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Das jüdische Echo · 1918-12-13 · 50 (13.12.1918) · p. Seite 612

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 612 (sequence 4)
Language
German
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612 Das Jüdisch« Echo Nr, 50 Kurier“ sollte man ein solches Mindestmaß von Gerechtigkeit verlangen dürfen, daß er in einer Zeit, wo Tausende von Juden in Frankreich und Rußland, auf den italienischen Schlachtfeldern und in den Felldzügen im Balkan ihr Lehen für die deutsche Sache hingegelben haben, dfc Worte, wir Juden seien hier „nur Gäste, wie die hiier lebenden Italiener, Russen usw.“ als eine Ungeheuerlichkeit zurückgewiesen hätte. — Wir Juden werden und können Herrn Eisner nicht „a fase h ü 11 e 1 n“; denn wir haben als Juden gar nichts mit ihm zu tun. Die Stellung der einzelnen Juden Herrn Eisner und seiner Regierung gegenüber ist keine einheitliche, sondern eine aus der jeweiligen politischen Richtung des Einzelnen sich ergebende. Mit der so gerne als Schlagwort von der antisemitischen Hetzpresse mißbrauchten „jüdischen Solidarität“ hängt das nicht zusammen. — Rafael Rabinowitz allerdings, die erst ganz kurze Zeit in Deutschland lebt und mit den deutschen Verhältnissen ebenso wenig vertraut ist, wie mit den jüdischen, glaubt sich berechtigt, den deutschen Juden diesen Vorwurf ins Gesicht zu schleudern und den „Bayer. Kurier“ als geeignete Stätte für ihre Auslassungen zu wählen. Daß sie dies „erst recht“ tut, nachdem sie uns versprochen hatte, sich vor einem weiteren Hervortreten mit uns in Verbindung zu setzen, ist für die Haltung dieser Dame durchaus bezeichnend. Wir glauben auch nicht, daß sie dem Andenken ihres Vaters, des geschätzten Warschauer Hebra^- isten S. P. Rabinowitz. der vor einigen Jahren auf der Reise in Frankfurt gestorben ist, Ehre antut, wenn sie ihn in diesem Zusammenhang nennt. Er würde es sicherlich weit von sich gewiesen haben, die Verantwortung für das Auftreten dieser Tochter zu übernehmen, deren Wege ebenso weit weg führen von den seinigen, wie die seiner anderen Tochter, der unglücklichen Sara Lerch-Rabin ow i t z , die als Kampfgenossin Eisners das bayerische Volk seiner Erlösung zuführen zu müssen glaubte. Doch genug damit von Rahel Rabinowitz, deren Person uns weiter nicht interessiert. Auf die ganze uns mit tiefstem Widerstreben erfüllende Angelegenheit an dieser Stelle wieder einzugehen, hatten wir nur geringe Neigung. Wenn es trotzdem geschah, so war eine ganz besondere Erwägung für unser Verhalten maßgebend. Unabhängig von ihrem zufälligen Träger, dem Münchener Zentrumsblatt, kommt der Angelegenheit eine prinzipielle Bedeutung zu. Der „Bayerische Kurier“ vertritt in München die Richtung der bayerischen Zentrumspartei, einer Partei, deren Charakter und Überlieferung sowie gesamtes politisches Wirken jede judenfeindliche Tendenz bisher ausschloß. Selbst die häufig gefährdeten Rechte einer religiösen Minderheit verfechtend, brachte die Deutsche Zentrumspartei der Sache anderer bedrängter Minderheiten im Reiche volles Verständnis und tätiges Interesse entgegen. Ihre Vertreter im Reichstag haben sich mehr als einmal durch tapfere und von einem unbeirrbaren Gerechtigkeitsgefühl getragene Zurückweisung ungerechtfertigter Angriffe gegen Juden und Judentum den Dank der deutschen Judenheit erworben. Wie ist nun mit diesen immer bekundeten Grundsätzen der Zentumspartei das unerhörte Gebahren des ihr nahestehenden, weitestverbreiteten Münchener Organs