Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 71 Behörden und Gerichtshöfe allen jüdischen Naturalisationsgesetzen gegenüber an den Tag: legen, ist es klar, daß auch das neue Gesetz, das die Prüfung eines jeden Einzelfalls verlangt und sie in die Hände der Beamtenschaft leget, vollkommen illusorisch bleibt. Sogar bei loyaler Anwendung 4es neuen Gesetzes würde die Durchführung der jüdischen Emanzipation in Rumänien eine lange Reihe von Jahren erfordern. Die einzige tatsächliche Lösung der rumänischen Judenfrage kann nur durch die Friedenskonferenz erfolgen, die eine en bloc-Erklärung aller rumänischen Juden als gleichberechtigte Staatsbürger beschließen und die Durchführung des Gesetzes garantieren muß.“ Wir können uns nach dem oben Angeführten damit begnügen, noch) folgende Nachricht zu publizieren, die uns ebenfalls aus absolut unanfechtbarer Quelle in diesem Augenblick zugeht: „Laut Nachricht aus Bukarest ist die Lage der jüdischen Bevölkerung fürchterlich. In Bukarest und Braila fanden Plünderungen statt, viele Juden wurden geschlagen und verhaftet. Die Hetze war nie so heftig und leidenschaftlich wie jetzt.“ Das jüdische Volk hofft zuversichtlich, daß alle Vertuschungsversuche der rumänischen Regierung, zu denen man nach dem hier Ausgeführten auch das neue Gesetz wird rechnen müssen, vor dem Forum der Friedenskonferenz erfolglos bleiben werden. Das jüdische Volk weiß, daß die alliierten Mächte entschlossen sind, eine tatsächliche und wirksame Lösung der rumänischen Judenfrage durchzusetzen, und erwartet mit Bestimmtheit, daß die Friedenskonferenz in diesem Sinne beschließen und damit die alte Schmach Europas tilgen wird. Jüdische Gemeinde und neue Zeit. Die uneingeschränkte Herrschaft des Rechts ist die einzige Rettung Europas, wenn nicht der Welt vor dem Chaos, sie ist vor allem die einzige Hoffnung Deutschlands. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Graf Brockdorf- Rantzau hat diese Grundsätze in Worte gekleidet, deren Wärme und Klarheit sich wohltuend von dem unterschied, was man sonst von dieser Stelle zu hören gewohnt war.Uns liegt an dem endgültigen Sieg der Demokratie in der Welt. Dieser Sieg kann nicht herbeigeführt werden durch kleinliche Mittel, durch Jntriguen und Vorzimmergeheimnisse, wie sie das alte System anzuwenden liebt e.“ — Diese Worte sollten zum Grundsatz werden für unser ganzes öffentliches Leben, für alle, in deren Händen öffentliche Interessen liegen. Wenn dieses Streben nach Demokratie und Recht überhaupt einen Sinn hat, so muß es unser ganzes Leben durchziehen und zuerst überall da verwirklicht werden, wo es allein von uns abhängt, wo wir erwarten können, es im internationalen Leben durchzusetzen. Man sollte meinen, daß dies nirgends leichter sei als in unseren jüdischen Großgemeinden. Ihre Leitung ruht in Händen von Männern, die sich 1 i b e r a 1 nennen, im allgemeinen politischen Leben wohl einer der demokratischen Parteien angehören. Diese müßten doch wohl die ersten sein, wenn es die Verwirklichung liberaler Grundsätze gilt, sie da durchizuführen, wo sie die Macht dazu haben. Ja, wenn die Macht nicht so süß wäre, (zumal sie unseren jüdischliberalen Politikern sonst nirgends winkt als in der jüdischen Gemeinde) und die Furcht sie zu verlieren nicht so groß! Mit Staunen mußte man wahrnehmen, daß die Münchener jüdische Gemeindeverwaltung auf die Forderung, die fälligen Neuwahlen nach dem nun reichsgesetzlich vorgeschriebenen Verhältniswahlrecht aller 20jährigen Juden vorzunehmen, damit antwortete, daß sie die Wahlen überhaupt verschob. Wozu die Wahlen, da man sich im Besitz der Mandate durchaus wohl fühlte? Und Demokratie, Liberalismus? Die waren gut — für die anderen! Es bedurfte erst des Eingreifens der Regierung, um die Vornahme der Neuwahl sicherzustellen und auch jetzt führt man diese nicht nach dem Proporz durch, der zwar Reichsgesetz und von den gleichen „liberalen“ Kreisen im Jahre 1910 feierlich versprochen wurde — aber für die Machthaber so unbequem ist. Da würde eine Vertretung der ziffernmäßig die Minderheit bildenden, an Stärke ihres Judentums aber wesentlich gewichtigeren Richtungen ja nicht mehr von der Gnade des Kreises abhängen, der die jüdische Gemeinde als seine Domäne zu betrachten scheint. Trotzdem es sich g^ßigt hat, daß Reichstag und Landesparlamente innerhalb kürzester Frist und in aller Ordnung nach dem neuen System gewählt werden konnten, sollen die Wahlen in der jüdischen Gemeinde wieder nach dem alten so „liberalen“ Wahlrecht stattfinden, das an die Steuerleistung gebunden ist, Frauen und — bezüglich der Wählbarkeit — Nichtbayern ausschließt. Die Aufrechterhaltung des Reservatrechtes für die Bayern — Bajuwaren hätte ich beinahe gesagt — in der jüdischen Gemeinde, das man als ein ganz besonderes Heiligtum ansieht, mutet sehr eigentümlich an in einer Zeit, in der Nichtbayern zum bayerischen Parlament und Österreicher zur deutschen Nationalversammlung wählen konnten. Besonders bei den letzteren war man gar nicht engherzig. Sie alle waren in der Mitbestimmung des Reichsgeschickes und der Landes entwicklung gleichberechtigt obwohl da mancherlei Einwände begreiflich wären. Die Gleichberechtigung hört auf in der jüdischen Gemeinde, wo es sich nur um jüdische Angelegenheiten handelt, die —. man mag sie religiös oder national betrachten — eine Unterscheidung nach der Staatsangehörigkeit nicht zulassen. Der Kreis, der die Gemeinde beherrscht, verharrt noch immer auf dem reinen Machtstandpunkt und hält nach wie vor die Kreise fern, die neues Leben ins Judentum bringen. Immer wieder drängt sich der Vergleich mit den früheren G&- walten im Reich auf, die sich den aufstrebenden frischen Kräften allzulang verschlossen — immerhin nicht so hermetisch, wie unsere „liberalen“ Gemeindeführer. Für diese hat auch ihr geistiger Führer Professor Ludwig Geiger-Berlin schon das rechte Wort gefunden, indem er in vollem Emst die geradezu groteske Behauptung aufstellt, daß mit dem Besitz auch die Intelligenz und Fähigkeit zur Führung der jüdischen Gemeinde verbunden ist. War das Verhalten der „liberalen“ Führer in vielen Großgemeinden, ihre ganze Auffassung von den Aufgaben der Gemeinde in erheblichem Maße mit schuld an der in weiten Kreisen herrschenden Gleichgültigkeit und Entfremdung gegen alles Jüdische, so wird die Fortdauer solcher Zustände in der Zukunft zu einer ungeheueren Gefahr für den Bestand der Gemeinde überhaupt. Wir stehen