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Das jüdische Echo · 1919-02-21 · 8 (21.2.1919) · p. Seite 92

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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92 Das Jüdische Echo Nr. 8 in der inneren Organisation, modern in Ordnung und Aufbau. „Ein neuer Krug, der alten Wein birgt. Mit einem Worte: nach den besten und bewährten Mustern der heute im gesamten Ostjudentum, in Polen und Galizien sowohl wie auch in Rußland bestehenden Talmud-Thoras. Daß die Münchner Talmud-Thora keine „Schule“ werden soll, wie sie etwa vor 50 Jahren in Polen und Galizien bestand, sollte doch jedem klar sein. Auch die Wahl der Leitung der Schule steht unter den günstigsten Auspizien; sie ist in die Hände eines Mannes gelegt, der sich wegen seines jüdischen Wissens nicht minder wie seines tiefen jüdischen Gemeinschaftsgefühls der Verehrung und Wertschätzung aller Kreise erfreut. Was noch an Meinungsverschiedenheit und Gegensätzlichkeit zurückbleibt, müßte vor der Lebenswichtigkeit der Aufgabe völlig in den Hintergrund treten. Was in Berlin, in Magdeburg, in Elberfeld, in Stuttgart gelungen ist, müßte auch in München gelingen. Oder soll das große Werk an Kleinlichkeiten scheitern? Soll das Rettungswerk an unserer jüdischen Jugend ausbleiben, weil man sich vielleicht nicht über die Farbe des Rettungsbootes einig werden kann, weil über den V o r t r i 11 dieses oder jenes am Werke Beteiligten gestritten wird? Der Hilfsruf drängt. Unsere Kinder wollen gerettet sein. Jede Versäumnis ist Pflichtvergessenheit, ist eine furchtbare Sünde gegen die jüdische Seele unserer Jugend, gegen den Bestand des Judentums. Des jüdischen Lebens ganzer Jammer packt uns an, wenn wir auch nur einen Augenblick daran denken, daß das große Werk an der Kleinlichkeit derer, die zu seiner Verwirklichung berufen sind, scheitern kann. Es soll nicht scheitern. Es wird nicht scheitern. Die jüdische Autonomie in der Ukraine. Von Efraim Sprach, Kiew. Im Augenblick, wo die Juden der östlichen Länder daran gehen, sich auf nationaler Grundlage neu zu organisieren, mag es für sie nicht ohne Interesse sein, über die Geschichte der ersten Autonomie informiert zu werden, welche der Sieg der neuen Demokratie den Juden gebracht hat: ich meine die Autonomie der Juden in der Ukraine. Bis vor wenigen Tagen bestand freilich die jüdische Autonomie nicht mehr. Sie hatte sich für eine Zeit vor der Gewalt der fremden Bajonette zurückziehen müssen. Aber der Gedanke, daß die Autonomie allein dlas jüdische Leben sichern kann, hat sich heute in der Ukraine ausnahmslos bei allen Juden, Orthodoxen und Atheisten, Zionisten und Sozialisten, durchgesetzt, sodaß nach dem Sturz des Hetmans Skoropadski die neue ukrainische Regierung diese elementare Forderung der ukrainischen Juden sofort erfüllte. Die Agitation für die jüdische Autonomie in Rußland hat lange vor der letzten Revolution eingesetzt. Sie hatte drei Ausgangspunkte: 1. Anerkennung der Juden als Volk; 2. den Gedanken, daß die Juden dort, wo sie wohnen, keine Gäste, sondern ein Element der Bevölkerung sind, das mit der übrigen Bevölkerung zusammen alle Befreiungskämpfe mitgemacht und sich so das Recht erkämpft hat, die errungenen Freiheiten mitzugenießen; 3. den Gedanken, daß nur die Revolution in Rußland zur jüdischen Freiheit führen kann. Die Idee der jüdischen Autonomie war keine politische Spielerei, sondern verkörperte