Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Das JfädisclM Echo Nr. 3 liehen Kleinbetrieb —• endgültig: zugunsten des Kleinbetriebes entschieden. Angesichts der konkreten Entwicklungstatsiachen hat auch Karl Kautsky, der in seiner „Agrarfrage“ den folgerichtigen agrarmarxistischen Standpunkt vertrat, nicht umhin können, die marxistische Agrartheorie, die von den Revisionisten längst verworfen wurde, als überholt hinzustellen. Darum kümmern sich freilich unsere strammen poale-zionistischen Marxisten nicht im Geringsten. Macht nichts, es wird sozialisiert. Wie es geschrieben steht in der Lehre Marx’. Daß freilich die besagte Sozialisierungsforderung auch vom Standpunkt des reinen Marxismus völlig unhaltbar, völlig unmarxistisch ist, braucht für jeden, der je einen Hauch marxistischer Denkweise verspürt hat, kaum hervorgehoben zul werden. Der eminent evolutive und organische marxistische Standpunkt setzt die Sozialisierung an das Ende, nicht an den Anfang des produktiven Entfaltungsprozesses; diie Vergesellschaftung ist Ergebnis und Ziel, nicht Ausgangspunkt und Voransetzung. Das individualistische Prinzip in der Wirtschaftsentwicklung ist als vollberechtigte und notwendige „historische Kategorie“ anerkannt, und mit aller Entschiedenheit weist Marx, dessen „Kommunistisches Manifest“ eine förmliche Apotheose des von der Bourgeosie repräsentierten Wirtschaftsindividualismus als Entfalier der Produktivkräfte enthält, den Gedanken zurück, als könnte eine Entwicklungsphase übersprungen werden. Das ist auch heute in Deutschland der gesunde Standpunkt der sozialistischen Mehrheitspartei, dem sich übrigens in dieser Beziehung auch Karl Kautsky und Eduard Bernstein anschließen, die die übers Knie gebrochene „Sozialisierung“ entschieden ablehnen. Unsere palästinensischen Agrarmarxisten (denn die palästinensische Industrie ist ja vorderhand Zukunftsmusik) mögen sich also dessen bewußt sein, daß die Sozialisierungsforderung weder mit dem Marxismus, noch mit der-Vernunft etwas zu tun hat. Vernunft und Marxismus erkennen gemeinsam dem Unternehmungsgeist des Einzelnen die Schöpferrollle zu und erblicken in dem Erwerbstrieb and Eigeninteresse die Triebkraft aller produktiven Entfaltung. Erst nachdem der Mohr des Kapitalismus seine Arbeit getan haty meint der Marxismus, kann er gehen. Der Möhr des Kapitalismus hatte seine Arbeit im vorkriegszeitlichen Deutschland schier vollbracht; heute ist er fast so klug wie etwa anno 1850. In Palästina hat er mit der Arbeit kaum erst begonnen. Soll er schon gehen? Die Vertreter einer ganz auf die graue Theorie zugeschnittenen Sozialisierungsforderung haben sich offenbar noch nicht die Frage gestellt, wie diese Forderung in Palästina zu verwirklichen wäre. Wir sprechen nicht von dem bereits in jüdischen Händen, zum überwiegenden Teil als Privateigentum, befindlichen Bodenbesitz. Die Vergesellschaftung dieses Landbesitzes und dessen Enteignung würde auf gewisse nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten stoßen — die Zahl der jüdischen Landeigentümer ist in Palästina um das Vielfache größer als die der jüdischen Landarbeiter; Großbritannien, dessen Recht in Palästina gilt, wird für derartige bolschewistische Liebhabereien schwerlich etwas übrig haben — die durch keinen Machtspruch zu überwinden sein werden. Indessen, das bereits Bestehende fällt ja überhaupt kaum allzu schwer ins Gewicht. Die 10 