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Das jüdische Echo · 1918-12-27 · 52 (27.12.1918) · p. Seite 639

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 639 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 639 ständig sind. Im alten Reich fiel dieser Umstand wenig ins Gewicht und hatte höchstens in Wien die Bedeutung einer lokalen Frage. Nunmehr aber erhält die Sache ein anderes Gesicht. Alle diejenigen, die nach Galizien, der Bukowina, Böhmen, Mähren usw. zuständig sind, können form«ll als Ausländer gelten und wie es scheint, fehlt es im Lager der extremen Nationalisten nicht an Stimmen, diesen Juden gegenüber derart vorzugehen. In Wirklichkeit jedoch wäre dies eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und sachlich kaum zulässig. Der deutschösterreichische Staat ist der Rechtsnachfolger der bisherigen Monarchie, deren Aktiven und Passiven er bis zu einem gewissen Grade übernimmt. Die in Wien lebenden Juden waren bisher österreichische Bürger und hatten trotz ihrer lokalen Zuständigkeit mit den neu entstehenden Staaten nichts zu tun. Ein großer Teil derselben wäre kaum nach Wien gekommen, wenn diese Stadt nicht das eigentliche Zentrum des Staates wäre, dessen Bürger sie waren. Sehr viele unter ihnen sind ihrer eigentlichen Heimat ganz entfremdet und würden es geradezu als Unglück empfinden, dorthin zurückzukehren und sich unter ganz unbekannten Verhältnissen eine neue Existenz gründen zu müssen. Von Rechts wegen müßte also all diesen bisherigen österreichischen Bürgern das Ootionsrecht für Deutschösterreich zugestanden werden. Wir wollen hoffen, daß der Nationalrat sich diesbezüglich von keiner kleinlichen Engherzigkeit leiten lassen und diejenigen in die Schranken verweisen wird, die die Schaffung des freien Volksstaates mit Ausnahmebestimmungen und konfessioneller Hetze diskreditieren wollen. Die Wolf und Konsorten mögen ihrerseits bedenken, welches Unglück sie mit ihrer nationalistisch-chauvinistischen Politik über ihr eigenes Volk gebracht haben und endlich einmal dieser Taktik entsagen. Deutschösterreich soll und muß im wahren Sinne des Wortes ein Volksstaat sein. J- K. Eine Äussprache im Verband der Berliner Synagogen - Gemeinden- Der Verband der (Berliner Synagogenvereine veranstaltete unter dem Vorsitz des Herrn D. W o 1 p e am 27. November eine Vollversammlung, in der Dr. Witkowsky über die „Jüdische V o 1 k sj g e m e i n d e“ referierte. Der Vortragende, der bemüht war, sich jeder agitatorischen Wirkung zu enthalten, und nur einen informatorischen Vortrag zu geben, führte aus, daß der Begriff des jüdischen Volkstums heute zum Gemeingut der überwältigenden Mehrheit der Juden geworden sei. Nicht nur in den Ländern der jüdischen Massensiedlung beherrsche der Volksgedanke die Massen, auch in den Ländern der Entente bekennen sich die Juden zum jüdischen Volke und zum Palästinagedanken. Die deutsche Judenheit stehe nunmehr vor der Schicksalsfrage, ob sie sich von der Mitarbeit ausschalten wolle, oder durch klare Stellungnahme den Anschluß an die jüdischen Massen der ganzen Welt erstrebe. Praktisch gesprochen heiße es, der bisherigen Religionsgemeinde eine breitere Basis zu geben, neben der intensivsten Pflege religiöser Bestrebungen der Schule, der Erziehung, den mannigfachen sozialen Aufgaben eine auf jüdischem Volksgeist beruhende Grundlage zu geben. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland werde demnächst alle deutschen Juden, die sich zum jüdischen Volke bekennen, zu einem Kongreß aufrufen, in dem die Forderungen der national-geeinten deutschen Juden formuliert werden sollen. Für die jüdischen Vereine sei die Zeit gekommen, zu den Problemen einer neuen Zeit Stellung zu nehmen. * In der Diskussion gab Dr. J a c o b u s bekannt, daß die Berliner Misrachisten sich mit angesehenen nichtzionistischen Orthodoxen auf eine Entschließung geeinigt hätten, die u. a. die Palästinaforderung und das Bekenntnis zum jüdischen Volke enthalte. Herr Rothenberg betonte, daß für ihn nach vier Jahren des Frontdienstes seine Stellung zum jüdischen Volke nicht zweifelhaft sein könne. Heute könne man nicht mehr mit den Begriffen einer überwundenen Zeit operieren. Es gäbe keine andere Möglichkeit, als sich rückhaltlos dem jüdischen Volke anzuschließen. Während Herr W e i n b a u m sich dagegen wandte, daß jüdisch-politische Fragen im Synagogenverband erörtert werden und Herr Justizrat P1 o n s k e r gegen den Zionismus im allgemeinen polemiserte, bekundete die Mehrzahl der übrigen Redner ihr warmes Interesse für die berührten Fragen. Insbesondere wurde der Wunsch geäußert, über die Organisierung und Aufgaben der Volksgemeinde detaillierte Angaben zu erhalten. Vom Vortragenden wurde in seinem Schlußwort ein ausführliches Programm in Aussicht gestellt. Zur Kongreßbewegung in Deutschland. Der Ausschuß der nationaljüdischen Jugend Deutschlands hat folgenden Beschluß gefaßt: Die nationaljüdische Jugend1 Deutschlands begrüßt den Beschluß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, einen Kongreß aller in Deuschland wohnenden Juden einzuberufen, die im Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk an der Entwicklung eines lebendigen Judentums mitarbeiten wollen. Die nationaljüdische Jugend1 Deutschlands wird sich an dem Kongreß beteiligen. Die Aufstellung eines Kongreßprogramms bleibt Vorbehalten. Zusammenschluß der Münchner jüdischen Studenten. Am 9. Dezember fand eine Versammlung Münchner jüdischer Studenten und Studentinnen aller Richtungen statt, in der es nach lebhafter Aussprache gelang, einen Zusammenschluß für die Wahl zum „Allgemeinen Studenten-Ausschuß“ zu erreichen. Das erfreuliche Ergebnis zeitigte bereits den Erfolg, daß im Allgemeinen Studenten- Ausschuß von 60 Delegierten 4 jüdische Delegierte zur Wahrung der jüdischen Interessen vertreten sein werden. In den wichtigen Fragen der Abwehr antisemitischer Angriffe und Benachteiligung besonders der Ausländer — nur weil sie Juden — ist völlige Übereinstimmung erzielt worden. Die Kommission der Vertreter der verschiedenen Gruppen beschloß, ihr Arbeitsgebiet über die Wahl hinaus zur Lösung allgemein jüdischer Fragen (jüdische Studentenküche, jüdisches Studentenheim, Wohnungsvermittlung usw.) zu erweitern. Dieser Zusammenschluß beseitigte endlich die eingewurzelte Vorstellung, als sei eine Zusammen-

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