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Das jüdische Echo · 1919-01-10 · 2 (10.1.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
2 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Vierteljährig Mk 1.—, Halbjährig Mk. 2.—,Ganzj. Mk. 4.—, Einzelnummer 10PI.—Verlag, Auslieferung und Schriftleitung des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr. 4. mm/immm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 2 München / 6. Jahrgang 10. Januar 1919 Zionistisches Werden. Man kann den bestimmenden Zug: im außerordentlichen Charakter des 15. Delegiertentages der deutschen Zionisten nicht besser als durch die Feststellung: kennzeichnen, daß er im Zeichen des Werdens mehr als des Seins, der Erwartung: des Kommenden mehr als der Betrachtung: des Geschehenen stand. Den Verheißungen der Zukunft und nicht den Erfüllungen der Vergangenheit war das leuchtende Antlütz des Geistes zugewandt, der die Verhandlungen und das Streben dieser Tag:ung: leitete. In ihren Stimmungen und Strömungen hallte klar und weithin vernehmbar -der schöpferische Rythmus einer Zeit wider, deren Wirklichkeit Möglichkeit, deren Bestand Bewegung: ist. In ihnen spiegelten sich die großen völkischen und sozialen Lebensumwertungen und die Gestaltungsfülle einer Stunde, in der das Schicksal des Volkes geboren wird. Und keine klarere Ausdrucksform konnte dieses Zeiterleben finden als in dem die ganze Richtung des Denkens und Fühlens derer, die zur Mitarbeit am Werke des Volksschicksals berufen wurden, beherrschenden Bewußtsein des Unfertigen, Unvollendeten und sich Vollendenden, des Unerfüllten und sich Erfüllenden. Die 15. Tagung der deutschen Zionisten hat keinen Abschluß gefunden. Im Zeichen zionistischen Werdens standen Aufgaben und Gegebenheiten, Entscheidungen und Tatsachen. Klein und des Erwähnens kaum wert schien das bisher Geschaffene und Geleistete. Angesichts der leuchtenden Gipfel entschwanden die mühevoll durchschrittenen Niederungen dem zum Ziele emporschauenden Auge. 30 000 Geviertkilometer, von der Grenze Aegyptens bis zur Linie, die Sidon mit den Jordansquellen verbindet mißt unser Land: 500 davon hat das Mühen eines Menschenalters in Besitz genommen. 40 000 Hektar (die Hälfte davon unter jüdischem Pflug) unser Eigentum; 380 000 nach Ruppin, 765 000 nach Oettinger, meint Herr Lichtheim, müßten in den nächsten dreißig Jahren besiedelt werden, um 100 000 Familien Unterhalt zu gewähren. Wohl an die 70—£0 Millionen hat die bisherige Siedelung gekostet (davon dem Baron Edmund Rothschild etwa 50, wovon indessen die bessere Hälfte in unergründliche Administratorentaschen geglitten). 2 259 285 075 wären im besagten Zeitraum für die besagte Familienzahl aufzubringen. 100 000 Ansiedler schaffen für die dreifache Zahl Handwerker, Händler und andere Platz. Gelingt es, dann sind wir nach kaum einem Halbiahrhundert in unserem Lande nicht mehr eine Minderheit von 20, sondern eine Mehrheit von 75 vom Hundert. Der dritte judäische Staat, nach dem davidischen und hasmonäischen, ist Wirklichkeit geworden. Wird, kann es gelingen? Es kann. es wird. Wenn ihr wollt. Wenn man einer unzulänglichen Vergangenheit entsagt, wenn das Seiende des Werdenden unwert wird. Werden und nicht Sein. Hoffnung und nicht Erfüllung ist mehr noch als der Wiedergewinn des nationalen Bodens, der Wieder gewinn der nationalen Sprache. Auf der Rückkehr ins Judenland sind immerhin beträchtliche Wegstrecken zurückgelegt mag auch das Ziel noch im fernen Nebel gehüllt sein. Die Rückkehr zum Judentum hat im Westen leider noch kaum begonnen. Zwanzig Jahre sind es der Wiedergeburt, überschaut man aber heute das Ergebnis* so möchte es fast scheinen, als wäre es Totgeburt. Wo ist das neue Leben, wo der Geist neuer Gemeinchaft, wo die neue Erziehung zum Volkstum? Nicht ist die Sprache der Väter in uns zu neuem Leben erwacht. In engster Verbindung mit unseren Palästinahoffnungen stehen die Tendenzen der Hebraisierung. Der Hebraisierungsprozeß hat leider bei Weitem nicht die Fortschritte gemacht, die wir für notwendig halten“, meinte klagend und hoffend H a n t k e, der Aufrechte und Ergebene. Keine Fortschritte gemacht? Nein, hat noch nicht begonnen. Oder doch: hat erst jetzt begonnen. Keime neuen hebräischen Lebens dringen aller Orten ans Licht. Hebräische Schulen in Magdeburg und Stuttgart seit vorgestern, in Berlin seit gestern, in München morgen. Dem dem heiligen Urquell jüdischen Geistes entfremdeten Juden des Westens soll das Wort der Väter, das am Anfang war und am Ende sein wird, zum Jungbrunnen der Seele werden. Wird, kann es gelingen? Es kann, es wird. Wenn ihr wollt. Wenn das Seiende des Werdenden unwert wird. Die Macht zionistischen Werdens offenbart auch der neue Geist lebensstarker jüdischer Religiosität in dem völkisches und religiöses Erleben, von einer Wurzel genährt, zu erhabener Einheit emporwächst. Eine werdende Macht ist der Misr a c h i. I h m ist die hohe Aufgabe Vorbehalten, die Keime des neuen Geistes in die Seele des Volkes zu pflanzen. Ohne ihn war der Zionismus nicht Volksbewegung, mit ihm w i r d er es. Stark, seiner hohen Berufung bewußt, trat der Misrachi auf dem 15. Delegiertentag auf, auf dem schon der sechste Teil der Vertreter der zionistischen Judenheit unter seiner Fahne vereinigt war. Sein Wortführer konnte auf Erfolge seiner Werbekraft hinweisen, die, wie uns dünkt an Zahl denen der Gesamtorganisatioii ebenbürtig, an Gewicht überlegen sind, 25 000 Anhänger in Polen, die Rabbinerverbände Ungarns und Amerikas, bald wohl auch die Besten der thoratreuen Gesamtjudenheit Deutschlands, die sieh der heiligen Macht zionistischen Werdens nicht mehr entziehen werden. L. R.

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