Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 603 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 603 ihnen die britische Erklärung: verliehen hat be rechnen sie zu einer besonderen Stellung auf dem Friedenskongreß. Es ist die erklärte Absicht der Alliierten, dem jüdischen Volke eine nationale Heimstätte“ zu gewähren. Ist es dann zu viel verlangt, daß eine solche nationale Macht mit ihrer eigmen Stimme und nicht durch die Stimme einer anderen sprechen solle? Aber noch auf einen Punkt möchte ich hinweisen. Friedenskongresse hat es schon früher gegeben und feierliche Verträge, in denen die jüdischen Rechte verbürgt wurden. Diese Verträge wurden, soweit sie die Juden betrafen, als Fetzen Papieres angesehen. Der Jude ist durch die Geschichte gewarnt. Er kann nicht länger die Wahrung seiner vertraglichen Rechte dem Wohlwollen dieser oder jener Macht überlassen. Er muß sich dem Chor der Stimmen anschließen, die zweifellos nach Sicherung der Friedensabmachungen durch einen Völkerbund rufen werden. Dem Juden muß die Möglichkeit gegeben werden, die Hilfe des Völkerbundes gegen jede Regierung anzurufen, welche die ihm im Friedensvertrag zugesicherte Freiheit vernachlässigt oder verletzt. Aber das genügt natürlich noch nicht. Wer soll den Protest der Juden Vorbringen? Irgend ein freundlich gesinntes Volk? Sicherlich nicht. Der Jude muß sem Werk selbst tun. Das jüdische Volk, das in Palästina errichtet werden soll, muß seine gesetzliche Stellung im Bunde der Nationen erhalten und muß von dieser Stelle aus seine Forderungen erheben und die Rechte seiner Stammesgenossen verteidigen. Wir wollen unverzüglich wissen, wie das von der Regierung gebrauchte Wort „national“ tatsächlich zu verstehen ist. Es ist jetzt nicht die Zeit für Unbestimmtheiten und Zweideutigkeiten. Uber die Jugoslaven oder die Stellung der Tschechoslaven bestehen keine Geheimnisse, und es sollten auch keine über das neue Zion bestehen. Der entscheidende Augenblick ist gekommen. Soll es eine jüdische Nation geben, welche der Liga der Nationen als gleichberechtigt angehören und die moralische Macht besitzen soll, Israels Freiheit zu wahren? Wenn die Antwort ein klares „Ja“ ist, dann gibt es keinen Grund, sie zurückzuhalten. Wenn die Antwort anders ausfällt, so haben die Juden umsonst gekämpft, und der Friedenskongreß eröffnet nur ein neues und vielleicht noch dunkleres Kapitel ihrer langen Geschichte in der Diaspora.“ öffentliche Kundgebung der nationalen Juden in Stadt und Provinz Posen. Auf Einladung der Posener Zionisten hatte sich am 20. November eine mehr als tausendköpfige Versammlung im Zoologischen Garten zusammengefunden, um zu den jüdischen Gegenwartsfragen Stellung zu nehmen. Das Mitglied des Großen Aktionskomitees, Rechtsanwalt Dr. Klee aus Berlin, führte, dauernd von begeisterter Zustimmung der Anwesenden begleitet, etwa Folgendes aus: . Das jüdische Volk verlangt von der Friedenskonferenz die Wiedergutmachung eines zweitausendjährigen Unrechts. Palästina muß wieder die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes werden. Hinter dieser Forderung steht heute die überwältigende Majorität des jüdischen 14 Milhonen- Volkes, insbesondere die Majorität der amerikanischen Juden und der Juden des Ostens. Die Erfüllung der Forderung ist von den Mächten der Entente zugesagt, ihre Berechtigung von den Mittelmächten anerkannt. Hinter ihr stehen auch die Stockholmer Beschlüsse der internationalen Sozialdemokratie. Die Juden fordern weiter die kulturelle Autonomie überall, wo ihre Durchführung möglich ist. Hierzu gehört auch die Erweiterung der Zuständigkeit der jüdischen Gemeinden und ihre Umgestaltung in Volksgemeinden, die für alle jüdischen Fragen zuständig sind, selbstverständlich auf der Basis eines völlig freiheitlichen Wahlrechts. Bei der Erörterung der Polenfrage erkennt Dr. Klee das Recht des polnischen Volkes auf die Wiederherstellung seiner alten nationalen Selbständigkeit in den Grenzen, die die Friedenskonferenz bestimmen wird, gern an und weist unter stürmischem Beifall darauf hin, daß er von einem freien Volke erwarte, daß es anderen Nationalitäten die Möglichkeit freier Entfaltung ihrer nationalen Eigenart gewähre. Es müsse von den politischen und geistigen Führern des polnischen Volkes verlangt werden, daß sie Pöbelexzessen und Pogromen gegenüber restlos ihre gesamte Autorität einsetzten. Dr. Klee weist auf das erfolgreiche Wirken der jüdischen Nationalräte hin, die sich in der Ukraine, in Galizien, in Deutsch- Österrejich und im tschecho-slovakischen Staat gebildet hätten. Auf dem Boden der Forderungen des Prager Nationalrates hätten sich sämtliche mährischen Synagogeng'emefnden gestellt. Dr. Klee schloß mit warmer Anerkennung des Jüdischen Volksrates von Posen. Aus der Aussprache, an der sich die Herren Dr. Leiewer, Rechtsanwalt Nehab und Dr. Calvary beteiligten, ist besonders die Erklärung des letzteren hervorzuheben, daß sich die orthodoxe Judenheit Posens mit allen ihren Organisationen auf den Boden der jüdischen Nationalität stelle und sich dem jüdischen Volksrat einordne. Sie seien bereit, in geschlossener nationaler Organisation mit den Zionisten zusammen zu arbeiten. Der Leiter der Versammlung. Rechtsanwalt Dr. Kolienscher, präzisierte unter Zustimmung der Versammlung darauf die Aufgaben des Jüdischen Volksrats für Stadt und Provinz Posen. Folgende Resolution, deren Übermittlung nach Kopenhagen beschlossen wurde, wurde unter allseitiger Zustimmung angenommen. „Die am 20. November in Posen versammelten über 1000 Juden aus Stadt und Land Posen entbieten der Zionistischen Zentralleitung ihren herzlichen Gruß. Sie stellen sich mit Begeisterung auf den Boden des Kopenhagener Manifestes. Sie erklären, mit aller Kraft für die Verwirklichung dieser Forderungen zu arbeiten. Sie sprechen dem Aktionskomitee für seine aufopfernde und: erfolgreiche Tätigkeit —«hrend des Krieges ihren wärmsten Dank aus.“ * * * Die auf dem Boden der Orthodoxie stehlenden jüdischen Vereine und Organisationen Posens erlassen folgende Kundgebung: Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Posen“ empfiehlt in einem Rundschreiben vom 19. November, sich von öffentlichen Versammlungen und Kundgebungen der nationaljüdischen Bewegung in Posen im Interesse der Geschlossenheit des Judentums fernzuhalten. Gegen diese Boykotterklärung, die sich gegen einen Teil der jüdischen Gemeinschaft richtet, muß Verwahrung eingelegt werden. Der Boykott ist eine verwerfliche Waffe, die besonders auf geistigem Gebiete angewandt, bestehende Gegensätze verschärft und Gehässigkeit hervorrufen muß. Das Interesse der Geschlossenheit