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Das jüdische Echo · 1918-12-06 · 49 (6.12.1918) · p. Seite 599

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
49 (6.12.1918)
Date
1918-12-06
Page
Seite 599 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 599 ten. Was jetzt in den Komitaten Trencsen Arva Lipto und Neutra vorgeht, ist keine Anarchie mehr, sondern übertrifft noch den Bolschewismus. Es ist unmöglich, zu' beschreiben, was sich dort täglich abspielt. Was nicht geplündert werden kann, wird vernichtet. In Csorna wurden beim Wein- und Spiritushändler Steiner in dessen Keller 3000 hl Wein und viel Spiritus ausgelassen, wobei viele der Plünderer erstickten. Aus Nagytapolcsäny, Verbo Galgocz und unzähligen anderen Ortschaften kommen ebensolche traurige Nachrichten. Die durch die ungarischen Zionisten gegründete Selbstwehrgarde ist wohl bestrebt, mit Waffengewalt und Aufklärung dem Plündern Einhalt zu gebieten, ist jedoch nicht in der Lage, überallhin ihre bewaffneten Truppen zu schicken. Bisher wurde in ca. 40 Ortschaften die Ruhe durch die zionistische Garde hergestelllt. * * * Die Wiener „Jüdische Zeitung“ schreibt: „Aus der ungarischen Provinz kommen sehr beunruhigende Nachrichten. In Preßburg haben Exzesse stattgefunden und in ganz Nordwest- und Nordungarn ist die Bevölkerung gegen die Juden tätlich vorgegangen. Vor allem handelt es sich dabei um das Gebiet der Slowakei, welches dem neuen tschecho-slowakischen Staate angegliedert werden soll. Das tschechische Volk hat es verstanden, in Böhmen tadellose Ordnung zu bewahren und die Neuordnung hat sich dort ohne jede Störung und ohne jede Beeinträchtigung von Leben und Eigentum der Bewohner vollzogen. Es ist eine Pflicht des tschechischen Staates, dafür Sorge zu tragen, daß auch in seinen neuen Gebieten Ausschreitungen vermieden werden. Die Juden haben in diesen Gegenden eine bedauerlich falsche Politik gemacht. Sie haben sich der ungarischen Majoritätsnation in allzu bereitwilliger Weise ausgeliefert. Daher entlädt sich jetzt der Zorn der befreiten Bevölkerung gegen die Juden, in denen sie die Repräsentanten der magyarischen Unterdrücker sehen. Das sind die Folgen der verblendeten assimilatorischen Politik, vor der die einzigen einsichtigen Elemente im Judentum, nämlich die jüdischnationalen Politiker, immer gewarnt haben. Dennoch können wir es nicht zulassen, daß die slowakischen Massen auf die Juden losgelassen werden. Dies kann auch nicht in den Intentionen des tschechischen Nationalausschusses liegen und es ist notwendig, daß die tschechische Nationalregierung in Paris seitens der Entente unzweideutig darüber aufgeklärt wird, daß solche Vorkommnisse nicht geduldet werden. sje * # Aus Budapest wird geschrieben: Die Umsturzbewegung in Ungarn und das regellose Zurückfluten der Soldaten von der Front hat in vielen Gegenden des Landes zu schweren Ruhestörungen und groben Ausschreitungen geführt, unter denen in erster Reihe die jüdische^ Bevölkerung zu leiden hat. So wird aus Nagyßombat (Tyrnau) im Preßburger Komitate berichtet, daß sich dort in der Nacht auf Montag, den 4. November, der Pöbel mit Hilfe zahlreicher von der Front heimgekehrter Soldaten zum Herrn der Stadt gemacht und alle jüdischen Geschäfte und Läden ausgeraubt hat. Das Plündern so gut besorgt, daß heute in Nagyßombat Kleiderartikel nirgends zu bekommen sind. Die Behörde war in Ermangelung der Brachialgewalt machtlos. Der Anblick, den die Stadt jetzt bietet, ist überaus traurig. Ein verödetes Schlachtfeld' kann nicht trostloser aussehen. Der von den Plünderern angerichtete Schaden beträgt rund 10 Millionen Kronen. Eine weitere Meldung aus Nagyßombat besagt: In der Stadt ist die Revolution ausgebrochen. Überall wird die Proklamation des slovakischen Nationalrates verbreitet, wobei die Erregung der slovakischen Bevölkerung gegen die Ungarn und die Juden noch durch die heimkehrenden Soldaten gesteigert wird. Die gleichen Zustände herrschen in der ganzen Gegend. Militär zur Unterdrückung der Unruhen steht nirgends zur Verfügung. In Galgoocz (Freistadt) wurden sämtliche jüdischen Geschäfte ausgeplündert. Zu argen Ausschreitungen ist es auch in mehreren Städten und Großgemeinden dös Pester Komitats gekommen, ferner in der Gegend von Komärom, im Banat, im Weißenburger Komitate und anderwärts. Zahlreiche jüdische Familien vom Lande sind unter Zurücklassung ihrer Habe nach den größeren Städten geflüchtet. In den zahlreichen von Slovaken bewohnten Teilen Oberungarns haben heimkehrende slovakische Soldaten, wie ein Bericht des „Neuen Pester Journals“ angibt, zusammen mit slovakischen Bauern plündernd die Gegend durchzogen und fürchterliche Pogrome veranstaltet. Trotz des energischen Eintretens der Behörden ist es nicht gelungen, diesen Plünderungen ein Ende zu bereiten. Die Plünderer gehen systematisch nach einem vorher entworfenen Plan vor. sie berauben die Geschäfte der jüdischen Kaufleute und tragen alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Insbesondere werden Spirituosen und Lebensmittel geraubt. Wenn die Juden ausgeraubt sind, wenden sich die Plündernden an Gutsbesitzer und Gutspächter. In Magyarfalu wurde die Zuckerfabrik der Wiener Firma Löwbeer völlig demoliert. Auch der „Pester Lloyd“ vom 9. November meldet, daß in den slovakischen Dörfern der Komitate Preßburg und Nyitra die Bevölkerung „bei den Aristokraten, bei den Notaren und bei den Juden plündere“. Es ist jedoch angeblich örtlichen Nationalräten gelungen, mit Hilfe einrückender tschechoslovakischer Truppen die Ordnung wieder herzustellen. Die Nummern des „Pester Lloyd“ vom 11. und 12. November bringen Einzelheiten über die Pogrome, die erkennen lassen, welchen.Umfang sie angenommen haben und wie bedenklich diese Erscheinungen sind. Es werden folgende Ortschaften genannt, in denen es zu besonders schweren Ausschreitungen gekommen ist: Kapuvar, Csorna, Sütör, Endred, Fertessepliak, Sarod, Beled, Rabaoprdany. Der Schaden im Komitat Sopron beziffert sich auf mehrere Millionen. Alle Ausschreitungen richteten sich zunächst gegen die Juden und erst wenn bei den Juden nichts mehr zu holen war, gegen andere Bevölkerungselemente. In Csorna versuchte ein dortiger Notar beruhigend auf die Stimmung einzuwirken, aber ohne Erfolg. Die Menge schrie: „Wir schützen die Juden nicht,“ verjagte den Notar und begann abends, nachdem sie sich in einem Cafe betrunken und einige Fensterscheiben zertrümmert hatte, die fliehenden Juden zu berauben. Die Anführer waren die Mitglieder der unmittelbar vorher eingesetzten Bürgergarde, dann wurden die Cafes geplündert und die Lebensmittel geraubt. Aus einem benachbarten Orte herbeieilende Gardisten wurden entwaffnet.

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