Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 625 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 625 tung, die nicht einmal die moralische Pflicht erkennen wollte, daß sie zu der ganzen traurigen Angelegenheit eine Meinung: haben und äußern müsse. Erst dadurch sah sich der ..Gesamtausschuß der Ostjuden“ gezwungen, sich selbst an die Öffentlichkeit zu wenden, die mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse und aus einem jüdischen Solidaritätsgefühl heraus, das der Gegenseite völilig fehlte, sorgfältig auf die jüdischen Mitbürger beschränkt wurde. Der Redner wendete sich in ausführlichen Darlegungen gegen das Unrecht, daß die Ostjuden, ziffernmäßig ein Viertel, an jüdischem Interesse aber gemessen ein viel größerer Teil der Gemeinde, prinzipiell von jedem Einfluß auf alle perneindeangelegenheiten ferngehalten werden, in einer Weise, die selbst unter dem jetzt geltenden Statut, das zwischen bayerischen und nichtbayerischen Juden unterscheidet, unnötig wäre. Die Gemeindeverwaltung: erfüllt nicht einmal die doch selbst von ihrem Standpunkt unabstreitbare Pflicht in Kultus- und jüdischen Unterrichtsangelegenheiten für die Bedürfnisse der Ostjuden überhaupt, geschweige denn in ausreichender Weise zu sorgen. Die Ostjuden fordern Gleichberechtigung in der Gemeinde, die nur jüdische Angelegenheiten zu besorgen hat und in der jedem Juden Bürgerrecht zusteht. Eine gesunde Entwicklung der Verhältnisse ist nur zu erwarten, wenn Männer an die Spitze der jüdischen Gemeinde kommen, die es verstehen, einen lebendigen Zusammenhang aller Juden herzustellen zu einer wirksamen Verteidigung nach außen und fruchtbarer Entwicklung nach innen. — Der ungeheuere Beifall, der den Redner an manchen Stellen unterbrach und zum Schluß minutenlang dauerte, bewies, daß der allergrößte Teil der Versammlung, auch die meisten deutschen Juden, mit ihm übereinstimmte. Im Laufe der Aussprache zeigte es sich, daß der überwiegende Teil der bodenständigen deutschen Juden den Angriff in den M. N. N. in gleicher Weise verurteilen, wie die Ostjuden. Der als Gegenredner auftretende Herr Dr. Baron vermochte nicht die Anklagen des Referenten zu entkräften. Besonders unglücklich wirkte sein Versuch, den fraglichen Sätzen eine andere Deutung zu geben, und das einzige, was er überzeugend vorzubringen vermochte, war die Versicherung, daß er die Konsequenz des Angriffes nicht gewollt und nicht übersehen habe. Eine ausreichende Entschuldigung konnte darin nicht erblickt werden, denn wer sich so an die Öffentlichkeit wendet, muß eben genau wissen, was er tut. Die wiederholt einseitige Betonung, daß Dr. Baron nur im Interesse der deutschen Juden, handle, zeigte mit größter Deutlichkeit, wie berechtigt die ihm gemachten Vorwürfe sind. Nicht glücklicher war der zweite Gegenredner, Herr Gem.-Bev. Dr. Adolf Strauss, der die behauptete mittelbare Verantwortung des „Fünferausschusses“ als eine frivole Behauptung bezeichnete und weiterhin den Rechtsanspruch der Ostjuden innerhalb der Gemeinde zurückzuweisen versuchte. Seinen Argumenten trat Herr Dr. Elias Straus wirksam entgegen, der hierin sowie in der Erwiderung auf Herrn Dr. Baron sich restlos auf den Boden der ostjüdischen Anklagen und Forderungen stellte. In gleicher Weise taten dies die Herren Kluger, Dr. Wadler, Löwy und zum Schluß in zündenden, von tiefstem jüdischen Empfinden zeugenden Worten Herr Justizrat Dr. Emil Frankel, während Herr Dr. Levinger und1 besonders eindringlich Herr Güldenstein mit Rücksicht auf die schwierige Lage zur Einigkeit mahnten. ■—■ In seinen, mit stürmischem Beifall aufgenommenen Schlußworten mahnte der Referent ebenfalls zur Einigkeit auf Basis des gleichen Rechts. Folgende Resolution wurde mit allen gegen kaum 50 Stimmen angenommen: 1. „Die am 16. Dezember 1918 im Hotel Bayer. Hof versammelten weit über tausend jüdischen Männer und Frauen sprechen ihre schärfste Mißbilligung geven die im Artikel „Ein Wort der Abwehr“ in Nr. 618 der M. N. N. enthaltenen Angriffe gegen die Ostjuden aus, die inhaltlich ebenso unwahr, wie in der Tendenz verwerflich sind. Die Versammlung spricht den Herren, die für diese Angriffe die Verantwortung übernommen haben, die Befähigung und das Recht ab, künftighin als Vertreter jüdischer Interessen zu fungieren.“ 2. „Die Versammlung bedauert lebhaft, daß die Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde, als berufene Vertreterin der Gesamtjudenheit Münchens, die unberechtigten Angriffe auf die Ostjuden nicht klar und energisch zurückgewiesen hat.“ 3. „Die Versammlung fordert, daß der Verwaltungsausschuß, dessen Mandat ohnedies abgelaufen ist, zurücktritt und schleunigst Neuwahlen nach dem nun allgemein vorgeschriebenen Verhältniswahlrechts durchführt, unter Beseitigung jedes Rechtsnachteils für die nichtbayerischen Juden.“ * * * Die Erwähnung einer ungeheuerlich feindseligen Äußerung aus deutsch-jüdischem Munde gegen die Ostjuden durch den Referenten rief im Saale eine starke Empörung hervor, da sie den meisten als unmöglich erschien. Der Referent verzichtete darauf, der Versammlung durch Namensnennung den Wahrheitsbeweis zu bieten und beschränkte sich darauf, einem anwesenden Herren die Möglichkeit zur Feststellung zu geben. Diese erfolgte am anderen Morgen mit dem Resultat, daß der Herr, von dem die feindselige Äußerung stammt, an den „Gesamtausschuß“ ein Entschuldigungsschreiben richtete. Zweifler können dasselbe beim Vorsitzenden des Gesamtausschusses ein sehen * * * Dem Gesamtausschuß ging folgender Brief zu: „An den verehrlichen Gesamtausschuß der Ostjuden Münchens, hier. Vor einigen Tagen beehrten micihi einige Herren aus Ihrer Mitte mit ihrem Besuch. Bei dieser Gelegenheit erklärte ich Ihnen bereits, daß ich den vielbesprochenen Artikel im Morgenblatt der M. N. N. vom 7. d. M. aufs schärfste mißbillige, soweit er zwischen den einheimischen Juden und unseren ostjüdischen Brüdern einen Unterschied macht und den letzteren die Schuld für die jetzt herrschende antisemitische Strömung aufbürden will. Ich stehe selbstverständlich auch heute noch auf diesem Standpunkt und teilte Ihre Entrüstung über dieses unbrüderliche Vorgehen. Inzwischen hatte ich Gelegenheit, Stimmen aus dem Kreise unserer Mitglieder über diese uns alle nahe berührende Sache zu vernehmen. Soweit sie mir zu Ohren gekommen sind, teilen sie vollkommen