das blutigste Interesse des jüdischen Arbeiters. Der Arbeiter hatte z. B. in seinem Klassenkampf ein Lebensinteresse daran, daß die Institutionen, bei denen er Schutz für seine Rechte suchte, von Juden geleitet werden. Er hatte weiter Interesse an einer Fachbildung, brauchte aber als geborener Städter ganz andere Fachschulen als der russische, vom Dorfe stammende Arbeiter usw. Ehe sich die Ukraine von Großrußland lossagte, wurde hier wie im übrigen Rußland unter den jüdischen Massen ein heftiger Wahlkampf für den jüdischen Kongreß durchgefochten. Dieser Kampf hatte ungemein segensreiche Folgen. Die Massen, die bisher an keinem politischen Leben teilgenommen hatten, wurden von Mann zu Mann aufgeklärt. Diese Wahlkampagne mußte abgebrochen werden, als die Ukraine sich von Rußland lossagte. An Stelle der geplanten jüdischen Konstituante für Großrußland trat der provisorische jüdische Nationalrat für die Ukraine. Er wurde durch den Beschluß der Rada vom 9. Januar 1918 ins Leben gerufen, in welchem den nationalen Minoritäten die Autonomie garantiert wurde. Gleichwie die ukrainische Rada nicht durch Wahlen, sondern durch Delegierte der Parteien zusammengesetzt wurde, so bildete sich dieser Nationalrat entsprechend der Zusammensetzung der jüdischen Parteien (drei sozialistische Parteien, Volkspartei, Zionisten, Orthodoxe). Als ausführendes Organ des Nationalrates wurde den Juden das Ministerium für jüdische Angelegenheiten eingeräumt. Das Ministerium hatte drei Departements: Bildungsdepartement (Schulwesen), Departement für allgemeine jüdische Angelegenheiten — diesem oblag der Schutz der bürgerlichen und politischen Rechte der Juden, der Kampf gegen judenfeindliche Übergriffe der lokalen Behörden, gegen Pogrome usw. — und drittens das Departement für nationale Selbstverwaltung, das Neuwahlen in die jüdischen Gemeinden auf Grund des breitesten Wahlrechts für beide Geschlechter durchzuführen und damit der Autonomie erst die Basis zu geben hatte. Dieses Ministerium ist jetzt von Neuem wieder errichtet worden. Das Ministerium hatte durch ein halbes Jahr existiert und in dieser Zeit eine Fülle von Arbeit geleistet. Man muß bedenken, daß die ganze Psychologie des Juden dieser Selbstverwaltung entgegenstand; der Jude war wohl gewohnt, Befehle der russischen Regierung zu befolgen, aber er mußte seelisch vollständig umlernen, um zu begreifen, daß ein jüdisches Ministerium mit jüdischer Amtssprache Regierungsrechte ausüben sollte. Aus den alten Kahalstuben, in denen ein paar Gemeindegewaltige nach freiem Gutdünken geschaltet hatten, wurden nunmehr demokratische Regierungsinstitutionen. In 192 Orten wurden derartige demokratische Neuwahlen eingerichtet, mehr alis 100 jüdische Volksschulen eröffnet, mehr als 50 Bürgerschulen eingerichtet. Die Regierung bewilligte dem Nationalrat eine halbe Million Rubel für jüdische Lehrbücher, für Lehrer wurde ein zweimonatlicher Kurs durchgeführt, ein Lehrerseminar vorbereitet. Die jüdische Autonomie war von der Demokratie erkämpft worden; als die Reaktion in der Ukraine siegte, mußte auch sie fallen. Am 14. Juli hob der Ministerrat die nationale Autonomie der Minoritäten auf, preußische Soldaten jagten die letzte Sitzung des Nationalrats auseinander. An Stelle des Ministeriums traten private Vereine. Die jüdische „Kulturliga“ mit ihren 96 Sektionen, die zu Sukkot in einer Woche eine

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