Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 51 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- Seite 624 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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624 Das Jüdisch« Echo Nr. 51 formierte Banden“ handelte, nicht notwendigerweise in Widerspruch zu stehen braucht, denn „uniformierte Banden“ sind eben die polnischen Legionäre), und daß die förmliche Erlaubnis zur 48stündigen Plünderung der Juden seitens des polnischen Kommandos erteilt wurde, — wird von französischer Regierungsseite im Parlament die Blutschuld von den Polen auf deutsche und russische Gefangene und auf angebliche Bolschewisten abgeschoben, wobei wohl die Gelegenheit zur Anschwärzung der deutschen Heeresangehörigen für Herrn P i c h o n besonders verlockend sein mußte. Man wird von den Franzosen billigerweise nicht verlangen können, daß sie in richtig gewitterter Interessengemeinschaft einen derartigen Trumpf unausgespielt lassen, und wenn es auch gegen die Wahrheit und das Recht eines der Mörderhand ausgelieferten Volkes ist. Daß bei einer derartigen Auffassung vom Ursprung und der Urheberschaft der blutigen Vorgänge in Galizien ein tatsächlicher Erfolg der von der französischen Regierung erwogenen Maßnahmen von vornherein ausgeschlossen ist, liegt auf der Hand. Diese angekündigten Maßnahmen würden ja in diesem Falle weder die unmittelbar Schuldigen, noch die eigentliche Ursache der Pogrome treffen. Allein angenommen, daß die vom Kommando der französischen Orientarmee und den Amerikanern entsandten Ausforschungskommissionen die Wahrheit zutage fördern werden, — allzu wahrscheinlich ist es nicht — was dann? Die Bestrafung der eigentlichen Täter würde wohl dem Rechtsgefühl Genugtuung, aber nicht den Juden Galiziens Schutz und Sicherheit für die Zukunft gewähren. Wir haben wiederholt betont, daß auch etwaige völkerrechtlich festgelegte Sicherungen, so wünschenswert, ja unumgänglich sie auch erscheinen mögen, die Zukunftsaussichten der Juden Polens und Galiziens nicht nur nicht zu verbessern, sondern eher noch zu verschlimmern angetan wären. Eine von den Mächten diktierte Lösung der polnischen Judenfrage würde nur die Rumänisierung Polens bedeuten, wie ja auch ein führendes Warschauer Blatt, der „Kuryer Warszawski“, dieser Tage, offenbar mit Hinblick auf diese Möglichkeit, treuherzig bemerkte, eine Lösung auf rumänische Art wäre den Polen durchaus annehmbar. Wir haben bereits auf den wahren Charakter und die eigentlichen Wurzeln der Pogrombewegung hingewiesen. Sie entspringen in ihrer Planmäßigkeit und Absichtlichkeit einem klaren und zielbewußten Vernich tu.ngswiil'llen, der bereits seit Jahren auf wirtschaftlichem Gebiete wirksam ist und seinerseits den subjektiven Reflex eines elementaren, auf die Deposedierung des jüdischen Mittelstandes gerichteten objektiven Entwicklungsprozesses darstellt. Wer dieses verkennt, sieht wohl die Hand, die schlägt, aber nicht die Kräfte, die sie in Bewegung setzen, den Willen, der sie zu seinem Werkzeug macht. Für den Einsichtigen aber bedeuten die blutigen Ereignisse bloß brutale Auswüchse eines an sich natürlichen Entwicklungsganges, eben nur e i n Ring in der langen Kette dieser unaufhaltsamen Entwicklung. Uns dieser Entwicklung entgegenzustemmen, sind wir ohnmächtig. Es gilt also, ihrem zermalmenden Schritt aus dem Wege zu gehen. Das Judentum Polens und Galiziens steht vor einer massenhaften A u s;w a n de rungsbeweg u n g, daran ist nicht zu zweifeln. Dem nackten Selbsterhaltungstrieb gehorchend, werden Judenmassen dieser Länder, in denen ihres Bleibens nicht mehr sein kann, sich nach einer neuen Heimat umsehen. Was geschieht, damit diese Auswanderung nicht zur regellosen Flucht ausartet, sondern in ruhige, sichere, zielklare Bahnen geleitet werde? Was geschieht, um die Leiden der Übergangszeit nach Möglichkeit zu lindern, die Wankenden zu stärken und1 den in Bewegung geratenen Massen Weg und Richtung zu weisen? Hier ist die Pflicht, hier die Rettung. Es gilt, die Organisation und die Leitung dieser bevorstehenden Auswanderung der Juden Polens und Galiziens tatkräftig in die Hand zu nehmen. Es darf nicht mehr alles dem Zufall und dem blinden Spiel der Kräfte überlassen werden, wie es in der nunmehr seit bald einem Halbjahrhundert vor sich gehenden großen ostjüdischen Auswanderungsbewegung der Fall war. Die Organisation des Emigrationswesens ist die Aufgabe und die Forderung der Stunde, der sich niemand, der sich seiner jüdischen Pflicht bewußt ist, entziehen kann. An Stelle der Proteste trete das Handeln, es verstumme jede Klage vor dem ehernen Ruf zur Tat. Es gilt zu retten. Freilich, nicht bloß aus der Augenblicksnot, wie ja die geforderte nationale Aktion keine Augenblicksaktion sein darf. In einer Zeit, in dei unsere Brüder in Galizien und in Polen ihre Heimat verlieren, findet das jüdische Volk den Weg zu seiner alten Heimat zurück. Die bevorstehenden Friedensverhandlungen, die die Judenfragen lösen werden, werden auch den Weg, den einzigen zur Lösung der Judenfrage weisen. In der Heimat des Volkes, da soll auch unseren Brüdern in Polen und Galizien eine glückliche und gesicherte Zukunft erblühen. Leo Rosenberg. Die Ostjuden Münchens gegen Verleumdung und Entrechtung. Zu einer machtvollen Kundgebung gestaltete sich die Protestversammlung, die der „Gesamtausschuß der Ostjuden Münchens“ am 16. Dezember einberufen hatte. Der große Saal des Bayer. Hof konnte die erschienenen Massen kaum fassen; Sitze, Seitengänge und Galerie waren von einem Itausfendköpfigeta Publikum üblerfüllt. Als Redner des Abends trat der Vorsitzende des „Gesamtausschusses der Ostjuden Münchens“, Herr Jakob Reich auf, der sich in längeren, von häufigen Beifallskundgebungen begleiteten Ausführungen über die Genesis jenes von unseren „israelitischen“ Mitbürgern in den M. N. N. vom Stapel gelassenen Artikels verbreitete, in dem die „gegen Besitz und Ordnung gerichtete Bewegung“ auf die ,Jn den letzten Jahren aus dem Osten zugewanderten Juden“ zurückgeführt wird, mit denen die „bodenständigen“ Israeliten keine Gemeinschaft haben. Es wurde gezeigt, daß diese Behauptung vollkommen unwahr und in der Tendenz verwerflich ist, daß sie eine ungeheuere Gefährdung der Ostjuden in München bedeute, daß selbst bei der Richtigkeit des Inhalts die Argumentierung dieser ^israelitischen Mitbürger“ sich in nichts von der übelsten antisemitischen Kampfesweise unterscheide. Der Redner wies nach, daß der ganze bedauerliche Vorfall nur aus der Atmosphäre der Mißachtung und Abneigung heraus entstehen konnte, die den Ostjuden in. München entgegenschliägt und an der die engherzige, dem wirklichen jüdischen Leben völlig entfremdete Gemeindepolitik der Verwaltung ein gerüttelt Maß von Schuld trägt, einer Verwal-