Prozent des bewirtschafteten Bodens (40 000 von 400 000 ha) und 2 Prozent der gesamten Bodenfläche (500 von 30 000 qkm) stellt einen Anfang dar, der im Verhältnis zu den weitgesteckten nationalen und politischen Zielen kaum als erheblich bezeichnet werden kann. Eine Sozialisierung des noch zu e rwerbenden Bodens wäre aber schon rein technisch nur dann denkbar, wenn dieser Boden von vornherein nicht von Privaten, sondern mit den Mitteln öffentlicher Fonds erworben wird, wenn das künftige palästinensische Siedlungswerk nicht der Privatinitiative, sondern nationalen Koilonisationsinstitutionön überlassen wird. Agrarbank, Nationalfonds und sonstige öffentliche gemeinnützige Gründungen sind es auch, an die in diesem Zusammenhang gedacht wird. Nun wird sich aber niemand, dem unsere nationale Sache ernst genug ist, um sich keinen unhaltbaren Illusionen hinzugeben, verhehlen können, daß die Milliardenbeträge heischende Finanzierung des in durchaus mäßigem Rahmen zu haltenden künftigen palästinensischen Siedlungswerkes — wir schließen uns Lichtheims Maximalaufstellungen auf dem 15. Delegiertentag vorbehaltlos an — weder vom Nationalfonds, noch von anderen noch zu schaffenden öffentlichen Institutionen bewerkstelligt werden kann. Man dürfte sich vielmehr in einsichtigen Kreisen darüber klar sein, daß das künftige palästinensische SiedLungswerk in der Hauptsache der Privatinitiative und dem Privatkapital überlassen bleiben muß. Von dem Maße, wie es tatsächlich gelingen wird, das Privatkapital für die jüdische Pallästinasiedilung flüssig zu machen, hängt tatsächlich die Zukunft unseres Landes und die Verwirklichung unserer nationalen Bestrebungen ab. Die Aussichten in dieser Richtung sind glücklicherweise keineswegs ungünstig, vielmehr in hohem Maße ermutigend. Es ist gelungen das amerikanisch-jüdische Kapital für Palästina in erheblichem Maße mobil zu machen. Das jüdische Bürgertum Pollens, Galiziens und der Ukraine legte letztens in seiner wirtschaftlich kräftigen Oberschicht tatkräftiges Interesse für das palästinensische Siedlungswerk an den Tag. Noch mehr ist vom jüdischen Großkapital Großrußlands zu erwarten, das in seiner gegenwärtigen Gefährdung durch die bolschewistischen Soziialisierungsmaßnahmen den Weg nach Palästina suchen und finden wird. (Es liegen bereits darüber glaubwürdige Berichte vor.) Es gehört nun keine blühende Einbildungskraft dazu, um sich zu vergegenwärtigen, wie das immer lauter werdende Sozialisierumgsschlagwort auf diese Bestrebungen des jüdischen Privatkapitals, dessen Palästina im gegenwärtigen Moment so benötigt wie zu Jahresbeginn des Frühregens, wirken müssen. Unsere amerikanisch-jüdischen Blätter haben uns leider darüber nicht berichtet, welche Stimmungen der Pittsburger Beschluß in den Kreisen des palästinafreundlichen jüdischen Kapitals hervorgerufen hat — falls ein derartiger Beschluß in diesen Kreisen überhaupt ernst genommen wurde. Das jüdische Großkapital Rußlands wird schwerlich der Scylla des russischen Bolschewismus entgehen, um der Charybdis einer palästinensischen Sozialisierung in die Arme zu laufen. Daß der jüdische Bürger Polens und Galiziens seine letzten Groschen auf dem Altar der Sozialisierung darzubringen bereit sein wird, ist füglich sehr unwahrscheinlich. Es kann keinem Zweifel unterliegen: Sozialisierung bedeutet für uns Verzicht auf Privatinitiative und Privatkapital. Verzicht auf die Pri-