Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 17 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102975-9139861--02564-9075384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 Das Jflcflschs Echo 17 Das feststehende Forderungsprogramm des jüdischen Kongresses lautet: National1 kulturelle Autonomie in den Gastländern (nicht allein in den Massensiedlungen sondern überall dort, wo sie gewünscht wird) und Palästina. Die Palästinaforderung wird von den Tatsachen und Zuständen des innerjüdischen Lebens Deutschlands nicht wesentlich berührt. Sie wird vom deutschen Judentum als Bestandteil des Gesamtjudentums f ü r das Gesamtjudentum erhoben. Anders die Forderung der national-kulturellen Autonomie. Die ist im russischen Osten mit seinen vollentwickelten jüdischen Lebensformen, mit dem vollentfalteten nationalen Eigenleben in Sprache und Kultur, im geistigen Schaffen und realer Lebensgestaltung, eine Selbstverständlichkeit. Im Schmelztiegel Nordamerikas, in der heillosen Verwüstung des jüdischen Lebens und Verwischung der jüdischen Lebensformen, wo die jidische Umgangssprache mit der ersten Einwanderergeneration zu Grabe getragen wird, wo, wie Jahr für Jahr von neuem festgestellt wird, dreiviertel aller jüdischen Kinder ohne jede jüdische Erziehung — ohne Kenntnis des hebräischen Alphabets — auf wachsen — hier mutet bereits die Forderung nationaler Rechte wie eine Selbstironie an. Immerhin: in Amerika ist noch ein spärlicher Rest jüdischen Volkslebens und der Wille zu seiner Erhaltung vorhanden. In Deutschland ist das jüdische Volksleben längst tot, der Wille zu neuer nationaler Lebensgestaltung noch nicht geboren. Das deutsche Judentum steht arm und bloß da, ärmer und entblößter als die elendesten Volkssplitter des europäischen Südostens, als Albanier und Kutzowallachen. Zwanzig Jahre national-jüdische Bewegung in Deuschtland haben weder die jüdische Schule, noch das jüdische Schrifttum, noch die jüdische Gemeinde geschaffen. Der deutsche Nationaljude kann all dieser Dinge noch heute sehr wohl entraten. Er ist verdammt anspruchslos. Für diese jüdische Anspruchslosigkeit wird die national-kulturelle Autonomie eine seltsame Bescherung bedeuten. Es müßte eine Autonomie mit Gebrauchsanweisung sein, auf welche man mit Recht gespannt sein dürfte. Ein deutschjüdischer Kongreß, der diese Forderung einer national-kulturellen Autonomie für das deutsche Judentum — auch für das deutsche „Nationaljudentum“ — aufstellen wird, müßte Herrn Manasse Ovidio Da Costa, den „König der Schnorrer“, zu seinem Ehrenpräsidenten wählen. Man würde uns schlecht verstehen, wenn man daraus schließen wollte, wir wären gegen die nationahkulturelle Autonomie der deutschen Juden. Im Gegenteil. Diese Kulturautonomie ist auch für das deutsche Judentum eine Lebe n s n o t w e n d i g k >e i t. Lebensnotwendigkeiten werden jedoch nicht auf dem Präsentierteller geboten, noch fallen sie als Lotteriegewinn zu. Lebensnotwendigkeiten erwachsen aus der Lebensnot; in hartem Kampf gegen Widerstände der inneren und äusseren Natur werden sie errungen. Es geht nicht an, Forderungen an die Welt zu stellen, bevor man sie an sich selbst gestellt hat. Bevor das deutsche Judentum Volksrechte fordert, wird es Volksrechte betätigen, Volkspflichten erfüllen müssen. In zähem Arbeitswillen schaffe man die jüdische Schule, die jüdische Gemeinde, die jüdische Kultur; die Sanktion des Geschaffenen wird nicht ausbleiben. Autonomie bedeutet nicht Schöpfung, sondern Anerkennung und Sicherung. Das deutsche Judentum besitzt heute nichts, was der Anerkennung upd Sicherung wert wäre. Es ist für schöpferisches jüdisches Leben unreif. Es ist für Volksrechte und Volkswürde unreif. Es ist für den jüdischen Kongreß unreif. Wir gehören nicht zu denjenigen, die die Sichel vor dem Pflug gebrauchen, die ernten wollen, bevor sie gesät. Die Juden im jugoslawischen Staat. Aus Agram erhalten wir folgenden Bericht über die Gestaltung der jüdischen Verhältnisse im neuefn südslawischen Staat. /Die südslawischen Juden begrüßen herzlich das befreite südslawische Volk und seinen jungen Staat. Sie nehmen mit besten Kräften an der Arbeit der Errichtung des neuen Staatswesens teil. Für die Zionisten der südslawischen Länder, die stets Anhänger des Selbstbestimmungsrechtes der Völker waren, ist eine Neuorientierung nicht notwendig. Für sie liegt die Errichtung des freien südslawischen Staates im Sinne ihrer eigenen Forderungen. Der jugoslawische Nationalrat hat in seinem Manifest die Freiheit und Gleichberechtigung der nationalen Minderheiten garantiert. Das jüdische Volk in den südslawischen Ländern, ungefähr 50 000 Seelen, wird von diesem Recht Gebrauch machen. Die Zeitung des südslawischen Landesverbandes der Zionistischen Organisation, der „Zidow“, nimmt in einer seiner letzten Nummern zur neuen Lage in den südslawischen Ländern Stellung. Die Artikel zeigen die warmherzige Sympathie der südslawischen Juden für die Wiedererstehung des Staates, aber auch das energische Verfechten der eigenen Forderungen. Das Verständnis für die Stellungnahme der Zionisten und ihr Auftreten ist in den südslawischen Ländern allgemein. In der Provinz ist es ganz vereinzelt zu Krawallen gekommen, die aber nicht den Charakter antisemitischer Ausschreitungen hatten. Es handelt sich vielmehr um antikapitalistische Bewegungen, bei der auch Juden betroffen wurden. Die Wahl der jüdisch-amerikanischen Friedensdelegation. Das Stockholmer Jüdische Preßbureau meldet telegraphisch: Wir erhalten folgendes Kabel der New Yorker Exekutive des jüd'isch-amlerikanischen Kongresses: „Der jüdisch-amerikanische Kongreß in Philadelphia wurde Dienstag, 17. Dezember, vertagt. (Wahrscheinlich ist eine zweite Tagung beabsichtigt.) Der vom Kongreß gewählten Friedensdelegation gehören an: Richter Mack, Stephan Wise, Harry Cutler, Louis Marshall, Nachum Syrkin, Jacob de Haias, Morris Wintschewsky, Joseph Barondeß; zum Sekretär wurde Bernard Richards gewählt. Die Untersuchungskommission über den Progrom In Lemberg. In der „Neuen Freien Presse“ vom 2. Januar 1919 lesen wir: Nach Mitteilungen aus Lemberg haben dort eine Untersuchungskommission der Warschauer Regierung und eine englische Militärmission ein umfangreiches Material über