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Das jüdische Echo · 1919-02-21 · 8 (21.2.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
8 (21.2.1919)
Date
1919-02-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten 11lllllllilllllllllll!lllllllllllllll!ll!llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll!llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Nummer 8 München / 6. Jahrgang 21. Februar 1919 Eine Talmud-Thora in München. Des jüdischen Lebens ganzer Jammer packt uns an, wenn wir sehen, wie unsere Jugend hierzulande aufwächst. Wenn es eine Totsünde gibt, so ist es die furchtbare Sünde wider die Jugend und gegen den Bestand des Judentums, die unsere Gemeindeführer seit einem Jahrhundert auf sich häufen. In jenem System der Verfälschung und Entartung des Judentums, wie es im Westen seit einem Jahrhundert betrieben wird, nimmt den Begriff und die Schöpfung des „Religionsunterrichtes“ unzweifelhaft die erste Stelle ein. An Stelle des von den ewigen religiös-nationalen Geisteswerten des Judentums getränkten jüdischen Erziehungsideals und des noch tief in das Jahrhundert nach der „Emanzipation“ hineinragenden vollausgebauten jüdischen Unterrichtswesens trat jener kümmerliche Ersatz jüdischer Erziehung, jenes geistesarme und lebensunfähige Surrogat jüdischer Bildung, das man jüdischen „Religionsunterricht“ nannte. Es gibt nichts Unjüdischeres, nichts, was von einer heilloseren Verkennung des tiefsten Wesens jüdischer Religiosität und jüdischer Lehre zeugt, als diese Begriffsschöpfung. Religion ist dem Juden kein „Fach“, sondern, der belebende Geist des Ganzen, des Lebens höchstes und beherrschendstes Prinzip. Es gibt keine feststehenden jüdischen Glaubensdogmen, keinen Katechismus des Judentums. Es ist daher ganz unmöglich, den lebendigen religiösen Gehalt des Judentums auf kurzgefaßte, lehrbare Gedankenformeln zu reduzieren, ein für den östlichen Volljuden ganz unbegreifliches Ansinnen, die „jüdische Religion“ als solche, losgelöst von jenem weitverzweigten System der jüdischen Geisteswerte, „unterrichten“ zu wollen. Freilich, dem jüdischen Liberalismus, der ja ganz auf die Selbstentäusserung und Selbstaufhebung des Judentums hinausging, und der auch im ureigenen Bereich des Religiösen und Gottesdienstlichen mit seinen Angleichungsbestrebungen nicht zurückhielt, konnte sich dieser seinem Minimaljudentum sich vortrefflich anpassende Begriff jüdischer Erziehung nur empfehlen. Das Judentum auf den Aussterbeetat zu bringen, war dieser Totengräber des deutschen Judentums höchstes Bestreben; die Axt wurde an die Wurzel, die Jugenderziehung gelegt, der alte Stamm mußte verdorren. Er verdorrte. Heute, nach einem Jahrhundert jüdischen „Religionsunterrichtes“, zeigt er nur noch welke, in den jüdischen Lebensherbst trübselig hineinschauende Blätter, für den Abfall längst reif. Die heutige Generation der Westjuden erntet, was die vorhergegangene gesät hat. Sie ist mit dem Mangel an jüdischem Wissen und Gewissen erblich belastet. Die Väter haben Härlinge gegessen, und die Kinder gehen nun mit stumpfen Zähnen durchs Leben. Es mag wenig tröstlich sein, die Schuld auf die Väter abzuwälzen; es ist aber recht und billig und gereicht dem sittlichen Bewußtsein des Lebenden zur Erleichterung. Womit aber wäre es zu erklären und begreiflich zu machen, daß auch die Jugend der seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden 0 s t j u d e n die gleichen verderblichen Wege der Entjudung wandelt, daß diese im Westen heranwachsende ostjüdische Jugend in den Pfuhl der jüdischen Unwissenheit versinkt, in dem die westjüdische Jugend längst untergegangen ist? Haben das ihre Väter gesät, haben sie die Giftfrucht der Entjudung genossen? Sie haben das Samenkorn des jüdischen Wissens und jüdischer Treue in das Herz ihrer Kinder gepflanzt, nicht Härlinge, reife Früchte vom Baume des jüdischen Lebens haben sie gesättigt. Unsere in Deutschland lebenden Ostjuden haben noch alle aus der lauteren Quelle jüdischer Überlieferung geschöpft, in Cheder und Jcschiwa, im Elternhaus haben sie die ewigen Geisteswerte des Judentums in sich aufgenommen. S i e haben von ihren Eltern das Geschenk des lebendigen Judentums empfangen, werden sie es ihren Kindern weitergeben? Sie haben den heiligen Besitz geerbt, werden sie ihn auch vererben? Wenn es etwas gibt, was einem Juden die Ruhe am Tage und den Schlaf in der Nacht rauben kann, so ist es diese Frage. Der in Deutschland lebende Ostjude, der sich diese Schicksalsfrage stellt, muß antworten: Nein, ich bin das Ende. Ich bin kinderlos. Ich werde den heiligen Faden jüdischer Überlieferung nicht weiterspinnen. Ich bringe meine Kinder eigenhändig dem Moloch der Assimilation dar. Mein Haus wird das Grab des Judentums. Wahrlich, es ist keine grundlose Selbstbezichtigung. „Die Hände barmherziger Frauen kochten ihre Kindlein“ heißt es vom belagerten Jerusalem in den Klageliedern. Unsere liebevollen Väter und Mütter morden die jüdische Seele ihrer Kinder. Ruhig schauen sie zu, wie sie im westlichen Sumpf versinken, ohne einen Rettungsversuch zu machen, ohne nach Hilfe zu rufen. Wo ist Rettung, wo Hilfe? In der jüdischen Schule, da ist Rettung, da ist Hilfe. Eine Talmud-Thora soll in München ins Leben gerufen werden. Männer von jüdischem Gewissen, denen heisser Dank der Gesamtheit gebührt, haben sich dieser heiligen Aufgabe unterzogen, dem Rettungswerk an der jüdischen Jugend. Bestrebungen, die seit Jahren im Gange sind, gehen nun der Verwirklichung entgegen. Sie ist nicht leicht. Mannigfache Hindernisse türmen sich dem Gelingen entgegen. Keine inneren, keine äusseren, sondern lediglich äußerliche. Die Opferwilligkeit unserer ortsjüdischen Brüder hat einen beträchtlichen Fond zusammengebracht, der das zu schaffende Werk auf Jahre hinaus finanziell sicherstellt. Auch die entsprechenden Räumlichkeiten, im gegenwärtigen Moment in der bayerischen Metropole keine Selbstverständlichkeit, stehen nunmehr zur Verfügung, auf den Einzug unseres jüdischen Kinderheeres harrend. Auch die Fragen rein pädagogischer Natur werden leicht eine befriedigende Lösung finden. Die Münchner Talmud-Thora soll eine religiös-nationale Schule werden, die ihren Zöglingen lebendige Kenntnis der jüdischen Lehre und unserer heiligen Sprache vermittelt. Bei strengster Wahrung der religiösen Grundlage soll unsere Talmud-Thora eine moderne Schule sein: mode r n in der auf neuesten pädagogischen Errungenschaften beruhenden Unterrichtsmethode, modern

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