Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102973-9138425--02503-9075325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50 Das Jüdisch® Echo 613 Hus Polen. (Von unserem Berichterstatter.) Warschau, 26. November. Wenn es eines Beweises dafür bedurfte daß die Lebenskraft des polnischen Judentums trotz aller schweren Prüfungen der Vergangenheit und Gegenwart ungebrochen ist, so hätte ein Blick auf die Gestaltung unseres inneren politischen und kulturellen Lebens ihn erbracht. Die nationale Bewegung, seit der Befreiung von der Russenherrschaft immer mehr an Raum gewinnend und in die breitesten Volksschichten eindringend, erfährt letztens eine steigende Vertiefung und Aktivierung. Der Aufbau und die innere Ausgestaltung unseres hebräischen Schulwesens hat nicht nur keine Hemmung, sondern auch eine fortgesetzte Entfaltung und Konsolidierung erfahren. Daneben sind in den letzten Monaten verheißungsvolle Bestrebungen auf dem Gebiete der praktischen Palästina-Arbeit zutage getreten, die in gleicher Weise eine glückliche Entwicklung nehmen; worüber eingehend zu berichten im gegenwärtigen Moment noch verfrüht wäre. Es sei nur auf das erwachte Interesse weiter und maßgebender orth. Kreise hingewiesen, die bisher unserer Bewegung und Zielen gleichgültig ja feindlich gegenüberstanden, für das palästinensische Siedlungswerk. Das wichtigste Ereignis im jüdischen Leben Polens bilden jedoch unzweifelhaft die gegenwärtig gepflogenen Vorbereitungen zur Schaffung einer rechtmäßigen Repräsentanz des polnischen Judentums. Nachdem der Schrecken der Okkupationsherrschaft vom Lande gewichen ist und mit ihm jene willkürliche und sinnlose Dekretherrlichkeit, aus der jene eine „Verordnung betr. die Organisation der Jüdischen Religionsgemeinschaft“ sich nennende gesetzgeberische Spottgeburt vom 16. November 1917 hervorgegangen ist, geht nunmehr das Judentum Polens an die große und unumgängliche Aufgabe, eine wirkliche, dem erkläten Volkswillen entsprungene und auf demokratischer Grundlage aufgebaute Gesamtvertretung des jüdischen Zweimillionenvolkes Polens ins Leben zu rufen, die mit der vorbereitenden Arbeit für die künftige nationale Verfassung betraut werden soll. Daß die Verwirklichung dieser großen Aufgaben unter den gegenwärtigen Umständen auf zahlreiche Schwierigkeiten stoßen müsse, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, und diese Schwierigkeiten werden noch dadurch, vermehrt, daß nicht einmal über eine nationale Forderung von so einleuchtender und grundlegender Bedeutung, wie es die Schaffung einer nationalen Repräsentanz ist, eine Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Parteien erzielst werden konnte. Soweit ist es mit dem Geiste der Zwietracht und der Eigenbrödelei gekommen. Auch auf diesem Gebiete erweist sich ein geschlossenes Zusammenwirken der Zionisten, den eigentlichen Vorkämpfern und Wortführern des Repräsentanzgedankens, mit den linksstehenden Richtungen und der durch die Schule des Ansbacher Rabbiners Dr. Kohn gegangenen Orthodoxie als unmöglich. Es besteht jedoch erfreulicherweise begründete Hoffnung, daß es zumindestens mit der „Volks- Partei“, mit der gegenwärtig Unterhandlungen gepflogen werden, zu einer Einigung kommen wird. Inzwischen hat am 23. November eine Beratung der Warschauer Agitationskommission für die Jüdische Konferenz in Polen (der die Kreierung der national-jüdischen Repräsentanz obliegen soll) stattgefunden, an der mehr