Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 596 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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596 Das Jüdisch« Echo Nr. 4d anfangs gegen die Polen auszuspielen den Versuch machte, später aber endgültig dem Polentum auslieferte. Daß in dieser Beziehung mit Halbheiten und Palliativmitteln nichts auszurichten ist — dieser Erkenntnis wird sich niemand, der nicht an völliger Tatsachenfremdheit leidet, verschließen können. Ebensowenig wird heute Jemand behaupten dürfen, daß jede irgendwie geartete Intervention von außen eine „Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates“ bedeuten würde. Denjenigen, deren Macht- und Rechtsspruch diese staatliche Selbständigkeit erst ins Leben rief, wird wohl das Recht und die Pflicht zur Einmischung zustehen. Die staatliche Selbständigkeit Rumäniens wurde auf dem Berliner Kongreß von 1878 von den Signatarmächten von vornherein an die Bedingung der Gleichberechtigung der Juden geknüpft. Daß diese Bedingung bis heute nicht erfüllt ist, mag als ein Beweis dafür gelten, daß es mit bloßen moralischen Verpflichtungen und unangebrachter Einmischungsseheu bei schlechtem Willen des Kontrahenten nicht getan ist. Worauf es hier ankommt, ist, daß die Judenfrage des auf der kommenden Friedenskonferenz endgültig zu schaffenden polnischen Staates zu einer internationalen Angelegenheit erklärt und dem Schutze des künftigen Völkerrechts, repräsentiert und gesichert durch den Völkerbund unterstellt wird. Die Internationalisierung der Judenfrage bietet heute die einzige Möglichkeit einer befriedigenden und dauerhaften Lösung. Diese Lösung wird nur durch die Schaffung internationaler Sicherungen möglich, die sich natürlich nicht bloß auf die Judenfrage, sondern auf das gesamte Völker Problem des polnischen Nationalitätenstaates erstrecken sollen. Nur durch eine grundsätzliche völkerrechtliche Sicherung der bürgerlichen und nationalen Minderheitsrechte wird auch die bürgerliche und nationale Judenfrage einer gerechten und endgültigen Lösung entgegengeführt werden können. Wir bezweifeln nicht, daß dieser einzig gangbare und zielführige Weg zur Völkergerechtigkeit in den kommenden Friedensverhandlungen beschritten werden wird. Eine derartige internationale Sicherung der jüdischen Volksrechte im neuen polnischen Staat wird unzweifelhaft der akuten polnischen Judenfrage ihre bedrohliche Schärfe nehmen. Es hieße aber sich einer nach den Erfahrungen dieser furchtbaren Zeitläufe doppelt sträflichen Selbsttäuschung hingeben, wollte man glauben, daß von einer derartigen Lösung günstige Wirkungen auf die künftige Gestaltung des polnisch-jüdischen Zusammenlebens ausgehen werden. Und doch kommt auf eine günstigere Gestaltung der inneren Beziehungen zwischen .den Völkern alles an. Das Zukunftsbild des jüdischen Lebens in Polen ist von dunklen Schatten umdüstert. Mit wachsender Verzweiflung sehen die Juden der dem neuen Polenreiche anzugliedernden Landesteile dem Tag des Schreckens entgegen, der sie dazu verdammen wird, das Schicksal ihrer Brüder im Kongreßlande und in Galizien zu teilen. Indessen ist wenig Hoffnung vorhanden, daß die Juden Posens dem Verhängnis entgehen werden. Die jüdische Gesamtheit und alle, in deren Herzen noch Gerechtigkeitsgefühl und Menschenliebe lebt, werden sich jedoch die Zuversicht nicht nehmen lassen, daß die Juden