Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 9 (28.2.1919)
- Date
- 1919-02-28
- Page
- Seite 117 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9139942--02671-9075491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdisch« Echo 117 Nr. 9 auf dem Kopfe verbrennt einem. Woher kommt Ihr?“ Reb Menasche erwacht aus seinen Träumen und antwortet stolz: „Woher soll ich kommen? Von meinen Pflanzungen.“ Ruwen macht ein ernstes Qesicht und fragt: „Wie steht es dort? Ich hab heute aus der Ferne hinübergeschaut — es sieht gut aus, ausgezeichnet!“ Reb Menasches Stolz schwillt noch mehr. „Ist es noch eine Frage, ob ich recht habe, Sie sind alle Narren, Esel, Ochsen, verbohrte Köpfe.“ „Ich sage ja immer, daß Ihr recht habt,“ sagt Ruwen mit verstohlenem Lächeln. „Wißt?Ihr was? Hab ich es Euch noch nicht gesagt? Ich habe die Absicht, dasselbe zu pflanzen . . .“ Reb Menasche gerät ins Feuer und läßt ihn nicht ausreden: „Man kann damit sein Glück machen. Keiner hört aber auf mich. Ich hab schon ein ganzes Buch darüber geschrieben. Heuer hätte ich allen zeigen können, daß ich recht habe, selbst ein Ochse hätte es zugeben müssen. Leider haben sich Würmer gezeigt. Ich habe wohl zu stark gedüngt und' zu wenig umgegraben. Ich bin ja ganz allein. Ich habe auch zu wenig gepflanzt. Man muß doch auch etwas zurücklassen, um leben zu können. Niemand hilft mir ja. Wenn Ihr es auf Euch nehmen wolltet, könnten wir zusammen noch mehr Versuche anstellen. Ihr sollt aber Eure Pflanzung gleich neben der meinigen anlegen. Dann können wir uns einen gemeinsamen Wächter anstellen. Viele Auslagen werden dann geringer sein. Man kann damit sein Glück machen. Die ganze jüdische Kolonisation in Erez-Jißroel wird aufleben. Wißt Ihr, bei dieser Hitze muß man jeden Tag etwas wässern. Auf mich könnt Ihr Euch verlassen . . .“ Reb Menasches Au^en leuchteten, sein Gesicht glüht. Er ist gleichsam gewachsen. Er hätte noch lange träumen können, aber sein Blick fällt auf Ruwen, und er bemerkt das Lächeln in seinen Augen. Etwas sticht ihn ins Herz, und er geht nachdenklich, zerstreut, wie zusammengeschrumpft, seinem Hause zu. Noch einige Wagen erscheinen auf dem Wege von der Tenne zum Dorfe. Eine dichte Staubwolke begleitet sie. Dieser Wolke folgt zu Fuß der abgearbeitete, nachdenkliche Mosche, ein Mann von fünfundvierzig Jahren. Mosche war einer von den ersten, die sich vor fünfzehn Jahren hier in Nachion niedergelassen haben. Er hat aber kein Glück. Fast alle Kolonisten haben ein schweres, dürftiges Leben, doch sie können es immer noch aushalten. Er aber hat gar kein Glück. Nicht nur, daß er weniger Land besitzt, — er hat jedes Jahr auch noch eine Mißernte, und sein Vieh stirbt eines nach dem andern. Heuer verlor er in einem einzigen Monat einen Ochsen und zwei Pferde. Und seine Familie wird immer größer, die kleinen Kinder wachsen heran, und sein Weib ist kränklich. Die Schulden erdrücken ihn. Er kann es nicht länger ertragen. Nun hat er sich entschlossen, das Land zu verlassen. Und er ist versorgt und bekümmert. Vom abgemähten Felde her reitet auf seinem schönen arabischen Pferde Gerschons Sohn, ein Bursche von etwa zwanzig Jahren. Er ist als Reiter in der ganzen Gegend berühmt. Selbst die Araber haben vor ihm Respekt. Das