Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 597 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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An ihre Stelle trat die „Pobudka“ mit dem geraubten Material der deutschen Zeitung Am 11. erschien der Befehl, daß sämtliche Hauseigentümer ein Verzeichnis aller männlichen Bewohner nach Name, Religion usw. anzufertigen haben. Diese Verzeichnisse hatten den Zweck, die Wohnungen der Juden und Deutschen für eventuelle Plünderungen festzustellen. Beim Verteilen der Lebensmittel wurde den Juden gesagt, daß an erster Stelle die Polen versorgt werden müssen, sollten Überreste bleiben, dann würden die Juden sie erhalten. Unter dem 17. erschien in der „Pobudka“ ein Aufsatz betitelt „Neutrale“, worin eine Frau, die sich als „Augenzeuge“ ausgab, mitteilte, daß Juden aus den Fenstern die Legionäre mit heißem Wasser begossen und sie vom Tempel aus mit Maschinengewehren beschossen hätten. Daraufhin begab sich eine jüdische Abordnung, bestehend aus den Herren Professor Dr. Schorr, Advokaten Dr. Allerhand und Dozenten Dr. Freilich zu dem polnischen Abgeordneten Chlamtatsch. Ihre Versicherung, daß die verbreiteten ruchlosen Gerüchte über die Juden erlogen seien, blieb unbeachtet. Während im polnischen Teile Lembergs die Hetze gegen die Juden von Stunde zu Stunde zunahm, wurde im ukrainischen Stadtteil eine jüdische Miliz gebildet, die die Aufgabe hatte, das jüdische Viertel gegen Bandenüberfälle zu schützen. Diese Miliz hatte fast täglich größere Kämpfe mit Banditen zu bestehen, so am 16. November, wo sie ungefähr 50 Banditen niederschoß. Auch die jüdische Miliz verlor einige ihrer Kämpfer, darunter den Milizleutnant Staub. Als die Ukrainer weichen mußten, sandten die Juden, die die alte Pogromlust der Polen kannten, ein Radiotelegramm „an alle“ und baten um Schutz. Es kam keine Hilfe. Am 22. November begannen dann die, polnischen Legionäre mit den Plünderungen jüdischer und deutscher Geschäfte in der Karola-Ludwiga, der Hauptstraße Lembergs. Von dort zogen die Polen in das jüdische Viertel. Die Krakauer, Przemysler und Lemberger Offiziere und Mannschaften der polnischen Legion hielten das Judenviertel umzingelt. Nachdem sie sämtliche Juden und Deutsche, die sie unterwegs trafen, beraubt und die sich Wehrenden rücksichtslos niedergeschossen hatten, eröffneten sie Maschinengewehrfeuer gegen das Judenviertel, Die Herausstürzenden wurden mit Handgranaten und Gewehrkugeln empfanden, so daß keine Seele entrinnen konnte. Es half kein Bitten und kein Klagen. Die Krakauer Cebulnastraße besteht jetzt aus Ruinen; das ganze i ii d i - sehe Viertel mit den Bethäusern, worin s i c hi viele Familien versteckt hielten, wurde eingeäschert. Wer nur den Mut hatte, sich! hinauszubegeben, um Erbarmen bei den Legionären zu erbitten, würde niedergemetzelt. Das Straßenpflaster war mit verkohlten und v er - stümmelten Leichen b e d e c k t. Im Kino am polnischen Theater wurden die verstümmelten und verkohlten Leichen aufgestapelt. Dieses Morden wehrloser Menschen (die jüdische Miliz wurde sofort interniert, ihr Schicksal ist unbekannt) dauerte vom 22. November früh bis zum 24. November nachmittags, zu welcher Stunde das polnische Kommando das Standrecht verkündete. Die Zahl der bei dem Lemberger Pogrom e r - m o r d e t d n Juden beläuft sich a u f 1 2 0 0, die der Obdachlosen auf 10—12 00Ö.“ * * * Vom jüdischen Nationalrat in Deutsch-Österreich wird aus Wien vom 26. November telegraphiert: „Ein vertrauenswürdiger Augenzeuge, der aus Lemberg soeben hier eingetroffen ist, berichtet über unbeschreibliche Vorgänge, die sich nach der Eroberung Lembergs durch die Polen abgespielt haben. Die polnischen Legionäre marschierten unter dem Kommando von Offizieren in Doppelreihen in die jüdischen Straßen ein, begannen eine systematische Plünderung, erbrachen die jüdischen Geschäfte mit Bajonetten und Handgranaten, umzingelten die Häuser und brannten sie nieder. Einzelne Einwohner retteten sich durch Sprung aus dem Fenster. Die Legionäre schossen die Flüchtenden nieder. Circa 10 000 Juden sind obdachlos, 80 Prozent der Lemberger Judenschaft sind zu Grunde gerichtet, 80 jüdische Häuser sind zerstört. Bisher wurden 600 Tote, 40 verkohlte Leichen gezählt. Die Plünderung dauerte ununterbrochen von Freitag früh bis Sonntags mittags, nachdem die Ruthenen bereits Donnerstag früh aus Lemberg abmarschiert waren. Die Legionäre erklärten offen und ungescheut, daß bereits vor dem Einmarsch die Erlaubnis zu 48stündiger Plünderung gegeben war. Jedenfalls ist erst nach Ablauf dieser 48stiindigen Frist das Standrecht proklamiert worden. Jüdische Deputationen sprachen bereits Freitag früh beim polnischen Vorsitzenden Dr. Adam und beim Stadtpräsidenten Dr. Steschowitz vor. Die Verhandlungen verliefen jedoch ergebnislos. Während des Brandes der jiid. Häuser wurde die Wasserleitung gesperrt, so daß es unmöglich war, den Brand zu löschen. Drei Synagogen sind verbrannt. Die jüdische Bevölkerung Lembergs ruft verzweifelt um Hilfe. Setzet alles in Bewegung, da den weiteren polnischen Vormärschen eine weitere Ausdehnung der Pogrome zweifellos folgen wird. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich.“ Dem „Berliner Tagblatt“ wird vom 27. November telegraphisch gemeldet: Breslau, 25. November. Seit Freitag früh ist Lemberg, das ich gestern verlassen habe, wieder in den Händen der Polen, nachdem es mehu rere Wochen hindurch in wütenden Straßenkämpfen, denen, wie es heißt, weit über tausend Soldaten und Zivilisten zum Opfer gefallen, von den Ukrainern hartnäckig verteidigt worden war. Ein großer Teil der inneren Stadt, namentlich der Gegend um das Postgebäude, bietet ein Bild wüstester Zerstörung. Das Postgebäude selbst ist völlig ausgebrannt und nur noch eine trostlose Ruine. Fast sämtliche Häuser dieses Stadtteils, der der Brennpunkt des Kampfes war, sind von Handgranaten und zahllosen Gewehrschüssen auf das schlimmste zugerichtet. Unmittelbar nach Einnahme der Stadt durch die Polen begann eine systematische Plünderung aller iiidischen Geschäfte, die sich zu dem furchtbarsten Judenpogrom auswuchs. Es war grauenhaft, innerhalb