Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Vierteljährig Mk 1.—, Halbjährig Mk. 2.—, Qanzj. Mk. 4.—, Einzelnummer 10Pf. —Verlag, Auslieferung und Schriftleitung des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr. 4. Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog MaxstraSe4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 5 München / 6. Jahrgang 17. Januar 1919 Sozialisierung. Von Leo Rosenberg:. Die im Juli 1918 zu Pittsburg: stattgefundene Konferenz der amerikanischen Zionisten, die von der gesamten jüdischen Öffentlichkeit der Neuen Welt als die „Gründungsversammlung für das neue Palästina“ begrüßt wurde, hat die Sozialisierung des bereits bestehenden und des in Zukunft zu schiaffenden jüdischen Wirtschaftslebens in Palästina beschlossen. Der 15. Delegiertentag der deutschen Zionisten war einsichtig genug, diesem Beispiel nicht nachzueifern; immerhin fehlte es auch in seiner Mitte nicht an recht kräftigen Stimmen, namentlich aus den Kreisen jener radikalen und radikalisierenden jüdischen Jugend, der mehr Begeisterungsfähigkeit als Verantwortungsgefühl eignet, die das Sozialisierungsprogramm auch in Palästina lieber heute als morgen restlos verwirklicht wissen möchte. Ein Delegiertentag der deutschen Zionisten kann seinem ganzen Charakter nach keinen Anspruch darauf erheben, ein getreues Abbild aller Strömungen und Richtungen innerhalb der weltumfassenden Gesamtorganisation darzustellen. Von den radikalen Gruppen innerhalb des Zionismus war auf, ihm nur ein wohl zufällig und vorübergehend in der deutschen Reichshauptstadt zeltender Vortrupp des „Hapoel-Hazai'r“ vertreten; die eigentl. zionistisch-sozialistische Richtung innerhalb der Gesamtorganisation, der in den Kriegsjahren auch auf deutschem Boden gediehene Poale-Zionismus, glänzte durch seine Abwesenheit. Was den „Hapael-Hazair“ anlangt, so glaubt sich der Schreiber dieser Zeilen, der die Ehre hatte, seine Programmsätze mit zu entwerfen, zu der Erklärung berechtigt, daß diese Richtung an der Sozialisierungsforderung zumindest grundsätzlich nicht festhält; das ’Gebot sozialer Gerechtigkeit und das Volksinteresse wäre ihr auch etwa durch, das System der Erbpacht oder der Produktivgenossenschaft ausreichend gewahrt. Den „Poale-Zion“ freilich, als Marxisten von echtestem Schrot und Korn, ist die Vergesellschaftung Ein und Alles. „Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Errichtung der Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage durch den Klassenkampf des jüdischen Proletariats in den Reihen der internationalen Sozialdemokratie“ steht an erster Stelle ihres Programms. (An zweiter Stelle „territoriale Autonomie für das jüdische Volk in Palästina auf demokratischer Grundlage als notwendige Bedingung einer normalen ungestörten Entwicklung seiner Produktivkräfte“; an letzter „nationalpolitische Autonomie für die Juden in allen Ländern, wo sie eine Minderheit bilden“.) Indessen, zur Sozialisierungsforderung haben sich auf dem Berliner Delphiertentag wie auch auf der amerikanischen Zionistenkonferenz auch solche laut und mit Nachdruck bekannt, die auf das „Erfurter Programm“ eben nicht schwören; in Amerika durfte sogar das jid'ische Parteiorgan der „Poale- Zion“, der „Jüdische Kämpfer“, mit Recht die Schale seines Spottes über die gutbürgerlichen und kapitalistischen Beschlußfasser ausgießen, die in Palästina den Sozialismus verwirklichen, in Amerika selbst aber wegen einer Lohnerhöhung von zehn cent Zeter und Mordio schreien. Gegen derartige Spottsucht sind indessen unsere wackeren Vergesellschafter hüben und drüben gefeit. Die Pittsburger wie die Berliner Palästinasozialisten werden vor dem Forum des nächsten Zionistenkongresses ihre Sozialisierungsforderung mit gesteigerter Kraft zu vertreten wissen; diesmal durch den ganzen Heeresbann der zionistischen Sozialisten aufs wirksamste und lungenkräftigste unterstützt. Es erscheint durchaus nicht ausgeschlossen, daß der Beschluß von Pittsburg auch auf dem Kongreß, auf dem unsere Gesinungsgenossen jenseits des großen Teiches ohnehin Herren der Situation sein werden, durchgedrückt wird. Es ist hier nicht der Ort, uns in eine sachliche Erörterung des Vergesellschaftungsproblems einzulassen. Es ist nicht schwer, den Vertretern * eines Agrarmarxismus in Palästina, falls sie objektiven Gedankengängen überhaupt noch zugänglich sind, zum Bewußtsein zu bringen, daß dieser Agrarsozialismus, beruhend auf der Gleichstellung der ur- und umformenden Produktion hinsichtlich der Entwicklungstendenzen, längst als hinfällig erkannt worden ist. Die fortschreitende Konzentrationstendenz, die Marx nicht allein für die industrielle sondern auch für die landwirtschaftliche Entwicklung gelten läßt, ist längst durch greifbare Tatsachen widerlegt worden. Die Zahl der Kleinbetriebe, die in der Industrie tatsächlich zurückgeiht, ist in der Landwirtschaft ,in fortwährendem Anwachsen begriffen; hier wird nicht der Kleinbetrieb von der Großproduktion, sondern die Großproduktion vom Kleinbetrieb verdrängt. Die Entwicklungstendenz der Landwirtschaft ist mithin nicht Anhäufung, sondern Zersplitterung, nicht Kollektivismus, sondern Individualismus. Die angebliche Überlegenheit des agrarischen Großbetriebes,, die der ganzen marxistischen Agrartheorie zugrunde liegt, ist längst als falsch erkannt; die jahrelangen Auseinandersetzungen über diesen Streitpunkt sind heute auf Grund der neueren Feststellungen — gesammelt in der abschließenden Arbeit von Keup und Müh r e r über den landwirtschaft-