Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Das Jüdische Echo 587 strömte in einer zwauzigtau^endköpfigen Menge zu den Versammlungen, die die Zionistische Organisation eiin berufen hatte. Aus Mangel an Raum in den Stillen des Jüdischen Theaters und in der Jüdischen Gemeinde fanden auch einige Versammlungen unter freiem Himmel statt. Eine midie Einheitlichkeit der Front, eine solche Harmonie und entschlossene Haltung, einen solchen Enthusiasmus hatte die jüdische Gemeinschaft Krakaus schon seit langem nicht gezeigt. Her Verlauf der Manifestation war folgender: Um 11 Uhr vormittags fanden gleichzeitig an 5 Punkten der Stadt Massenversammlungen Gatt Es sprachen im ganzen 24 Redner. Unter noch nicht dagewesenem Enthusiasmus wurde in allen Versandungen folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung der Juden Krakaus verdammt die für das jüdische Volk verderbliche Politik der gegenwärtigen Kultusgemeinde in Krakau, spricht dem gegenwärtigen Kultusvorstand in Krakau das Recht ab, das jüdische Volk zii repräsentieren und verlangt den Rücktritt des gegenwärtigen Vorstandes und die Ausschreibung neuer Wahlen auf Grund des fünfkantigen Wahlrechts innerhalb vier Wochen. Bis zur Durchführung dieser Wahlen verlangt die Versammlung, daß der Vorstand der Kultusgemeinde innerhalb 5 Tagen die Geschäfte in die Hände einer Delegation legt, die aus sämtlichen nationalen Parteien der Judenheit Krakaus zusammengesetzt ist. Der bisherige Kultusvorstand muß zu einem jüdischen Volksrat werden, der neben den bisherigen religiösen Bedürfnissen auch die kulturellen und nationalen Bedürfnisse des jüdischen Volkes zu befriedigen haben wird. Das jüdische Volk gelobt, nicht zu ruhen, bis an die Stelle des heutigen Kultusvorstandes eine würdige demokratische Repräsentanz des jüdischen Volkswillens treten wird.“ Sämtliche Versammlungen wählten Delegationen aus Zionisten und Poale-Zionisten, die an der Spitze einer mehrtausendköpfigen Menge sich im Zuge zum Präsidium der Kultusgemeinde begaben, um ihm die Forderungen des jüdischen Volkes vorzutragen. Die Delegation verlangte vergeblich nach dem Präsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Ti 11 es, der es nicht für nötig hielt, sich in diesem Augenblick im Sitzungssaal einzufinden. Während die jüdische Delegation mit dem Vizepräsidenten, Dr. Raphael Landau verhandelte, manifestierten die versammelten jüdischen Massen ihre Gefühle der unbedingten Opposition gegenüber den bisherigen Verwesern der Kultusgemeinde unter enthusiastischen Kundgebungen zu Ehren des Jüdischen National'rates, des freien jüdischen Volkes, einer freien jüdischen Heimat in Palästina. Ungeheueren Enthusiasmus rief die Entfernung und Zertrümmerung des Wappens der Jüdischen Kultusgemeinde hervor, an dessen Stelle unter Absingen nationaler Gesänge und stürmischen Kundgebungen die bllau-weiße^ Fahne gehißt wurde. Von der improvisierten Tribüne herab sprachen zu den Versammelten viele Redner. Im Sitzungssaal fand inzwischen ein heißer Kampf zwischen der alten und’ neuen Richtung im Judentum statt. Als nach vielstiindigem Warten die enthusiasmierten Massen mit der Einnahme des Gebäudes der Kultusgemeinde drohten und die Stimmung gegen Dr. T i 11 e s und seine CliQue immer bedrohlichere Formen annahm, sah Dr. I'iHes ein, daß er' politisch! bankerottiert habe und telephonierte, daß er abdanke. Die Kundgebung dieser 'Tatsache rief b’egei- Gerte Freude unter der zwanzigtausendköpfigen Menge hervor. Die Delegation der national-jüdischen Parteien hatten den Sieg errungen. Folgende Forderungen wurden festgesetzt: 1. Dr. Tilles tritt zurück. 2. Innerhalb drei 'Tagen hat der Kultusvorstand sich zu entschließen, ob er abdankt oder ob er durch Kooptierung einer entsprechenden Anzahl von Repräsentanten der nationall-jüdischen Parteien gemeinsam mit ihnen in der nächsten Zeit die Reformen der jüdischen Kultusgemeinde auf Grund des fünfkantigen Wahlrechts durchzuführen gedenkt. Nachdem dem versammelten Volke dieser Sieg verkündet w-'orden wfar, bildete sich ein langer, feierlicher Zug, an dessen Spitze Offiziere und jüdische Soldaten mit blau-weißen Fahnen marschierten. Unter Absingung national-jüdischer Lieder bewegte sich der Zug durch die Krakowskastraße und Stradom. und als er sich der Gertrudstraße näherte, setzten sich erst die letzten Reihen vor der Kultusgemeinde in Bewegung. In impulsivem Drange wandte sich der Zug nach der JaßnastralL, zu dem Haus des Führers der zionistischen Bewegung in Krakau, des Präsidenten des Jüdischen Nationalirates, des ehrwürdigen Rabbiners Dr. Osias Tho n. Bei der Ankunft des Zuges bildeten die jüdischen Soldaten ein Spalier von 10 Reihen. Zum versammelten Volke, das in freudige Rufe auf die jüdische Freiheit ausbrach, sprach Dr. Thon in hebräischer, jidischer und polnischer Sprache. Er rief das Volk zur Arbeit für die Erkämpfung einer jüdischen Heimat in Palästina auf und erklärte, daß die polnischen Juden mit der vollen Gleichberechtigung in Polen auch die vollen bürgerlichen Pflichten übernehmen wollen. Danach wandte sich der Zug zur Dietlowskastraße, wo er sich nach einer Ansprache Dr. Feldblums zerstreute. Die Demission des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde. Die Wiener „Jüdische Zeitung“ meldet: Der Kultuspräsident Dr. Stern hat demissioniert. Wie war erfahren, haben sich einige Herren aus dem Vorstand in Erkenntnis der Lage, die infolge des Volkszornes eine gewaltsame Störung der Verwaltung der Kultusgemeinde befürchten ließ,-wodurch die Existenz vieler Hundert Beamten, das Schicksal von wichtigen Wohlfahrtsinstitutionen gefährdet war, an den Jüdischen Nationalrat gewandt und: nachdem eine Einigung über die Bedingungen zustande gekommen war, hat Geh eine aus Kultusvorstehern bestehende Abordnung zu Dr. Stern begeben, um ihn zur Demission zu bewegen. Die Herren wdesen darauf hin, daß der neuen Lage auch im Rahmen der Kultusgemeinde Rechnung getragen werden müsse. Präsident Stern erklärte hierauf, wenn auch unter großem Widerstreben, daß er dem Kultusvorstand die Demission unterbreiten werde. Die Sitzung des Kultusvorstandes hat Dienstag, den 5. November, stattgefunden. Die Demission des Präsidenten wurde mit 16 gegen 6 Stimmen zur Kenntnis genommen. Zur Führung der Geschäfte wird nunmehr ein Permanenzausschuß eingesetzt, bestehend aus drei Delegierten des Kultusvorüandes und drei Delegierten des Jüdischen Nationalrates. Dieser Permanenzausschuß hat folgende Aufgaben: 1. muß er einverständlich einen Präsidenten wühlen, welcher gleichzeitig als Präsident Her Kultus-* gemeinde fungieren wird: 2. obliegt dem Ausschuß