Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1918-11-29 · 48 (29.11.1918) · p. Seite 585

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
5 (1918)
Issue
48 (29.11.1918)
Date
1918-11-29
Page
Seite 585 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102973-9138422--02473-9075295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 48 Das Jüdisch# Echo 585 Die Zionistische Ortsgruppe München hat in dieser Angelegenheit an die Redaktion des „Bayerischen Kurier“ und an die anderen hiesigen Tageszeitungen folgenden Protest gerichtet: „Die Zionistische Ortsgruppe München, als die berufene Vertreterin der Nationaljuden Münchens, erklärt, daß diese die Ausführungen von Rahel Rabinowitz „Der Jude als Ministerpräsident“ (Nr. 328 des „Bayer. Kur.“) vom Standpunkt der in Deutschland lebenden Nationaljuden mit aller Entschiedenheit ablehnt, und der — ihr unbekannten — Verfasserin das Recht abspricht, ihre Auffassung als die. nationaljüdische auszugeben. Eine eingehende Darstellung unserer Anschauung wird in der nächsten Nummer des „Jüdischen Echo“ erscheinen.“ Völkerfreiheit und Pogrome. In den Flitterwochen der Völkerfreiheit fießt jüdisches Blut in Strömen. Völker, die dank dem furchtbaren Weltenbrande die Befriedigung ihrer nationalen Aspirationen erreichen sollen, scheinen nichts besseres zu tun zu haben, als zu dem bereits so schrecklich reich geflossenen Blute noch unschuldiges jüdisches hinzuzufügen. Das Programm der Völkerbefreiung, für welches angeblich 51 Monate hindurch gekämpft wurde, wird dadurch ad absurdum geführt. In Deutsch-Böhmen und in der Slowakei wird die errungene Freiheit mit Judenexzessen gefeiert. Zügellose Banden überfluten Stadt und Land, unschuldige Juden werden mißhandelt, ausgeraubt und geplündert, so daß sie kaum das nackte Leben retten. Es scheint in diesen Gebieten jede Obrigkeit zu versagen: die Juden sind gewissermaßen vogelfrei. Noch furchtbarer geht es in Westgalizien zu. Die blutige Saat, die die Alloolen und ihre Freunde seit Jahr und Tag gestreut haben, schießt grausam in die Halme. Wilde Massen überfallen die kleinen Städte und veranstalten blut:,Te Pogrome, die auch Menschenleben fordern. Auch, da sind die Juden fast auf sich selbst angewiesen und nur dank ihren eigenen rasch organisierten Selbstschutztruppen konnte in manchen Orten das Schlimmste verhütet werden. Unmassen von Flüchtlingen überfluten die größeren Städte, da ihnen diesmal infolge der politischen Umwälzungen der Weg nach dem Westen verschlossen ist. Die Not und das Elend sind furchtbar, zu den unsagbaren Leiden, die diese Armen infolge der Kriegsereignisse zu erdulden hatten, müssen sie nun auch die Orgien der Völkerbefreiung über sich ergehen lassen. Anders, wenn auch nicht viel besser, sehen die Dinge in Ostgalizien aus. Dort wird zwischen Polen und Ukrainern ein wilder, blutiger Kampf um den Besitz des Landes geführt. Die Juden verhalten sich wohl vornehmlich neutral, nichtsdestoweniger haben sie furchtbar zu leiden und müssen schwere Opfer an Gut und Blut bringen. Die Geschosse, die zwischen Polen und Ukrainern gewechselt werden, verschonen die Juden keineswegs, und unter den hunderten Menschenleben, die die Straßenkämpfe in Lemberg gefordert haben, gibt es auch viele Juden. Den Flammen, die ganze Häuserreihen verzehrten, fiel auch viel jüdisches Hab und Gut zum Opfer. Was der wilde Krieg verschonte, geht heute zugrunde. Schließlich kommen auch aus Rumänien Hiobsbotschaften. Die Rumänen sind jetzt dank dem Siege der Entente trotz ihres furchtbaren Debacles dabei, ihre nationalen Aspirationen zu befriedigen. Ihre neu organisierten Scharen ziehen gegen Sicbenbiirgeii und die Bukowina und. gleichzeitig werden Vorbereitungen zu neuen Pogromen gemacht. Nach dem Abzug der österreichischungarischen und deutschen Besatzungstruppen haben ja die Rumänen freie Hand und können >ich nach Belieben austoben. Auch aus Polen und der Ukraine kommen beunruhigende Nachrichten. Nach dem Abzug der Okkupationstruppen haben die Juden das Schlimmste zu befürchten. Die politischen Wirren im Lande begünstigen ja jede Anarchie und auch dort sind Freiheitsorgien zu befürchten. Die armen, hilflosen, auf sich selbst angewiesenen Juden bestürmen die Entente, überschütten Wilson mit Hilferufen und erflehen Hilfe von denjenigen, die für Freiheit und Recht zu kämpfen Vorgaben. Wird diese Hilfe kommen? Die Herren der Entente sind damit beschäftigt, die Verteilung der Beute vorzunehmen, die ihnen der Sieg gebracht, und sie haben jetzt andere Sorgen, als sich um die Juden in Exotien zu kümmern. Wilson ist weit und seine schönen Tiraden können die Bestie im Menschen kaum bändigen. Sein Telegramm an Rumänien, in welchem er den Rumänen die Erfüllung all'er ihrer Wünsche garantierte, ohne der Juden auch nur zu erwähnen, läßt bezweifeln, ob er überhaupt auch den guten Willen dazu hat. Es klingt wahrlieh wie Hohn, dieses Ausstrahlen der Völkerbefreiung, für welche der blutige Weltkrieg geführt wurde. Die Entente scheint zu viel gesiegt zu haben. Unsere jüdischen Nationalräte sind dabei, für die Juden Volksrechte zu erkämpfen, erweisen sich aber ohnmächtig, wo es gilt, Hab und Gut, ja, das nackte Leben zu schützen. Proteste gegen die Judenverfolgungen in Polen. Die Redaktion der „Jüdischen Rundschau“ erhielt nachstehendes Telegramm aus Zürich vom 23. November: „Die Meldungen über die blutigen Judenexzesse in West- und Mittel-Galizien haben auf die schweizerische Judenheit den tiefsten Eindruck gemacht. Sofort nach Eintreffen der ersten zuverlässigen Berichte, ergriffen der zionistische „Vorort“, Basel und die zionistische Vertrauensmännervcrsammlung in Zürich energische Maßnahmen zur Abwehr der Exzesse. Die Vertreter des Schweizerischen Zionistenverbandes erbaten und erhielten bei den Botschaftern der Ententemächte in Bern längere Audienzen, in denen sie über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen und Galizien unterrichteten und dringend um Intervention und Schutz von seiten der Entente ersuchten. Die Vertreter der Entente richteten hierauf an ihre Regierungen ausführliche telegraphische Berichte und befürworteten die Bitte der Schweizer Zionisten. Auch die Schweizer Presse bringt in großem Umfang Aufklärungen durch Leitartikel, Erklärungen und Berichtigungen der falschen, von polnischer Seite verbreiteten Ausstreuungen. In den größeren Städten der Schweiz finden große Protestversammlungen statt. In Zürich wurde aus der Mitte der führenden Zionisten ein Aktionsausschuß gebildet, der aus Dr. Pinkus. Berthold Feiwel, Dr. Mibaschan, Dr. Lichtig und Jungerwirth besteht. Der Ausschuß tagt in Permanenz und hat sich auch mit dem Jüdischen Natioiialrat Deutsch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.