Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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584 Das Jüdisch« Echo Nr. 48 gleiche Rechte haben müssen, weil sie die gleichen Pflichten erfüllen, sondern weil sie einen unlösbaren Teil der vom deutschen Staat umschlossenen Gemeinschaft bilden und zum großen Teil seit unabsehbaren Generationen im deutschen Volke leben und wurzeln. Die Interessen des jüdischen Deutschen sind so völlig identisch mit denen des gesamten Deutschlands, daß eine Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden hinsichtlich ihrer Stellung zum Staatsganzen unmöglich — und unzulässig ist. Sie ist denn auch, wo sie gemacht wird, nicht den Tatsachen entsprechend und kommt stets nur aus böswilliger Absicht. Daß Teile der deutschen Juden — die Zionisten — die Wiedererrichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstreben, um dort das Wesen des Judentums in seiner Reinheit Wiedererstehen zu lassen und allen Juden, die sich bedrückt fühlen, freie Wohnstätten zu schaffen, steht damit in keinem Widerspruch, wie daraus auch niemals ein Gegensatz zu deutschen Interessen entstehen kann. Deutsche Politiker aller Richtungen, von den „Unabhängigen“ bis zu den Konservativen haben das erkannt. Was macht nun diese Rahel Rabinowitz aus den Juden? „Neutrale“, Fremdlinge, die vom deutschen Volk nichts verstehen können, also Uninteressierte, Abseitsstehende gegenüber dem deutschen Volk! Der jüdische Sozialistenführer Frank, der in den ersten Kriegslagen als Freiwilliger fiel, war wohl neutral? Und all die jungen Juden, die als Kriegsfreiwillige und als Gerufene in unabsehbarer Schar vom ersten bis zum letzten Kriegstag ihr Leben ließen — in solcher Zahl, daß die jüdisch-nationalen Jugendverbände einen . ungeheuerlich hohen Teil ihrer Mitglieder betrauern — standen die etwa dem Deutschtum fremd oder neutral gegenüber? Und hat irgend jemand das Recht, alle die Männer jüdischen Stammes, die so ungeheuer viel zu Deutschlands politischer, wirtschaftlicher und geistiger Entwicklung beigeträgen, von Lassalie, Bamberger und Stahl bis Frank und von Bleichröder bis Rathenau und Ballin, alle die aus dem deutschen Geistesleben nicht fortgedacht werden können, von Heine und Auerbach bis Schnitzler und den zahlreichen anderen Juden in der Dichtung unserer Tage als Fremde zu bezeichnen und ihnen das Verständnis fürs deutsche Volk abzusprechen?! Wlir lieben es nicht, an diese Selbstverständlichkeiten zu erinnern, aber gegenüber einer Rahel Rabinowitz ist es erforderlich. Es ist tief beschämend, daß es eine Jüdin gibt, die ihrem Volk mit solchen Verdrehungen und Verleumdungen in den Rücken fällt —, und daß ein Blatt, das die Würde der bayerischen Zentrumspartei vertreten soll, skrupellos genug: ist, dieses Machwerk abzudrucken, ohne sich auch nur zu vergewissern, ob die Verfasserin geistig gesund ist, geschweige denn, ob sie Jemand ist, der das Recht hat, als Jude hervorzutreten, ob irgendwelche jüdische Gruppe hinter ihr steht. _ Rahel Rabinowitz sucht ihre Behauptungen, Eisner sei als Jude dem deutschen Volke ein Fremdling, könne nichts von ihm verstehen usw. durch die Gegenüberstellung Eisner—Reichstagsmehrheit, Eisner—Ebert zu beweisen, deren innere Unwahrhaftigkeit sofort klar wird, wenn man Eisner und Liebknecht auf der einen Seite, auf der anderen Seite all die jüdischen und nichtjüdischen begeisterten Verteidiger Deutschlands seit 1914 zusammenstellt. Die ganze Argumentation des Artikels, der Eisner bekämpfen will und statt dessen eine Zusammenstellung von An würfen gegen das Judentum darstellt, kann nur jemand anstellen, der von der Bedeutung und dem Wert der Juden auf allen Gebieten des deutschen Lebens keine Ahnung hat. . Unter all den Vorwürfen, die Rabinowitz dem Juden Eisner macht, kommt plötzlich der Satz: Er lebt ja ganz in internationalistischpazifistischen Ideen“. Sie schwingt sich aber nicht zur Klarheit auf, daß vielleicht gerade darin der Schlüssel für all das zu suchen wäre, was sie Eisner vorzuwerfen für nötig hält. Daß Rahel Rabinowitz sich für ihre provokatorischen Auslassungen in denen sie sich von allem Verantwortlichkeitsgefühl frei zeigt, den „Bayerischen Kurier“ auswählt und durch ihn weiteste Verbreitung sucht, kennzeichnet sie genügend. Die Leichtfertigkeit, mit der sie — ohne Verantwortung gegen irgendwen — die schwerwiegendsten Behauptungen aufstellt, erfährt eine scharfe Beleuchtung durch eine Nachricht, die von der sozialistischen Korrespondenz in ganz anderem Zusammenhang verbreitet wird: „Eisner hat in den Tagen vom 25. Juli bis 4. August 1914 die ihm nahestehenUn Parteigenossen mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Beweisführung bestürmt, doch um jeden Preis für die Bewilligung der Kriegskredite einzutreten.Erst im Herbst 1914 hat dann Eisner auf Grund anderer Beweisstücke seine Stellung ins vollkommene Gegenteil geändert.“ Rahel Rabinowitz aber behauptet schlankweg: „Eisner aber stand abseits. Er war sofort überzeugt, Deutschland und nur Deutschland sei schuld an diesem Krieg. Woher düesier 'Unterschied? Weil Eisner eben kein Deutscher, sondern ein Fremdling.“ Eine größere Skrunellosigkeit, als die hier zutage tretende, ist nicht denkbar. Auch wir wünschen, daß die Juden sich heute von den leitenden Staatsstellen zurückhalten möchten. Nicht weil wir Anfeindungen scheuen, zu denen böser Wille immer Gründe findet, sondern weil es uns als ein Gebot des Taktes für die deutschen Bürger jüdischer Nationalität erscheint. Wir haben im Leitartikel der vorigen Nummer gezeigt, daß wir —• im Gegensatz zu vielen — ein offenes Wort über diese Sache nicht scheuen. Aber es muß auch gesagt werden, daß in dieser äußerst schwierigen, weil noch völlig ungeklärten und überdies die ursprünglichsten Rechte einer Staatsbürgergruppe berührenden Materie nur derjenige vor der Öffentlichkeit das Wort nehmen dürfte, der dazu durch seine Stellung im Judentum oder in der deutschen Politik legitimiert ist, keinesfalls aber, die Schireiberin des Artikels im „Kurier“, mit der jede Richtung im Judentum eine Geistesgemeinschaft energisch ablehnen wird und deren Kenntnis Deutschlands und deutscher Fragen nur ganz von außen her gewonnen sein kann. Die von uns empfohlene Zurückhaltung ist nur möglich und hat nur einen Sinn als völlig freie Willensentschließung aus der Erkenntnis der tieferen nationalen Zusammenhänge, als freier Verzicht auf ein an sich unbestrittenes Recht. Sie aber durchi eine wüste Hetze, wie die gegen Eisner betriebene, erzwingen zu wollen, ist absurd. Das ^möchten Wir den Herren vom „Bayerischen Kurier und den Blättern verwandter Richtung zu bedenken geben. * * *