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Das jüdische Echo · 1919-02-28 · 9 (28.2.1919) · p. Seite 112

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 112 (sequence 8)
Language
German
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112 Dm Jfldlsehe Ecfc# Nr. 9 Der Lehrbetrieb wird in drei Trimester eingeteilt. Das erste beginnt Ende Februar. Die Beteiligung: seitens der Dozenten ist eine sehr rege; hoffentlich wird das Interesse seitens der Hörer nicht minder groß sein. Die Gründung der Volkshochschule entbehrt nicht einer politischen Bedeutung. In der vergifteten Atmosphäre, in der sich das innerjüdische Leben der deutschen Juden bewegt, haben sich zum erstenmal seit vielen Jahren die verschiedenen, entgegengesetzten und zum Teil sich scharf bekämpfenden Richtungen und Organisationen zusammengefunden, um gemeinsam ein Kulturwerk zu vollbringen. Dieser Versuch kann gelingen und deshalb haben wir uns für verpflichtet gehalten, ihn zu machen. Es muß sich zeigen, ob nicht wenigstens auf dem rein geistigen Gebiet der wissenschaftlichen Belehrung die Möglichkeit eines fruchtbaren Zusammenarbeiten mit den Liberalen und Assimilanten, die zurzeit noch die Mehrheit der deutschen Juden bilden, vorhanden ist. Der Versuch muß gemacht werden, aber eines können wir unseren Freunden jetzt schon sagen: Wir werden auf der Hut sein, daß die Volkshochschule ihrer Bestimmung, tendenziöses Wissen von Juden und Judentum zu verbreiten, treu bleibt. Wahrhaft tendenzfreie Wissenschaft, die nichts beweisen und nichts bewirken will, ist lebendiges und im höchsten Sinne nationales Volksgut. Die Freie Jüdische Volkshochschule wird entweder frei sein, oder sie wird nicht sein. * * * Über die am 23. d. Ms. erfolgte Eröffnung der jüdischen Volkshochschule geht uns folgender Bericht zu: In dem schönen Saal des Logenhauses in der Kleiststraße wurde dieser Tage vor einem außerordentlich zahlreichen Publikum die Freie Jüdische Volkshochschule eröffnet. Nach einleitendem Gesang des Oberkantors Davidsohn hielt Rabbiner Dr. Bergmann die Eröffnungsrede. Er erinnerte daran, daß auch die Berliner Universität in einer Zeit des Niedergangs deutschen Lebens gegründet worden sei. daß aber der neue Geist der neuen Hochschule dem am Boden liegenden Staat neue Kräfte für den Aufstieg und Wiederaufbau verliehen habe. Er gedachte der Großen im Geiste aus der jüdischen Geschichte, namentlich eines Moses Mendelssohn, und betonte, daß an der jungen jüdischen Hochschule jede Meinung und jede Lehranschauung Geltung haben solle, sofern sie nur auf wissenschaftlich ernster Grundlage aufgebaut sei. Seine von hohem sittlichen Ernst getragenen Ausführungen fanden den lebhaftesten Beifall. Nach ihm sprach in fesselnder Weise Professor Dr. Heinrich Loewe über „Einführung in die jüdische Volkskunde“. Der Redner orientierte sein Publikum über die Mischung der semitischen Rasse, Typus und Habitus. über echte und unechte Juden, Sprachgeschichte, Sitten und Gebräuche, Glaube und Aberglaube, Volkslieder, Volkserzählungen und Humor. Die Vorlesungen haben bereits begonnen und finden zum Teil im Logenhaus, zum Teil in der Leibniz-Oberrealschule, der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, im Bürohaus Börse und in der Handelshochschule statt. Kurt Eisner. Kurt Eisner ist der Mörderhand zum Opfer gefallen. Sein zeitliches Sein und Wirken gehörte nicht seinem Volke, und doch war er Fleisph vom Fleische und Geist vom Geiste seines Volkes. Die Sache des jüdischen Volkes war ihm gleichgültig; seine Sache war vielen von uns gleichgültig. Jetzt, da die Hülle des Zeitlichen gesunken ist, ist nur noch das Ewigmenschliche zu würdigen. Sein Ewigmenschliches war das Ewigjüdische. Des höchsten Gebotes jüdischer Sittlichkeit Erfüllung war sein Leben, das ein Leben für Andere war. In ihm lebte die sittliche Forderung eines Arnos und der Erlösungswille des Galiläers. Die, für die er kämpfte, schallten ihn volks- und landfremd. In seinem Tode mag er zu seinem Volke, dem er entfremdet war, eingetan werden. „Lieb sei jeder Mensch, der im Ebenbilde geschaffen“, ist des Judentums erstes Gebot. Er hat es erfüllt. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich“, ist des Judentums letztes Gebot. Er lebte das Leben eines Heiligen und starb den Tod eines Heiligen. Er sei stolz darauf, Jude zu sein, sagte er den Lästerern des jüdischen Namens. Auch das jüdische Volk ist stolz auf diesen seinen verlorenen Sohn. Kündet den Ruhm dieses Volkes, dessen verlorene Söhne gut genug sind, die Welt zu erlösen. Dr. Max Rosenfeld gestorben. Der poale-zionistische Führer Dr. Max Rose n f e l d ist auf der Reise zur Berner Sozialistenkonferenz in Wien plötzlich an der Grippe erkrankt und am 13. Februar der heimtückischen Krankheit erlegen. In Rosenfeld verliert die Poale-Zion-Bewegung einen ihrer begabtesten und ergebensten Führer, das jüdische Proletariat einen seiner tapfersten Vorkämpfer, die jüdische Renaissance einen ihrer hervorragendsten Vertreter. Rosenfeld, der im Alter von etwa 35 Jahren vom Tode plötzlich hingerafft worden ist, bekundete bereits in früher Jugend ein lebhaftes Interesse für die Fragen der jüdischen Wiederbelebung. Als Gymnasiast schloß er sich in seiner Vaterstadt Drohobycz dem Zionismus an. Als dann die Poale-Zion-Partei in Österreich im Entstehen begriffen war, trat er ihr bei und gehörte dann zu ihren ersten Führern. Auf dem 4. Parteitag der Poale-Zion Österreichs im Januar 1906 hielt er ein grundlegendes Referat über die jüdischen Gemeinden und wies nach, daß die Umwandlung der jüdischen Kultusgemeinden in jüdische Volksgemeinden> mit einer erweiterten Kompetenz in nationalen und sozialen Angelegenheiten und ihre Zusammenfassung in einem festgefügten Verband der eigentliche Weg zur Erlangung der jüdischen Autonomie sei. Die von den Poale-Zion aufgenommenen Gedanken Rosenfelds sind im Laufe der Zeit zu einem eisernen Bestandteil der Gedankenwelt der jüdisch-nationalen Bewegung geworden und sind heute die Losung des Tages. Als ständiger eifriger Mitarbeiter des „Jüdischen Arbeiters“, des Zentralorgans der Poale-Zion Österreichs, und anderer Parteizeitschriften beleuchtete Rosenfeld mit wissenschaftlichem Emst zahlreiche Fragen der jüdischen Ökonomie, Kultur und Politik, und der jüdischen Arbeiterbewegung. Rosenfeld betätigte sich gleichzeitig immer mit großem Eifer als Parteiorganisator. Seit 1912 war er Vorsitzender der Exekutive der Poale-Zion-Partei Österreichs. Er gehörte auch zu den tätigsten Mitgliedern der Leitung des Weltverbandes Poale-Zion.

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