zu vereinbaren? Kann diese Partei einen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß diese Haltung des „Bayerischen Kurier“, verstärkt durch den neuerdings auch in den anderen Parteiblättern hervortretendien gleichen Geist, den Eindruck einer völligen Preisgabe ihrer immer hochgehaltenen Grundsätze der Parität und Gerechtigkeit erwecken wird? Die Zentrumspartei wird sich nicht im Unklaren darüber sein, was eine derartige Feststellung für die künftige Gestaltung ihrer gesamten parteipolitischen Situation bedeuten würde. Man braucht nur auf die weiten und einflußreichen protestantischen Kreise im Reiche hinzuweisen, denen die Bekämpfung des katholischen Einflusses und der katholischen Machtstellung auf politischem Gebiet höchste Staatsraison ist. Es wird den Zentrumsführern nicht unbekannt geblieben sein, daß man in diesen Kreisen in gleicher Weise auf den „Judenfrieden“ und den „Papstfrieden“ geschimpft und seinerzeit die Ernennung des Katholiken Hertling zum Reichskanzler des in' der Mehrheit protestantischen Deutschlands mit den gleichen Gefühlen aufgenommen hat, wie das katholische Volk Bayerns die Bestellung des „Juden“ Eisner zum bayerischen Ministerpräsidenten. Eine Zentrumspolitik, die sich leichtfertig über den Grundsatz der Parität im Reiche hinwegsetzt, sägt selbst den Ast ab, auf dem sie sitzt. Auf noch ein gewichtiges Moment muß jedoch in diesem Zusammenhang hingewiesen werden. Die Bayerische Zentrumspartei ist eben im Begriff, sich in eine „Bayerische Vo 1 k s p a r t e i“ zu verwandeln. In dem in den letzten Tagen zu weiter Verbreitung gelangten Aufruf dieser Partei wird die volle und restlose Gleichstellung aller Bekenntnisse und Richtungen im Reiche zum unverbrüchlichen Grundsatz der neuen Partei erhoben und lebhaft um die Anhängerschaft der Juden geworben. Wer die gegenwärtigen Stimmungen und Strömungen inerhalb der deutschen Judenheit kennt, wird zugeben müssen, daß die neue auf dem Boden der Gleichberechtigung stehende Partei auf einen Zufluß von jüdischer Seite sehr wohl hätte rechnen dürfen. Ein vielleicht nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Judenheit würde freudig an eine Partei Anschluß suchen, deren ganzer Charakter und deren politisches Wirken die weitestgehende und verständnisvollste Berücksichtigung einer anderen Minorität gewährleistet. Kann jedoch auch nur einen Augenblick ein Zweifel darüber walten, daß die gegenwärtig von der Mehrheit der Zentrumsblätter beobachtete Haltung und namentlich das mehrfach gekennzeichnete Gebaren des Münchener Blattes dazu angetan ist, jedem auf seine persönliche Würde und auf die Würde seines Volkstums bedachten Juden die Mitarbeit an der neuen „Volkspartei“ als eine Unmöglichkeit erscheinen zu lassen? Die Verantwortung für diese Haltung ihrer eigenen Pressorgane wird im allgemeinen, insbesondere auch m jüdischen Kreisen der neuen Partei zur Last gelegt. Wir würden unsererseits zu unserem lebhaftesten Bedauern nicht umhin können, die jüdische Öffentlichkeit in dieser ihrer Auffassung zu bestärken, wenn die Leitung der Bayerischen Volkspartei nicht klar und unzweideutig von diesem Pressetreiben abrückt. Wir richten daher an den Vorstand der Bayerischen Volkspartei die Frage: Was gedenkt die Bayerische Volkspartei zu tun, um der ihre eigene Sache im höchsten Maße kojnpr omittierlen dem antisemitischen Propaganda ihrer Organe, in erst er Re i he des „Bayerischen Kuriers, ein Ende zu machen?

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