Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 601 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Beziehungen der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung zu Preußen und der ehemaligen österreichischen Regierung sind zu offenkundig, um zu verkennen, in wessen Interesse sie wirkt. Die Liquidationskommission hat bereits an die Entente das Ersuchen gerichtet, Vertrauensmänner zu entsenden, die sich an Ort und Stelle von der Wahrheit überzeugen sollen. Wir fühlen uns aber zu der Erklärung genötigt, daß, falls die jüd. Presse fortfährt, das polnische Volk vor aller Welt ungerechterweise zu beschuldigen, sie es der polnischen Macht unmöglich machen würde, die öffentliche Entrüstung niederzuhalten und es könnte in Wirklichkeit das geschehen, was bisher nur in den ausgestreuten Verleumdungen behauptet wurde. Auch die polnische Regierung in Warschau, mit dem sozialistischen Ministerpräsidenten Daszynski an der Spitze, hat, wie uns berichtet wird, sich zu einer amtlichen „Bekanntmachung“ veranlaßt gefühlt, in der die polnischen Pogrome als harmlos dargestellt und die unverfrorene Behauptung aufgestellt wird, die Juden trügen durch ihre bolschewistische Agitation die Hauptschuld an allen Unruhen. Die Aufregung und Empörung über diese „sozialistische“ Hetze ist in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung eine ungeheuere. Darstellung der polnischen Gesandtschaft. Das W. T. B. meldet: Die polnische Gesandtschaft läßt uns eine Erklärung zu den Zeitungsmeldungen über die Vorkommnisse in Lemberg zugehen, worin es heißt: „Der Aufklärung des Tatbestandes durch Unparteiische, besonders durch die bereits aus Budapest in Lemberg eingetroffenen Ententedelegierten, sehen wir zuversichtlich entgegen. Bezüglich der Tatsache, ist darauf hingewiesen, daß Galizien, insbesondere Lemberg, seit Jahr und Tag der Tummelplatz einer überaus großen Zahl von Deserteuren der früheren k. k. und der russischen Armee ist, die in eigenen Uniformen oder solchen der früheren polnischen Legion in manchen Gegenden zu Tausenden die öffentliche Sicherheit gefährdeten. Seit Anfang des Monats war Lemberg Schauplatz eines erbitterten Straßenkampfes der Ukrainer und Polen, bei dem der Zivilbevölkerung die schwersten Opfer nicht erspart bleiben konnten. Bei der Eroberung durch1 die Polen entstand durch den panikartigen Rückzug der Ruthenen ein Tumult, der von allerlei Banditen zu Plünderungen und blutigen Mordtaten benutzt wurde. Es ist begreiflich, daß das polnische Kommando im Augenblick des Siegeseinzuges nicht mit der Verkündung des Standrechts die polnische Herrschaft beginnen wollte. Nach Verkündung des Standrechts wurde eine Reihe Schuldiger sofort standrechtlich erschossen. Ferner wurde die Stadt abgesperrt, um deren Säuberung von unsicheren Elementen zu ermöglichen. Es wurde nicht nur das Judenviertel, sondern auch andere Stadtteile mit dem Postgebäude, dem Landtagsgebäude und anderen öffentlichen Gebäuden in Mitleidenschaft gezogen. Es erscheint absolut undenkbar, daß polnische Offiziere und Mannschaften unter dem Oberbefehl des früheren österreichischen Feldmarschall-Leutnants Rowadowski und unter Führung des Generals Roja oder die ihnen unterstellte freiwillige Legion der Krakauer akademischen Jugend sich an den blutigen Exzessen beteiligt haben sollten. Seitens der polnischen Regierung mit Pilsudski als Staatsoberhaupt an der Spitze, dessen Gerechtigkeitssinn und Demokratismus niemand in Frage stellen dürfte, wird alles aufgeboten werden, um der Bevölkerung ohne jeglichen Unterschied' Leben und1 Erwerb sicherzustellen und Anschläge auf die öffentliche Ordnung, wie sie in Lemberg geschahen, zu vereiteln. Protestkundgebungen. Eine Delegation des Jüdisch-Sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion und der Skandinavischen Zionistischen Organisation besuchte dien amerikanischen und französischen Gesandten und überreichte ihnen die beim Stockholmer Protestmeeting angenommene Resolution nebst allem Material über Lemberger und sonstige Pogrome in Galizien und Polen. Die Mitglieder der Delegation stellten dar, daß die gesamte Judenheit des polnischen Gebietes sich in Lebensgefahr befindet, wenn nicht sofort seitens der Entente militärisch interveniert wird. Die Delegation wurde äußerst freundlich empfangen und die beiden Gesandten versprachen, sowohl die Resolution, als auch das Material ihren Regierungen telegraphisch zu übermitteln und den Wunsch nach militärischer Intervention tatkräftig zu befürworten. Die vielgelesene Stockholmer Zeitung „Tidningen“ bringt einen Leitartikel über den Lemberger Pogrom, indem sie erklärt, daß diese empörenden Grausamkeiten ein Fleck auf der neuen Freiheit Polens seien, der zum Protest der gesamten zivilisierten Welt herausfordere. Die Zeitung „Aftontidingen“ schreibt, daß die Metzeleien in Lemberg ein Beweis sind, daß das polnische Volk für die Freiheit, die ihm Europa gern zugestanden habe, nicht reif sei. Der bedeutende skandinavische Gelehrte Arne verlangte in Aftontidingen die Haftung der intellektuellen und sozialdemokratischen Kreise Polens und fragt, wo auch nur ein einziger Pole gegen die Scheußlichkeiten Protest erhoben habe. Er erklärt, daß die Pogrome endgültig die Legende von der polnischen Ritterlichkeit zerstört haben. Das „Jüdische Preßbureau“ in Stockholm meldet aus New York: „Richter Mack richtete im Namen der Zionistischen Organisation Amerikas, Louis M a r s h a 11 namens des American Jewish Committee einen dringenden Appell an Wilson, die Pogrome in Galizien und Polen einzustellen. Das „Jüdische Preßbureau“ in Stockholm berichtet aus London: „Nahum S o k o 1 o w reist mit den Herren TolkowSky und Marx nach Paris ab, um ein Informationsbureau! einzurichten und beim Friedenskongreß die politische Arbeit für die Schaffung der nationalen Heimstätte in Palästina und die Sicherung der nationalen Rechte der jüdischen Minderheiten in der Diaspora zu