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Das jüdische Echo · 1919-02-28 · 9 (28.2.1919) · p. Seite 110

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
9 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
Seite 110 (sequence 6)
Language
German
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110 Das Jüdische Echo Nr. 9 Volkspartei weiß sich von jedem Antisemitismus frei. Sie fordert für die jüdischen Mitbürger die gleiche religiöse, bürgerliche, wirtschaftliche und politische Betätigungsfreiheit wie für die Anhänger aller anderen Bekenntnisse. Das Parteiprogramm der Bayerischen Volkspartei bietet eine so breite Plattform, daß die Juden, die guten Willens sind, Raum und Gelegenheit zu aufbauender Tätigkeit in unserem Staats wesen in den Reihen der Bayerischen Volkspartei finden. Wir begrüßen gern und herzlich jeden Mitkämpfer jüdischen Glaubens, der unser Parteiprogramm annehmen will.“ Der Hinweis auf die gutantisemitische Taktik des führenden Münchener Zentrumsblattes wurde durch die Versicherung entkräftet, das Blatt vertrete in dieser Beziehung nicht die Auffassung der Gesamtpartei. In den Wahlflugblättern der Bayerischen Volkspartei wurde der Teufel des angeblichen „jüdischen Großkapitals“ an sämtliche Münchener Häuserwände gemalt. Geschah auch dies ohne Wissen und Billigung der Parteileitung? — Wir waren indessen nicht geneigt, das Werk jedes Wahlschmierfinks dem Parteivorstand aufs Kerbholz zu schreiben. Nun wird in diesen Tagen in ganz Bayern ein auf Veranlassung des Führers der Bayerischen Volkspartei, Dr. Heim, herausgegebenes Flugblatt, „Der Bolschewismus“ verbreitet, in dem die Bolschewiki als „meist Männer jüdischer Abstammung und daher (Dohne nationales Empfinden“ bezeichnet werden. Das Machwerk trägt ausdrücklich die Unterschrift: „Sekretariat der Bayerischen Volkspartei, Regensburg, Weißenburgerstr. 5.“ Wir müssen in dieser Bemerkung in einer parteiamtlichen Kundgebung eine sehr häßliche antisemitische Betätigung der ehemaligen bayerischen Zentrumspartei erblicken. Wenn sich die Baye-? rische Volkspartei in einer Januskopf-Pose gefällt, so ist das ihre Sache; nur müssen sich ihre Führer darüber klar sein, daß dieses Doppelspiel niemand mehr täuscht. Den Zwiespalt in der Natur dieser bayerischen Zentrumslogik zu erklären, ist nicht unsere Sache. Wir appellieren nicht an die Weisheit, sondern an die Ehrlichkeit. Wahlsieg der Jüdisch-Nationalen in Wien, Stricker in die deutsch-österreichische Nationalversammlung gewählt. Bei den Wahlen zur deutsch-österreichischen Nationalversammlung wurde im vierten Wiener Wahlkreis der erste Kandidat der jüdisch-nationalen Liste, der Zionist, Oberingenieur Stricker mit 7605 Stimmen gewählt. Die Wahl Strickers ist umsomehr zu begrüßen, als die Kandidatur der Jüdisch-nationalen von den Sozialdemokraten und besonders von den Deutschdemokraten, die den radikalen, jüdischen Assimilanten Dr. Julius Ofner an ihre Spitze gestellt hatten, aufs heftigste bekämpft worden war. Dr. Ofner, der in dem alten österreichischen Reichsrat oft hervorgetreten war, ist nicht wiedergewählt. Ein überwiegender Teil der Wiener Juden hat durch die Wahl der Liste Stricker deutlich seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die wahre Vertretung der jüdischen Interessen in Deutsch-Österreich nur durch einen jüdisch-nationalen Abgeordneten erfolgen könne. Man muß die Wiener Nationaljuden zu diesem Sieg der Idee des jüdischen Volkstums von Herzen beglückwünschen. Erklärung. Nachstehende Kundgebung der bayerischen Rabbiner zur Trennung von Kirche und Staat geht uns mit der Bitte um Veröffentlichung zu. Wir behalten uns vor, zu dieser „Erklärung“ in der nächsten Nummer unseres Blattes Stellung zu nehmen. Die freie Konferenz der bayerischen Rabbiner hat in ihrer Jahresversammlung vom 6. Januar 1919 einmütig folgende Erklärung beschlossen: Nach langjährigen schweren Kämpfen ist unser tapferes Heer in die Heimat zurückgekehrt. In beispiellosem Heldenmut und ungebrochener Tapferkeit hat es das deutsche Vaterland vor Feindeseinbruch und Verwüstung geschützt. Auch aus unserer Glaubensgemeinschaft haben in großer Zahl Gatten, Väter und Söhne den Heldentod gefunden, andere sich hohe Auszeichnungen verdient, andere wiederum Siechtum und schwere Verwundungen davongetragen. Ihnen allen gilt unser heißer Dank. Sie haben dem Vater lande und unserer Glaubensgemeinschaft Ehre gemacht. Unterdessen haben gewaltige staatliche Umwälzungen im Vaterlande sich vollzogen. In Dankbarkeit gedenken wir des gerechten Schutzes, den unter Bayerns Fürsten und Regierungen auch die israelitische Religion und ihre Bekenner im Lande gefunden haben. Wie diese allezeit in Treue zum bayerischen Vaterlande standen, so werden sie auch unter den veränderten Verhältnissen ihm die volle Treue wahren und1 dem Gedeihen des bayerischen Volksstaates alle ihre Kräfte widmen. Durch nichts werden sie sich hierbei abschrecken, von niemand sich die Zugehörigkeit zum bayerischen und deutschen Vaterlande bestreiten lassen. Wiir sind bayerische und deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und wollen in voller Gleichberechtigung an denselben Pflichten und Rechten teilnehmen wie alle anderen Bürger. In die politische Betätigung der einzelnen kann und will freilich das Judentum nicht eingreifen und kann dafür auch nicht verantwortlich gemacht werden. Es ist keine politische, sondern eine religiöse Gemeinschaft und verpflichtet als solche alle seine Bekenner, den Vorschriften der Bibel und der Überlieferung gemäß das Wohl des Vaterlandes zu fördern und seinen Gesetzen zu gehorchen. Wenn wir für die Neuordnung im Lande bestimmte Grundsätze alis Juden auf stellen, so beziehen sich diese lediglich auf das., religiöse Wesen des Judentums. Wir verlangen demgemäß: Volle Freiheit der religiösen Übung im Gottesdienst, im öffentlichen und staatlichen Leben — auch im Dienste des Staates — und gesetzlichen Schutz aller rituellen Anstalten und Einrichtungen, Gleichstellung im Staate mit den anderen religiösen Bekenntnissen, gleichmäßige Berücksichtigung des israelitischen Kultus bei Zuweisung öffentlicher Mittel, Erhaltung der jüdischen Schulen und des israelitischen Religionsunterrichtes als Pflichtfach an den öffentlichen Schulen. In einer Trennung von Staat und Kirche erblicken wir eine Gefahr für die religiöse Erziehung, die uns auch im Interesse des Staates geboten erscheint; unter keinen Umständen dürfte jene etwa in religionsfeindlichem Sinne durchgeführt werden. Deshalb verlangen wir in jedem Falle: eine mehrjährige Übergangszeit zur Neuordnung der religiösen Verhältnisse, Fortbestand oder Ablösung wohlerworbener

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