Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 598 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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598 Das Jüdische Echo Nr. 49 « zwei bis drei Tagen verwandelte sich das Lemberger Ghetto in einen rauchenden Trümmerhaufen. Die Zahl der Todesopfer, die das Wüten der polnischen Soldaten forderte, wird von Augenzeugen auf mehr als tausend geschätzt. Auf Schritt und Tritt begegnete ich halbverkohlten Leichen von Juden, die in der Verzweiflung aus den Fenstern der brennenden und von den plündernden Soldaten umstellten Häusern gesprungen waren. Zahllose Leichen liegen noch unter den Trümmern. Von seiten der polnischen Behörden geschah nichts, um dem Gemetzel Einhalt zu tun, es unterliegt vielmehr keinem Zweifel, daß man dem verbrecherischen Treiben Vorschub leistete, denn die Banden sprachen es offen aus, daß ihnen erlaubt worden sei, 48 Stunden lang zu plündern. Mehrfach wurden von den Legionären die Zugänge zu den jüddischen Straßen abgesperrt, die Läden und Wohnungen ausgeraubt, dann Brandbomben in die ausgeplünderten Häuser geworfen und wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht. Erst nach zwei Tagen, nachdem kaum noch etwas zu retten war, wurde das Standrecht verkündet, das jeden Plünderer mit dem Tode bedrohte. Zugleich erließ das polnische Kommando eine Mitteilung an die Juden, in der die Behauptung auf gestellt wurde, die Juden hätten dadurch, daß sie auf die Legionäre geschossen und sie mit siedendem Wasser begossen die bedauerlichen Unruhen hervorgerufen; es seien Vorkehrungen getroffen, die Juden zu beschützen, aber diese müßten sich jeder „weiteren Provokation“ enthalten. Dieser Aufruf wirkte lediglich als neue Anregung zu pogromistischen Ausschreitungen, denn die polnischen Legionäre hatten es jetzt schwarz auf weiß, daß die Juden feindliche Handlungen gegen die Polen begangen hätten. Erwiesernermaßen waren auch polnische Offiziere an den Plünderungen beteiligt, die sogar am Tage vor den Augen des Publikums vor sich gingen. Man scheute sich sogar nicht, mit den geraubten und oft mit Blut bedeckten Gegenständen die belebtesten Straßen zu passiven. Von polnischer Seite sucht man die Verantwortung für das Pogrom dadurch abzuwalzen, daß man behauptet, die Plünderer seien als Soldaten verkleidete Banditen gewesen. Das wird aber schon durch die große Anzahl der uniformierten Plünderer und ihre reichliche Ausrüstung mit Waffen und Munition widerlegt. Überdies war schon während der rutheniseben Herrschaft in der Bevölkerung allgemein bekannt, daß die Polen den Juden für den Fall der Einnahme der Stadt den Pogrom angedroht hatten. Auch in Polen hat sich die Pogromwelle über zahlreiche Städte und Ortschaften ergossen. Es kam zu blutigen Ausschreitungen in Warschau, Kielce, Ghmeluck, Lasi, Sosnowice, Siedltee, Groschow, Lubomir u. a. 0. Über die* Pogrome in Ungarn gehen uns folgende Berichte zu; Marmarosz-Sziget. Die im ganzen Lande, besonders in den Peripherien herrschenden Unruhen haben gestern in Törösmezö ihre unausbleiblichen jüdischen Opfer gefordert. Der Grundbesitzer Chaim Rosenthal und seine Frau, vornehme, ältere Leute, wurden von der neuorganisierten Bürgerwache, welche aus Bauern besteht, ermordet. Ebenso wurden in Alsökälinfalva zwei Juden von den ruthen ischen Bauern erschossen, die übrigen Juden sind von ihrem Dorfe geflüchtet, ihr Hab und Gut den Räubern zurücklassend. In Dombo verkündete der Gemeindevorsteher daß sämtliche Juden binnen 24 Stunden ihren Wohnort zu verlassen) haben, im Weigerungsfälle würde man sie niedermetzeln. Die aus einigen hundert jüdischen Familien bestehende jüdische Gemeinde, klein und1 groß, arm und reich. Gesunde und Kranke mußten zum Wanderstab greifen und ihr Heim und Vermögen dem plündernden Pöbel überlassen. Das Gleiche geschah in Szeleslonka. Nachrichten von Massen-Judenpogromen liefen auch aus den Gemeinden Izaszacsal, Felsöszelistye und anderen Dörfern ein. Unter der hiesigen Judenheit herrschte eine riesige Panik, die noch durch den Umstand gesteigert wurde, daß in einigen Bezirken, z. B. in Taracköz der Stuhlrichter selber an den Pogromen mitwirkte. Die Judenheit der Stadt Märmaros- Sziget mußte unter der Leitung der Zionisten zur Gründung einer jüdischen Selbstwehr greifen, um die Ruhe in der von 10 000 jüdischen Seelen bewohnten Hauptstadt zu sichern, was, abgesehen von kleinen Ausschreitungen, bis jetzt auch gelungen ist. Besonders wirkungsvoll! war dabei die seitens der Ungarländischen Zionistischen Organisation aus Budapest hierher gesandte Zionist. Abwehrgruppe, die auch schon in der Umgebung eine lobenswerte Tätigkeit entfaltete. Bei der Orp-anisip.rnno' und I.ei tun v der iiidischen Selbstwehr erwarben sich Dr. Arthur Klein, Präsident des hiesigen Zionisten-Vereins und Kadettaspirant Alexander Pogäny große Verdienste. Das Schlimme in der gegenwärtigen Situation ist, daß die Behörden über keine verläßliche Brachialgewalt verfügen, so daß die Bewachung der agrarischen Güter im Werte von Hunderten von Millionen auch seitens der zionistischen und jüdischen Wache geschehen mußte. Es wäre von besonderer Notwendigkeit, ein entsprechendes Eingreifen zur Rettung der ungefähr 130 000 Seelen zählenden Judenheit des Komitates Marmarosz zu veranlassen. Ein weiterer Bericht. Den „Mitteilungen des Zionistischen Exekutiv- Komitees in Ungarn“ vom 17. November entnehmen wir den folgenden Bericht: Aus ganz Ungarn, insbesondere aus den Landgemeinden, kommen grausige Nachrichten. Die Judengemeinden, die bisher in ihrem Patriotismus weit mehr als alle anderen Völker Ungarns leisteten, sind der Zielpunkt der mord- und raubsüchtigen Horden. Die im Kriege unermeßlich reich gewordenen Bauern gehen mit dem Beispiel voran, unterstützt von verschiedenen Judenhetzern, deren Identität bisher nicht festgestellt werden konnte. Werte von vielen hundert Millionen Kronen wurden geraubt und vernichtet. Sehr viele Juden wurden ermordet. Pogromnachrichten kommen aus der Umgebung X?.n t>^zabadka, aus Gälszecs, aus dem Komitat Gomor, aus dem von Wallachen bewohnten Komitate Bihar, aus Hermannstadt, aus Paszto, aus den slowakischen Komitaten Neutra und Preßburg; schrecklich wütete die Raubgier der Bauern und Soldaten m den ungarischen Ortschaften des Komitats Sopron, und den Ortschaften in den der ungarischem. Hauptstadt naheliegenden Komita-