Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug* Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Vierteljährig Mk 1.—, Halbjährig Mk.2.—,Ganzj. Mk. 4.—,Einzelnummer 10P1.-Verlag, Auslieferung und Schriltleitung des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr. 4. Nummer 49 mmMmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. München / 5. Jahrgang 6. Dezember 1918 Pogrome und Judenfrage. Von Leo Rosenbers:. Polens Freiheitsbanner ist mit dem Blute der Unschuldigen besudelt, das im Kongreßlande und in Galizien in diesen Tagen in Strömen floß. In den Flitterwochen polnischer Freiheit haben sich weite polnische Volkskreise zu Taten des Hasses und der Unmenschlichkeit hinreißen lassen, die in ihrer Furchtbarkeit das Grauen dieser Zeiten in den Schatten stellen und auch in den Herzen derjenigen Entsetzen auslösen werden, die sich über den Charakter und die Zukunftsaussichten der polnisch-jüdischen Beziehungen keinen Illusionen hingegeben haben. Daß die Verantwortlichkeit auf der gesamten polnischen Öffentlichkeit lastet, ist durch den Umstand erhärtet, daß die breitesten polnischen Kreise, Legionen, Stadtwehre, Turnvereine, Arbeiter, Bürger und Bauern an den blutigen Ausschreitungen beteiligt sind, nicht zuletzt aber durch die ganze offenkundig billigende und beschönigende Haltung der gesamten polnischen Presse und der polnischen Parteien. Um die gegenwärtigen Vorgänge in ihrer ganzen Furchtbarkeit würdigen zu können, muß man bedenken, daß es sich hier nicht etwa um spontane Ausbrüche wilder Haßinstinkte, sondern um einen wohlüberlegten, systematisch organisierten und bereits seit langem angekündigten Ausrottungskrieg gegen die jüdische Volksminderhe.it dieser Länder handelt. Überraschend konnte dieser Sachverhalt weder für die Juden selbst, die das Verhängnis unaufhaltsam und unabwendbar herannahen sahen, noch für die Außenwelt sein. Innerhalb des gefährdeten polnischen Judentums wie der jüdischen Volksgesamtheit, nicht zuletzt in den maßgebenden Kreisen der Ententevölker und Regierungen wurde wiederholt auf die unmittelbare Gefahr hingewiesen, die der jüdischen Bevölkerung Polens und Galiziens für den Fall droht, daß diese Gebiete volle Unabhängigkeit erlangen. Es wurde der wohlbegründeten Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die wilde Pogromhetze, die sich bereits unter der harten Zucht der fremden Besetzung breit machte, bei der ersten günstigen Gelegenheit in die Tat umgesetzt würde. Von jüdischer Seite ist, wenn auch nicht alles, s? vieles geschehen, um die Weltöffentlichkeit über den wahren Sachverhalt aufzuklären, und es wira auch gegenwärtig dafür Sorgte getragen, aus der polnisch-galizischen Erde hinaufsch Stimme des Bruderblutes nicht unKeh°rt jmd daß es den amtlichen polnischen Pr®.. ' zu lni Auslande nicht gelingt, sie in Tintenstr ersticken. An entrüsteten Kundgebungen gen n den gegen die Juden proklamierten Ausrottungskrieg hat es denn auch nicht gefehlt. Die englische Regierung war die erste, die in aller Form gegen die antisemitischen Verfolgungen Einspruch erhob und eine ähnliche Aktion ist auch in Nord- Amerika im Gange, während amtliche Kreise Hollands und der Schweiz bereits Gelegenheit gefunden haben, ihrer Empörung über die polnischen Bluttaten Ausdruck zu geben. Die Gegen- und Notwehraktion von jüdischer Seite ist unzweifelhaft damit nicht abgeschlossen, und daß sie nicht unwirksam bleiben wird, werden hoffentlich die Polen selbst bald am eigenen Leibe erfahren. Indessen, man ist sich in jüdischen sowohl wie in wohlgesinnten und einsichtigen nichtjüdischen Kreisen durchaus darüber klar, daß alle derartige Gegenaktionen und Protestkundgebungen, so wichtig und unerläßlich sie auch an sich sein mögen, doch so lange ein Schlag ins Wasser bleiben, bis sie nicht von entsprechenden Maßnahmen unterstützt werden. Welcher Art sollen nun diese Maßnahmen sein? Man muß sich vor alllem darüber klar sein, daß es sich bei den blutigen Ereignissen in Polen nicht um spontane und vereinzelte Erscheinungen, sondern um ein System, oder doch um Auswüchse eines Systems, handelt. Die Methode des Pogromwahnsinns ist in dem seit langen bestehenden und in letzter Zeit auch seitens der polnischen Regierungskreise unverblümt zum Ausdruck gebrachten Bestreben begründet, die Juden aus dem Lande zu verdrängen. Die Pogrome bilden ein Mittel, das radikalste und den Massen einleuchtendste, zu diesem Zweck. Das Hauptmittel wird in der systematischen Entrechtung der Juden erblickt. Die Maßnahmen gegen die Pogromhetze, so wirksam und unerläßlich sie auch sind, würden eben nur die Auswüchse, nicht den Kern des Verfolgungssystems treffen. Es gilt vor allem die bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden Polens und Galiziens sicher zu stellen. Die Rechtsfrage der Juden Polens ist aufs engste mit dem gesamten Nationalitätenproblem verknüpft und wird auch nur gemeinsam mit diesem eine gerechte und dauerhafte Lösung finden können. Wir wollen nur kurz bemerken, daß das Unterdrückungssystem der Polen, die ihr Land durchaus als Nationalstaat wissen wollen, neben den 1 957 000 Juden auch die 618 590 Deutschen, 426 590 Ukrainer, 337 190 Litauer und 30 320 Personen sonstiger Volkszugehörigkeit trifft. Die deutsche Okkupationspolitik, deren Grundsatz die Grundsatzlosigkeit war. glaubte die Rechte der Deutschen in Polen durch gesetzgeberische Extrawürste sicherstellen zu können, während sie die anderen Minderheitsnationen