedanken der Propheten ruhen auf ihnen. Auf ihren steinharten, glühenden Rücken ist das Schwertgeklirr der Helden der Könige David und Salomo erstarrt und der Zorn und die Kraft der Richter. In einem blauweißen durchsichtigen Schimmer, der wie aus blauweißer Seide und silbernem Sonnenschein gewebt ist, ruhen die Berge Judäas mit ihren Klüften und Geheimnissen aus uralter Zeit . . . Rechts vom Dorfe Hügel und Täler, Täler und Hügel bis zum sandweißen Ufer des Meeres. Auf einem Hügel steht eine Pallme mit ihrem gelben schlanken Hals und üppigen grünen Kopf und schaut aufs Meer. Zwei Straßen beginnen an den beiden Enden des Dorfes; sie erklimmen die Hügel, winden sich durch die Täler und verlieren sich an den beiden Enden des immer klaren, hohen, tiefen und glühenden Himmels. *) Aus: „Ostjüdische Novellen“, übersetzt von Alex. Eliasberg, Verlag Georg Müller, München.

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