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Das jüdische Echo · 1919-01-10 · 2 (10.1.1919) · p. Seite 16

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
2 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
Seite 16 (sequence 5)
Language
German
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16 Das jüdisch« Echo Nr. 2 Ein jüdischer Kongreß in Deutschland. Von Leo Rosenberg. Nachdem der Delegiertentag einen Beschluß über die Kongreßfrage gefaßt hat, werden auch die Gegner des jüdischen Kongresses in Deutschland nicht umhin können, sich der Resolution des Delegiertentages anzuschließen. Der sachlichen Erörterung des Konigreßplanes, die damit keineswegs abgeschlossen ist, glauben wir jedoch Raum gewähren zu müssen. D. Red. Unsere Stellung zur Kongreßfrage, die nunmehr auch in Deutschland auf die Tagesordnung gestellt wird, ergibt sich aus einer Erwägung zwiefacher Art. Die erste Frage, die sich bei der Betrachtung des Kongreßplanes aufdrängt, ist die nach seinen Trägern, der zahlenmäßigen Bedeutung jenes Kreises, der zur Verwirklichung der Idee eines jüdischen Kongresses in Deutschland berufen ist. Darüber muß volle Klarheit gewonnen werden, falls sie noch nicht besteht. Das andere Bedenken knüpft sich an den eigentlichen realen Inhalt dieser Betrachtung, an den Kern des nationalen Forderungsprogramms, dem das geschlossene Zusammenwirken der deutschen Judenheit Erfüllung bringen soll. Die Beschaffenheit der Vertretung sowohl wie der Forderungen ist der Punkt, der zum Ausgang einer fruchtbaren Erörterung der Kongreßfrage gemacht werden muß. Die Frage nach dem Charakter der Vertretung dürfte den Wortführern des jüdischen Kongresses in Deutschland nicht neu sein. Es mußte von vornherein klar sein, daß der Kongreß nur die Summe jener Willenskräfte darstellen kann und wird, die in ihm ihren Zusammenschluß und ihren Mittelpunkt finden. Die Grenzen seines Wirkens und Bedeutens sind mit den äußeren Kreislinien jener Gruppen und Richtungen gegeben, auf die er sich stützt. Da aber der Kongreß seinem Wesen nach keine Äußerung dieser oder jener Richtung, sondern Forum des Gesamtwillens sein muß, so hängt sein ganzer Sinn und Wert von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit ab, ihn zum Sammelbecken aller politischen Energien zu machen. Der Kongreß ist und würde dies in der Tat überall dort, wo der nationale Gedanke zur beherrschenden Macht des jüdischen Lebens geworden ist. In Amerika und Rußland, den großen Zentren des jüdischen Volkslebens, ist es die bei allen Gegensätzlichkeiten und Differenzierungen bestehende Gemeinsamkeit des nationalen Grundcharakters und der nationalen Grundforderung, die die Kongreßbestrebung entstehen und in Erfüllung gehen ließ. Besteht diese Gemeinsamkeit des Bewußtseins und des Strebens auch innerhalb der deutschen Judenheit? Ein Schmerz ist es, diese Frage verneinen zu müssen, eine Selbsttäuschung, sie bejahen zu wollen. Es gab Augenblicke in diesen erkenntnfsschweren Zeiten, wo es schien, als wären wir dem schönen Ziele seelischer Gemeinsamkeit nahegrückt. Verzweifelnde und Hoffnungsfreudige zugleich haben sich in dem Wirbel der Uneinigkeit und der Zwietracht an jenen Versuch des Zusammenschlusses jüdischer Organisationen geklammert, der doch ein Strohhalm blieb. Das Bewußtsein gemeinsamer Verpflichtung gegenüber dem östlichen Bruderjudentum, das sich auch nach] innen verheißungsvoll zu bewähren schien, ist in der Flut des Zeitgeschehens längst untergegangen. Das deutsche Judentum bietet heute wie zu keiner anderen Zeit das Bild heilloser Zerklüftung und Zentrifugaliität. Der Gegensatz zwischen Nationaljudentum und Assimilationsjudentum vertieft sich, je folgerichtiger und hoffnungsvoller das erstere seinen hohen Zielen zustrebt, zu einem klaffenden Abgrund. Zionismus und die immer klarer zu ihm graduierende Orthodoxie sind zahlenmäßig und daher im Zeit* alter der Demokratie auch politisch zu unerheblich, um den Platz im jüdischen Leben zu erlangen, der ihnen wohl nicht kraft ihrer Zahl, doch aber kraft ihres Gewichtes zukommt. Zionismus und (zum Teil) Orthodoxie sind heute die einzigen Gruppen, in denen noch ein Wille zur Einheit lebt. Der Kongreß, dessen Lebensnerv dieser Einheitswille ist, wird sich von vornherein auf eine kleine, zahlenmäßig unerhebliche Minderheit stützen müssen, der eine zum Kampf gegen die jüdischen Volksgedanken wohlorganisierte Mehrheit gegenüberstehen wird, bestehend aus der geschlossenen Phalanx des als Wortführer von 200 000 deutschen Juden auf tretenden „Zentralvereins“, von dessen unveränderter Geistesart eine würdelose „Kundgebung“ eben Zeugnis ablegte, ferner dem auf 1100 jüdischen Groß- und Mittelgemeinden und die Gemeindeverbände Bayerns, Sachsens und der preußischen Provinzen sich erstreckenden „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund“, dem 25 000 Mitglieder zählenden „Hilfsverein“ und allen jenen im liberalen assimilatorischen Fahrwasser segelnden Organisationen und Organisatiönchen politischer, kultureller und philanthropischer Natur, angefangen .om „Verband der Deutschen Juden“ bis zur Großloge für Deutschland“. Hofft jemand diese nun einmal legitimen Vertretungen der erdrückenden Mehrheit der deutschen Juden für die Kongreßidee gewinnen zu können? Glaubt man ihnen auf irgend eine Art die Kongreßidee schmackhaft machen zu können, die nun einmal ganz und gar keine Zweckidee, sondern die höchste Potenzierung des nationalen Gedankens ist? Mit diesen Organisationen läßt sich der Kongreßplan nicht durchführen, ohne sie noch weniger. Gegen sie ganz und gar nicht. Die Wortführer unseres liberalen Judentums wären schließlich für für fremde Rechnung erhobene nationale Forderungen vielleicht zu haben. Daß die armen Glaubensgenossen des Ostens eine Nation bilden, denen nationales Recht in ihren Wohnländern und auch das Recht auf Palästina zuzuerkennen sei — zur Höhe dieser Erkenntnis, die keine Selbst erkenntnis ist, haben sich ja auch die Herren Fuchs und Nathan aufzuschwingen vermocht. Indessen, für diese „lächern welo lo“-Politik des traditionellen Bösewichtes wird sich wohl ein jüdischer Kongreß und werden sich die, die ihm zum Leben verhelfen wollen, bestens bedanken. Der Kongreß der deutschen Juden wird jüdische Politik auf eigene Rechnung treiben. Die deutschen Juden, die in ihm versammelt sein werden, werden Volksrechte und Palästina für sich selbst für das jüdische Halbmillionen-Volk Deutschlands in Anspruch nehmen. Dies ist es, das die kleine Minderheit in einen unmöglichen Widerspruch zur großen Mehrheit bringen wird. Dies aber auch, was die Situation der Vertreter dieses nationalen Forderungsprogramms auch nach innen unhaltbar gestalten wird.

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