Westpreußens und Oberschlesiens, wo die Polen selbst eine Minderheit bilden, vor der Gefahr bewahrt bleiben werden, dem polnischen Gerechtigkeitssinn und der polnischen Blutgier ausgeliefert zu werden. Pogrome in Polen, Galizien, . Ungarn und Böhmen. Das Blutbad in Lemberg. Über die blutigen Ereignisse in Galizien liegen nunmehr, soweit das bisher Geschehene in Betracht kommt, abgeschlossene Berichte vor. Was diese Berichte erzählen, ist über alle Schrecken schrecklich, das Furchtbarste und Entsetzlichste, was die Welt in diesen unheilvollen Zeiten sah. Durfte man bisher glauben und hoffen, daß die grauenerregenden Vorgänge bloß Einzelfälle darstellen und auf wenige Orte beschränkt blieben, so geht nunmehr aus den Berichten mit furchtbarer Klarheit und Zweifellosigkeit hervor, daß fast keine Stadt, kein Flecken und kein Dorf Galiziens von den blutigen Ausschreitungen verschont blieb. Gleich ist auch überall das Bild der Greuel: Plünderung, Mord, Brandstiftung. Alle polnischen Volksschichten waren an den Ausschreitungen beteiligt: uniformierte Legionäre, Stadtmiliz, Turnvereine, Arbeiter, Studenten, Bauern und1 Bürger. Der Raum würde auch dann nicht ausreichen, wenn wir uns nur auf die bloße Nennung der heimgesuchten jüdischen Gemeinden und Ortschaften beschränken wollten. Wir nennen nur die Orte: Przemysl, Blazowa, Dobro, Grodzisko, Iwonitz, Joworzno, Mielec, Morawica, Moszna Dalna, Rozwadow, Stryzow, Stczakow, Trzebina, Wadowice, Zator, Sie'rza, Pilzno (b. Tarnow), Krosno, Brzozow und zahlreiche andere Städte und Dörfer im Kreise Jaslo, Tarnow, Brzesko, Zmigroc, die Bezirke Bochnia und Zywiec, Tarnobrzeg. Alles verblaßt jedoch zu einem Schatten im Vergleiche damit, was zwischen dem 22. und 24. November in der galizischen Hauptstadt Lemberg selbst vorgegangen ist. Wir beschränken uns hier auf die bloße wörtliche Wiedergabe der uns zugegangenen Berichte von Augenzeugen. Von Herrn Elias Nacht, der am 27. November aus Lemberg in Berlin eintraf, geht uns nachstehender Bericht zu: „In der ersten Hälfte des November wurde Lemberg von den Ukrainern besetzt. Die Polen sandten Truppen gegen die Ukrainer, schließlich kam es zu Waffenstillstandsverhandlungen. Während dieser traf ein Leutnant der französischen Armee, Henry Villaine, im Auto aus Jassy ein und verhandelte mit beiden Parteien zwecks Einstellung der Feindseligkeiten. Man einigte sich dahin: die Kämpfenden mögen in ihren Stellungen bis zum Friedenskongreß verbleiben, bis dahin hätten beide Parteien mit Hinzuziehung der Juden, die von der Entente als Nation anerkannt werden, die Stadt zu verwalten. Die Ukrainer schlugen vor, die jüdische Miliz sollte als Neutrale die Stadtruhe aufrecht erhalten. Die Polen dagegen forderten Ausschluß der Juden, dafür Aufstellung einer polnisch-ukrainischen Miliz. Der Vertrag kam zustande und der französische Leutnant reiste ab. In der Nacht vom 21. zum 22. erhielten die Polen Verstärkung aus Krakau und Przemysl, überschütteten die Ukrainer mit Granaten, so daß diese der List und Übermacht weichen mußten. Die Ukrainer zogen sich nach Wirmiki, zehn Kilometer von Lemberg, zurück. Daß dies nicht Lembergs endgültiges Schicksal sei, steht für die Ukrainer fest. Damit war der Kampf gegen die Ukrainer zunächst beendet. Eine zweite Schlacht, aber gec6u'ij r'0se. Menschen begann. Bevor ich zur Schilderung dieses Mordens komme, muß ich ein wenig zurückgreifen.