als 5U Vertreter von Warschauer Kultur- und Berufsverbänden teilnahmen. Der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Jizchak Grünbaum, berichtete über die bereits erwähnten Ergebnisse der Verhandlungen der Zionisten mit der „Agudath-ha-orthodoxim“ und den linksstehenden Gruppen einerseits und der Volkspartei andererseits. Es wird des Ferneren die Einberufung einer Vorkonferenz geplant, die das Statut der Jüdischen Konferenz entwerfen und die Nowendigkeit der Schaffung einer provisorischen nationalen Vertretung zur Erörterung bringen soll. Der Vorsitzende brachte gleichzeitig die inzwischen vom Zionistischen Zentralkomitee Polens ausgearbeitete' Wahlordnung zur Vorkonferenz zu allgemeiner Kenntnis. Jede Stadt entsendet Delegierte. Je einen Delegierten auf 5000 jüdische Einwohner. Demgemäß entfallen auf Warschau 50, auf Lodz 25, auf Lublin 10 Abgeordnete. Gemäß dem Bericht der Zionistischen Organisationskommission werden sich an der geplanten Konferenz etwa 44 Klein- und Mittelstädte, außerdem die Großgemeinden Warschau, Lodz und Lublin beteiligen. Die Gesamtzahl der Delegierten wird gemäß der Wahlordnung 463 nicht übersteigen. Die Delegiertenwahlen sind keine direkten, sondern werden von den Mitgliedern der Kultur- und Berufsverbände und sonstigen Institutionen und Organisationen vorgenommen. Als Kulturinstitutionen gelten Vereine zur Unterhaltung von Volksschulen, Talmud-Thorah, Abendkursen, Kinderheimen, Fröbelschulen usw. Auch wir haben nunmehr eine sozialistische Regierung, zumindest einen sozialistischen Ministerpräsidenten. Von der Regierung des Herrn Daszynski, des von den Stimmen dies Lemberger jüdischen Viertels hineingewählten P.P.S.-Führers, haben die bürgerlichen Parteien und Kreise Polens das Schlimmste, die Juden manches Gute erwartet. Befürchtungen und Hoffnungen erwiesen sich als gleich unbegründet. Die regierungsfähigen PPS-Leute denken nicht daran, die Weltordnung des Magnatentums zu gefährden, noch das rührige, allzurührige polnische Pfahlbürgertum in seinen Boykott- und Verdrängungsgelüsten zu stören, was sie indessen vor der Brandmarkung als Judenknechte und Judenstämmlinge nicht schützt. Wie ein Reif in Frühilingsnacht war aber den jüdischen Hoffnungen gleich der erste Schritt der neuen zozia'listischen Regierung, die vermittelst der amtlichen polnischen Telegraphenagenturen die Nachricht in die Welt hinaussandte, die Juden trügen durch ihre bolschewistische Propaganda selbst die Schuld an den Pogromen. Ein kalter Wasserstrahl für unsere jungen Heißsporne, die unter der Einwirkung der letzten Ereignisse sich wieder zu ihrer alten Taktik und ihrer alten Denkweise zurückgefunden zu haben scheinen, ist der krasse Antisemitismus, der in den Reihen der nunmehr auch in Pollen sich konstituierenden Arbeiterräte basiert. So weigerte sich der polnische Arbeiterrat in Lublin jüdische Arbeiter als Mitglieder aufzunehmen, so daß es zu einer Spaltung des Arbeiterrates und dessen Teilung in förmlich nationalen Kurien kam. Daß die ganze radikale Bewegung weder den Versuch macht, noch überhaupt in der Lage ist, gegen den inzwischen herrlich weiiterblühenden polnischen Antisemitismus^, und den mit unvermindertem Eifer gegen die Juden betriebenen Wirtschaftskampf — der radau-antisemitische Verproviantierungsdirektor der Stadt Warschau, Herr Dr. Ilski, waltet noch immer seines Amtes — aufzukommen, soll ausdrücklich hervorgehoben werden. Eine ungeheuere Verhetzung