Pferd ist wild — Bljut und Feuer. Es rennt wie der Wind, alle Muskeln bis zu den Hufen sind gespannt. es berührt wie schwimmend mit dem Bauche die Erde, die Nüstern sind gebläht, es verschlingt förmlich die Straße unter ^sich. Der Reiter sitzt fest und unbeweglich im Sattel, als ob er und das Pferd aus Bronze gegossen wären. Beide zeigen der strahlenden, glühenden Sonne ihre Kunst. Und sie verstehen einander. DeT Reiter ist wild, das Pferd selbstbewußt. Mitten im Fluge wenden sie plötzlich um, wie die Schlange ihren Kopf umwendet. Oder sie bleiben plötzlich stehen. Und dann fliegen sie wieder über das heiße wilde Land, über Berg und Tal. Dicht vor dem Dorfe bleiben sie wie angewurzelt stehen. Der Reiter streichelt seinem Pferde den schönen Hals und dankt ihm. Das Pferd wirft den Kopf stolz empor und wiehert. Der Reiter ist mit sich und seinem Pferde zufrieden. Das Pferd hat Freude an sich selbst und an seinem Reiter. Stolz tänzelt es durchs Dorf. (Fortsetzung folgt.) Gemeindenu. Vereins-Echo (Uiuara Loaar sind xar Einsendung von ■ 111 e 11 n n g e n ans flsmslnden and Vsrslnsn and von P e r s o n a I n a o h r I o h t n, die In dltten Spalten gsrns Aufnahme finden, höfllchst eingeladen.) Stuttgart In einer von der hiesigen zionistischen Ortsgruppe einberufenen öffentlichen Versammlung, die von 500 Personen besucht war, sprach Herr Nahum Goldmann -Berlin über das Thema „Jüdisches Volksleben und Deutscher Staat“. Der Redner ging aus von der Politisierung des Judentums und beleuchtete die Stellung des deutschen Judentums innerhalb des neuen Deutschlands. Zum Schlüsse sprach er über den bevorstehenden Kongreß und forderte die Anwesenden zur Teilnahme auf. Die sehr wirksamen Ausführungen des Redners ernteten sehr starken Beifall Hamburg-Altona. Die Misrachi-Gruppe der Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona hat in diesem Winter ihre Arbeit mit Hochdruck aufgenommen. Am 15. Dezember 1918 wurde für die Ostjuden auf ihren Wunsch eine Versammlung abgehalten, in der Dr. Engel, der Leiter der Tachkemonischule-Jaffa, ein aufklärendes Referat über die Ziele des Zionismus und die besonderen Aufgaben des Misrachi innerhalb desselben hielt. Der Erfolg dieses Abends war der Eintritt von etwa 60 neuen Mitgliedern aus den Kreisen der Ostjuden. — Am 21. Dezember sprach Dr. Aron Barth- Berlin über das Thema: „Die nationalen jüdischen Forderungen und die Orthodoxie“. Seine klaren überzeugenden Ausführungen gewannen trotz der lebhaften Angriffe der Gegner unter der überaus zahlreich erschienenen Zuhörerschaft eine beträchtliche Anzahl neuer Mitglieder. — Eine Versammlung am 26. Januar 1919 war der Auseinandersetzung mit der Agudah gewidmet. Herr Dr. Pick-Berlin hatte das Referat übernommen. Er gab zunächst eine Darstellung des tatsächlichen Verhaltens der beiden Hauptorganisationen der thoratreuen Judenheit und betonte dabei die Bereitwilligkeit des Misrachi zu einer Arbeitsgemeinschaft mit der Aguda. In dem zweiten Teil seines Vortrages setzte er die prinzipiellen Verschiedenheiten des im wesentlichen politisch gerichteten Misrachi und der vorwiegend religiös fundierten Agudah auseinander. In der Debatte erklärte Herr Dr. Lanzkron. der Vorsitzende der Hamburger Aguda-Gruppe, ebenfalls